Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 allgemeine Interesse das von Leopold Horowitz im Aufträge des Kaisers verfertigte Bild der Kaiserin; nun hat der Kaiser den Künstler durch Verleihung des Ehrenzeichens für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. — Der Pfarrer Dr. I. Deckert aus dem Vorort Weinhaus,, ei» leidenschaftlicher Kanzelagitator der christlich-sozialen Partei und bekannt durch seine Hetzschriften über das angebliche jüdische Blutritual, veröffentlichte am Charfreitag ein Pamphlet gegen den Protestantismus und die Protestanten unter dem Titel: „Luthers Selbstmord, eine historisch erwiesene Thatsache. Vademekum für Katholiken, die lutherisch werden wollen." Das Pamphlet ist charakteristisch dafür, daß die Gehässigkeit der Christlich-Sozialen und Antisemiten sich gegen die Protestanten ebenso wie gegen die Juden wendet.— Baronin Clara Hirsch hat noch vor ihrem Ableben eine Stiftung von einer Million Gulden für ungarische Arme ohne Unterschied der Abstammung und Konfession gemacht. Zweck der Stiftung ist, daß dir Zinsen derselben als Darlehen an arme Bittsteller zinsenfrei verabfolgt werden, und das Darlehen in beliebig kleinen Rate» zurückerstattet werden kan». Ein Darlehen darf nicht kleiner als 80 und nicht höher als 300 fl. sein. Die Stiftungssumme wird zu Händen des ungarischen Ministers für Kultus und Unterricht erlegt, welcher auch das Stiftungskuratorium ernennt. — In der Armee wurden die Doktoren Handel zum Festungschefarzt in Krakau, Fischer zum Sanitätschef des 11. Korps und Epstein zum Kommandanten des Garnisonspitals in Josefstadt ernannt. — Am 26.d. M. ist hierDr. Arthur Bunzl, Chefredakteur der Volkszeitung, ein tüchtiger und hochachtbarer Journalist, im 56. Lebensjahre gestorben. — In Meran ist der geniale Schauspieler Julius Wittels am 12. d. Mts. einem tückischen Lungenleiden erlegen; er hinterläßt zwei unmündige Kinder und eine Wittwe, die Schauspielerin Gusti Moser, die seinerzeit zum Judenthum übergetreten ist. Es ist interessant, daß Wittels und sein ebenfalls schon verstorbener Freund Alexander Krakauer das Wiener Lied als solches gemacht und ihm die weiteste Verbreitung geschaffen haben. Frankreich. o. Paris, 3. April. Der Telegraph hat Ihnen schon die traurige Kunde gebracht von dem tiefschmerzlichen Verlust, den das ganze Haus Israel, ja die gesammte Menschheit durch den Tod unserer größte»! Philanthropin, der Frau Baronin Clara v. Hirsch-Gereuth erlitten. Was könnte ich Ihnen heute über diesen Trauerfall sagen, was Sie nicht selbst wüßten? Daher nur wenige Worte über den äußeren Lebensgang der großen, Todten, der alle Pariser Blätter heute ehrenvolle Nachrufe widmen. Clara v. Hirsch wurde als die zweite Tochter des späteren belgischen Senators A. Bischofsheim im Jahre 1833 in Antwerpen geboren. Sie hat noch einen Bruder und zwei Schwestern, Frau Goldschmidt hier und die Gattin deS Senators Montefiore-Levy in Brüssel. Der verstorbene Baron Hirsch hatte eine Schwester, Frau Bamberger, und zwei Brüder, Baron Theodor und Baron Emil Hirsch, dessen Gattin eine geborene Ladenburg aus Mannheim ist. Die verstorbene Baronin litt seit sechs Monaten an einem schweren Krebsleiden. Gleichwohl beschäftigte fie stch noch bis zum 25. v. Mts. mit allen Arbeiten für das Gemeinwohl. Da nahm plötzlich die Krankheit einen überaus heftigen Charakter an und führte in der Nacht von Freitag auf Sonnabend zu tödtlichem Ausgang. Das Leichenbegängniß findet heute Mittag statt von dem Trauerhause in der Rue de Elysee 2. (Ich berichte Ihnen für die nächste Nummer ausführlich darüber.) Hiefige Blätter melden, daß die Verstorbene in den letzten drei Jahren ihrer Wittwenschaft mehr als 200 Millionen Frcs. für wohlthätige Zwecke gespendet habe. Schon vor längerer Zeit hat Baronin Hirsch über ihr Vermögen testamentarisch verfügt; in ihrem Testament hat sie alle Wohlthätigkeitsanstalten bedacht, welche von ihr dauernde und regelmäßige Unterstützungen erhielten. Die Verstorbene hat in ihren letzten Bestimmungen den Wunsch ausgesprochen, daß zu ihrem Begräbniß keine Einladungen ausgeschickt werden, und daß man weder Blumen noch Kränze auf ihren Sarg lege» möge. Die schönsten Blumen, die herrlichsten Kränze hat sie sich doch in ihrem Leben selbst gewunden. Ihr Name bleibe ewig in