Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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des Wetters, das Gotteshaus zu besuchen, niemals versäumte sie, von ihrem Gute den Dürftigen zu geben — und alles geräuschlos. Mit innigster Liebe hing sie an ihrem einzigen Sohne, dem Herrn Siegfried Cohen hier, der sie mit musterhafter Kindesliebe verehrte, wovon Schreiber dieses oftmals Zeuge war. Eine Frau, die so gelebt, hat die Aufgabe eines jüdischen Weibes richtig erfaßt und erfüllt. Sie ruhe in Frieden! — Der Jahresbericht der Unterftühungskasse des Vereins israelitischer Elementarlehrer für Rheinland und Westfalen pro 1898 theilt mit, daß die nächste Jahreskonferenz am 22. und 23. Mai d. I. hier stattfinden wird. Die Mitgliederzahl ist von 99 auf 104 gestiegen. Auch in diesem Jahre hatte sich der Verein lebhafter Theilnahme von Mitgliedern und Hörern zu erfreuen. Die Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen, Eintrittsgeldern und Nachzahlungen betrugen 900 Mark, die Bermögenszinsen 3367,62 Mark, die freiwilligen Beiträge und Schenkungen 8476,07 Mark. Die Unterstützungen betrugen 7612 Mark. Das Kassenvermögen war Ende v. I. auf 100 690,31 Mark gestiegen. Der Vorstand besteht aus den Herren: Lehrer Blumenau-Hannover, Blumenfeld-Essen, Treü-Essen, Ehrenvorsitzende. Graf-Essen, Vorsitzender. Steinweg-Rheda, stellvertretender Vorsitzender. Goldstein-Grevenbroich, Levi-Neuß, Liepmannssohn-Minden. Elberfeld, 30. März. Den Jahresberichten der beiden höheren und mittleren Mädchenschulen entnehmen wir, daß sich Herr Rabbiner Dr. Auerbach wegen Ueberhäufung mit Arbeit veranlaßt sah, seiü Amt an den genannten Schulen niederzulegen. „Ungern" — so lesen wir in dem Berichte der höheren Mädchenschule und Lehrerinnen- Bildungsanstalt in der Weststadt — „sehen wir den verehrten Mann aus seiner Stellung scheiden, die er so viele Jahre verwaltet hat. Sein liebenswürdiges Wesen, seine große geistige Frische hatten ihn uns lieb und werth gemacht." An seine Stelle trat Herr Hermann Zivi, dem die königliche Regierung zu Düsseldorf auf Grund seiner Zeugnisse den gesummten Religionsunterricht an den ihr unterstellten Anstalten definitiv übertragen hat. Auch vom königlichen Provinzial-Schulkollegium zu Koblenz ist Herr Zivi als Religionslehrer anerkannt und mit dem Unterricht in der dritten Abtheilung des Realgymnasiums sowie mit dem ganzen Unterricht in der Realschule betraut worden. o. Cassel, 3. April. Am 23. v. Mts. fand im Israelitischen Seminar unter Vorsitz des Provinzial-Schulraths Dr. Otto sowie unter Mitwirkung des Geheimen Regierungs- und Schulraths Dr. Sternkopf und des Landrabbiners Dr. Prager die Entlassungsprüfung statt. Sämmtliche 10 Prüflinge bestanden die Prüfung. — Am 14. Oktober 1624 genehmigte das hessische Ministerium „die Einrichtung einer israelitischen öffentlichen Schulanstalt", in welcher Seminar und Schule organisch verbunden sein sollten. Die Anstalt trat noch 1824 zu Cassel ins Leben und kann somit bald auf ein 75 jähriges Bestehen zurückblicken. Noch weiter zurück liegt die am 1. Oktober 1610 zu Cassel erfolgte Begründung eines Seminars nebst Knabenschule. Dieses Institut, eine Schöpfung der westfälischen Zeit, scheint auch nach der Restauration noch fortvegetirt zu haben, wenn auch nur kümmerlich. Noch 1322 wird eine Judenschule von Cassel erwähnt, neben der Synagoge. # Ems, 3. April. Der erste Jahresbericht des Israelitischen Central-Waisen- und Mädchenheims ist eine dankenswerthe Gabe. Die Zahl der Zöglinge beträgt 27. Bon diesen besuchen 23 die öffentliche mehrklassige Volksschule, den Religionsunterricht ertheilt in der Anstalt selbst Rabbiner Dr. Weingarten. Der Etat schließt in Einnahme und Ausgabe mit 48 348,33 M., wovon 28 000 M. Stiftungsgelder sind. Die Einweihung des neuen Heims fand am 31. Juli v. I. statt. Der Vorstand besteht aus den Herren: Dr. Aronsohn, prakt. Arzt, Ems-Nizza; Dr. Cohn, Distriktsrabbiner, Jchenhausen; Eduard Feist, i. F. Beer, Sondheimer & Co., Frankfurt a. M.; Heinrich Frankel, Kaufmann, Berlin; Sally Goldschmidt, i. F. Goldschmidt L Co., Frankfurt a. M.; Louis Grumach, i. F. Gebrüder Grumach, Kaufmann, Berlin; Dr. Horovitz, Rabbiner, Frankfurt a. M.; Alphons Jacobson, Bankier, Leipzig; Joseph Kirchberger, Buchhändler, Bad Ems; Heinrich Königsberger, Kaufmann, Bad Ems; Dr. Landau, Bezirksrabbiner, Weilburg; G. Pinoff, Kaufmann, Görlitz; Dr. Weingarten, Bezirksrabbiner, Bad Ems.!