Ehren! Türkei. a. Salonichi, Ende März. Am 2. v. M. ist hier ein Mann verstorben, der in seinen Leistungen wie in seinem Leben an die berühmten Persönlichkeiten der jüdischen Gelehrtengeschichte erinnert. Juda Nahama, der im 72. Jahre seines Lebens stand, hatte sich in seiner Jugend eine außerordentliche Gelehrsamkeit auf talmudischem Gebiet erworben, jedoch damit nicht zufrieden, studirte er auch die Sprache des gebildeten Europa und war so in der Lage, die neue Entwickelung zu verfolgen, die die jüdische Wissenschaft in diesem Jahrhundert nahm. Er stand in lebhaftem Briefwechsel mit Zunz, Rappaport und Luzzatto, und sein Briefwechsel mit diesen Herren der jüdischen Litteratur, von dem vor vier Jahren der erste Theil erschien, bot viel Interessantes. Auch als Schriftsteller produzirte Nahama Bedeutendes, z. B. eine Geschichte der Völker Asiens und Afrikas, und vor mehr als 30 Jahren gab er eine Zeitschrift in spagnolischer Sprache heraus, die freilich nicht von langem Leben war. Leider gingen vor vier Jahren bei eine»» Brand seine werthvolle Bibliothek und die Manuskripte einer von ihm verfaßten Geschichte der Juden Salonichis zu Grunde. Nahama war trotz seiner großen Gelehrsamkeit von Beruf Kaufmann und sehr erfolgreich in feinen Geschäften, so daß er sich ein hübsches Vermögen erwarb. Er war auch in vielen Ehrenämtern, speziell als Vizepräsident des Komttees der Alliance Israelite Universelle in Salonichi für die Verbreitung von Bildung unter den Juden, thätig. Von Nah tmfc Fern. Das 50jährige Journalisten - Jubiläum beging gestern Hermann Holdheim, Redakteur der „Bolkszeitung" seit deren Bestehen, der älteste Sohn des sel. Dr. Samuel Holdheim. — Der bisherige Hilfslehrer Dr.H. Samter ist zum Oberlehrer an der Friedrich-Werderschen Oberrealschule ernannt worden. — Unter neun Bewerbern um das Preisausschreiben des „Vereins deutscher Maschinen-Jngenieure" ist der erste Preis (2000 Mark) dem Regierungsbauführer Julius Lehr zuerkannt worden. — Der älteste Arzt in Charlottenburg Sanitätsrath Dr. A. Arnheim feierte am 29. März seinen 80jährigen Geburtstag. — Der Schiffsarzt der „Bulgaria" Dr. Arthur Muszkat aus Breslau hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Der Magistrat von Dessau hat einer neuen Straße den Namen „Mendelssohnstraße" beigelegt. — In Frankfurt a.M. ist der Direktor der Deutschen Effekten- und Wechselbank Adolf L. Hahn im 76. Lebensjahre gestorben.. Derselbe gehörte auch kürzere Zeit dem Ausschuß des Deutsch-Israel. Gemeindebundes an. — Das Fest ihrer „goldenen Hochzeit" feierte am 31. März er. das Ehepaar M. Dzibas in Schwerin i. M., dem auch die Ehejubiläumsmedaille verliehen wurde. — Der jüdische Oberarzt im jüdischen Hospital in Warschau, Dr. L. Chwat, wurde in Würdigung seineraußerordentlichen Verdienste vom russischen Kaiser in den erblichen Adelstand erhoben. — In Warschau ist am 31. v. M. der bekannte Bankier Wilhelm Landau gestorben. — A. Tedeseo und M. Ottolenghi stnd zu Generalinspektoren der italienischen Eisenbahnen, August Mortara, ein Bruder des bekannten Paters, zum Generalinspektor der Finanzen, A. Padoa zum Generalinspektor der Banken, M. Pincherle zum Staatsrath ernannt worden. — Bernhard Lazare ist aus dem zionistischen Centralkomitee ausgetreten. — Der französische Minister des Innern hat die Zeitschrift „L'Antijuif", die jetzt in Genf erscheint, für Frankreich verboten. — Der Untersuchungsrichter Fabre erließ eine Verfügung, nach welcher Jules Guerin, der Präfident der Antisemitenliga, vor das Zuchtpolizeigericht in Paris gestellt wird. — In London stnd Lionel Edward Pyke, einer der angesehensten Rechtsanwälte der Stadt, im 44. Lebensjahre, und Simon Simons, ein in wohlthätigen und politischen Vereinen eifrig thätiger Philanthrop, im 62. Lebensjahre gestorben. — In Melbourne ist Jsaae Hart, einer der ältesten und angesehensten Bewohner der Stadt, gestorben. Derselbe war fast 40 Jahre Direktor der City von Melbourne. — Am Bord des Schiffes „Boutwell" starb in New-Berne der Kapitän Morton Levy-Philipps, der Neffe des berühmten Kommodore Uriah O.Levy, des seinerzeitigen Oberbefehlshabers der Marine der Vereinigten Staaten. Morton Levy-Philipps stand seit Langem, wie sein Onkel, im Dienst der Kriegsflotte. , Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.