>$ Gießen, 4. April. Der Großherzogliche Landesrabbiner Dr. Benedikt S. Levi ist heute Nachmittag 3 Uhr nach kurzem Kranken¬ 3 - lager im 93. Lebensjahre gestorben. Dr. Levi, welcher der älteste Einwohner Gießens war, war bei der hiesigen Religionsgemeinde 67 Jahre als Rabbiner angestellt und wurde vor zwei Jahren penfionirt. Dr. Levi war aber auch der älteste Rabbiner Deutschlands. Seit sieben Jahrzehnten war er unermüdlich im Dienste des Judenthums thätig und einer der eifrigsten Vertreter der fortschrittlichen Richtung innerhalb unserer Glaubensgemeinde. Ein Sohn des Verstorbenen ist der baierische Hofmustkdirektor Levi. Ein ausführlicher Nekrolog des Verstorbenen folgt in der nächsten Nummer. Möge ihm die Erde leicht sein! Sein Name wird in der Geschichte des deutschen Judenthums mit Ehren genannt werden. QD Frankfurt a. M., 5. April. Die Achawa, Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrer-Wittwen und -Waisen in Deutschland, versendet ihren 34. Rechenschaftsbericht für das Jahr 1898. Sie hat im Laufe des Jahres 5333,33 Mark an außerordentlichen Zuwendungen empfangen aus dem Nachlasse der Frau Regina Goldfchmidt hier. Gleichwohl muß es beklagt werden, daß die meisten Verwaltungen der israelitischen Gemeinden diesem Verein noch ganz fern stehen. Giebt es doch leider zahlreiche wohlhabende Gemeinden, besonders in größeren Städten, die zwar für ihre pensionirten Lehrer von der Achawa größere Summen jährlich erhalten, und die uns die Bedürftigkeit derselben in deren jährlichen Anmeldungen regelmäßig befürwortend bestätigen, die aber noch nie daran gedacht haben, dem Verein die kleinste Zuwendung zu machen oder demselben mit dem minimalen Ehrenmitglieds-Beitrag von nur 6 Mark jährlich beizutreten! — Die Zahl der aktiven Mitglieder beträgt 363, die Zahl der Ehrenmitglieder 1000. An Jahresunterstützungen wurden 15 244 Mark in 103 Theilen zu je 148 Mark an 84 Unterstützte gegen 14 400 Mark in 100 Theilen zu je 144 Mark an 80 Unterstützte im vorigen Jahre vertheilt. Das Bereinsvermögen beträgt jetzt nach Abzug der zur Bertheilung kommenden Summe 236 041,90 Mark gegen 227 385,20 Mark im vorigen Jahre. Der Vorstand der Achawa besteht aus den Herren: Konsul Adolph Baer-Goldschmidt, Borsttzender, Frankfurt a. M. Philipp Schiff, stellvertretender Vorsitzender, Frankfurt a. M. Oberlehrer Dr. Alfred Löhren, Schriftführer, Frankfurt a. M. Alfred Rosenthal, Kassirer, Frankfurt a. M. Julius Goldschmidt, Gegenschreiber, Frankfurt a. M. Jacob Scherer, Reallehrer, Frankfurt a. M. Karl Marx, Lehrer in Alsheim (Rheinhessen). E. Gutkind, Lehrer in Kassel. Heinrich Frei, Lehrer in München. Oesterreich - Ungarn. HI Wien, 3. April. Der Vorstand der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" beschäftigt<sich in seiner am 23. v. Mts. stattgefundenen Sitzung u. a. Mch mit einem vom Abgeordneten Schneider im nieder österreichischen Landtage eingebrachten Antrag auf Abänderung der Dienstbotenordnung in dem Sinne einer Erschwerung der Ausnahme christlicher Dienstboten bei jüdischen Dienstgebern! Nach eingehender Diskussion wurde beschlossen, eine Verwahrung gegen die Zulassung und Verlesung dieses Antrages nicht einzubringen, und zwav aus folgenden Gründen: Die Begründung des Antrages enthält allerdings eine Reihe der nichtswürdigsten Schmähungen und niedrigsten Verleumdungen gegen die jüdischen Hausfrauen. Die Juden find es aber nicht allein, welche in diesem tollwüthigen Schriftstück angegriffen werden. Es werden in gleich unqualifizirbarer Weise die höchsten Autoritäten des Staates, die obersten Justizbehörden, die Gesetzgebung und Verwaltung beschimpft und verunglimpft, deren Urlheile, Entscheidungen und Verfügungen herabgewürdigt und dem öffentlichen Spott ausgesetzt. Es wäre die Pflicht des Landmarschalls gewesen, diesen Mißbrauch der Immunität spontan dadurch zu verhindern, daß er den Antrag mit seiner ungeheuerlichen Begründung zur Verlesung nicht zugelassen hätte. In jedem anderen Parlament der Welt wäre diese Cenfur von Seiten des Vorsitzenden zweifellos erfolgt. Da es sich hier nicht blos um die Ehre der Juden, sondern zum mindesten auch in dem gleichen Maße um die Ehre und das Ansehen aller staatlichen Autoritäten handelt, war der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" der Ansicht, daß eine Remedur gegen die ungeheuerliche Begründung des Antrages Schneider zunächst Pflicht und Aufgabe jener Faktoren wäre, welche über die Achtung vor dem Gesetz zu wachen haben. — Bei der Eröffnung des Künstlerhauses erregte das