Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 14 Gerlin, 7. April 1899 Weikage zur „Attgemernen Zeitung des Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Drntschland. 8. Berlin, 5. April. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, ist die Frage der Rabbinerwahl wieder in Angriff genommen worden. Der Ausschuß III, dem die Wahl des Herrn Rabbiners Dr. Jacob zur Vorprüfung vorliegt, hatte sich bereits am Dienstag Abend mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen. Es ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die Frage in dieser Sitzung schon so weit gefördert wurde, um sie in der am nächsten Sonntag stattfindenden Repräsentantenversammlung zur Plenarberathung gelangen zu lassen. — Herr Julius Jaeoby, Vorstandsmitglied der hiesigen Gemeinde, hat einen schmerzlichen Verlust durch den Tod seiner Gattin, einer vortrefflichen und allgemein geschätzten Frau, die in Meran verschieden ist, erlitten. 8. Berlin, 2. April. Heute, am letzten Passahtage, fand in dem dichtgefüllten Gotteshause der Reformgemeinde die Konfirmationsfeier in üblicher Weise statt. Es wurden 18 Knaben und 20 Mädchen, unter den letzteren 4 Zöglinge aus dem Mosse'schen Erziehungs-Institute in Wilmersdorf, durch Herrn Dr. Klemperer eingesegnet. Der Feier voran ging die gottesdienstliche Liturgie, dann leiteten zwei Gebete, von Konfirmandinnen, Alice May und Erna Waldo, gesprochen, die eigentliche Feier ein. Der darauf folgenden Ansprache des Predigers, die einen tiefen und weihevollen Eindruck auf die Jugend sowohl wie auf die zahlreiche Gemeinde ausübte, war das Psalmwort zu Grunde gelegt: „Opfere dem Ewigen deinen Dank und entrichte ihm deine Gelübde". Nach der Ansprache trugen die Konfirmanden die von ihnen gewählten Sprüche vor, und ein Knabe, Leon Rothkugel, legte für Alle das Glaubensbekenntniß ab. Die Segensertheilung und das große Hallelujah (Psalm 150) bildeten den Abschluß der würdigen Feier. 8. Berlin, 1. April. In dem festlich geschmückten Sitzungssaal des Jüdischen Krankenhauses fand heute Mittag unter zahlreicher Betheiligung die Feier des 25 jährigen Dienstjubiläums des dirigirenden Arztes der inneren Station, Herrn Sanitätsraths Dr. Lazarus, statt. Der Vorstand und das ärztliche Personal des Krankenhauses waren in corpore erschienen. Nach dem Eröffnungsgesange des Chors „Gott grüße dich" nahm zunächst der Vorfitzende des Krankenhausvorstandes, Stadtverordneter Louis Sachs, das Wort, schilderte in anschaulicher Weise den Entwickelungsgang des Jubilars in den verflossenen 25 Jahren und überreichte eine von Herrn Hugo Heilmann vorgelesene, schön ausgestattete Adresse, welche die Stiftungsurkunde der von dem Borstande errichteten Dr. Julius Lazarus Bettstiftung enthält. Im Namen der früheren und der zeitigen Assistenten der Anstalt überbrachte Herr Dr. Löwenmeyer die Glückwünsche und überreichte als Zeichen der Dankbarkeit und der Verehrung dem „gütigen, umsichtsvollen Führer und Lehrer, dem stets bereiten Förderer und Berather" eine von den Assistenten verfaßte wissenschaftliche Festschrift. Nach herzlichen Dankesworten des Jubilars ergriff als Vertreter der äußeren Abtheilung des Krankenhauses Herr Professor James Israel das Wort. Er gedachte der Entwickelung der langjährigen gemeinsamen Thätigkeit mit Lazarus, die vor ca. 30 Jahren begonnen. Getrennt seien sie zwar marschirt, aber nur, um gemeinsam schlagen zu können; das gemeinsame Ziel sei immer die Hebung der Anstalt in praktischer und wissenschaftlicher Hinficht gewesen. Er spracht die Hoffnung aus, daß die vielfachen Berührungen immer zahlreicher werden mögen, um die Einheitsbestrebungen der Medizin, soweit es möglich sei, auch an dieser Anstalt zu verkörpern. Als letzter Redner sprach alsdann Herr Geheimer Sanitätsrath Boas Namens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, der am höchsten des Jubilars stets treu bewährte humane Gesinnung schätze, die sich nicht nur in den Dienst der leidenden Insassen des Krankenhauses gestellt, sondern auch mit Rath und That in den der bereits Genesenen, und die wesentlich dazu beigetragen. ihm die ehrenvolle Stellung zu erwirken. In seiner Gegenrede hob der Jubilar die kulturelle Aufgabe des Krankenhauses hervor, das gegenüber den anderen rein konfessionellen Anstalten eine eigene Stellung einnehme und auch einnehmen müsse. Wenn es leider noch noth thue, der Welt beweisen zu müssen, daß das Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" im Alten Testament stehe, so sei gerade das jüdische Krankenhaus der Ort, der von der Richtigkeit dieses Wortes überzeugen könnte. Dem Gemeindevorstand werde es hoffentlich gelingen, auch die Mittel und Wege zu finden, daß das Krankenhaus diese Aufgabe voll und ganz erfüllen könne. Mit dem Chorgesange „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" fand die würdige und erhebend^ Feier ihren Abschluß. Möge der Jubilar noch lange schaffensfreudig seines edlen Berufes walten! S. Berlin, 4. April. Am 31. März verschied plötzlich infolge eines Schlaganfalls im Alter von 50 Jahren Herr Ludwig Mecklenburg. Der Verstorbene, der unverheiratet war, erfreute stch hier allgemeiner Beliebtheit. Er gehörte verschiedenen Institutionen der jüdischen Gemeinde an und bethätigte sich besonders im Erziehungshause, dem jetzigen zweiten Waisenhause zu Pankow; er war ferner Mitglied des Ausschusses des „Liberalen Vereins" und Logenbruder der Loge „Hammonia zur Treue". Die Beerdigung fand heute unter zahlreichem Trauergefolge statt. Rabbiner Dr. Weisse hielt eine ergreifende Leichenrede, in der er hervorhob, daß der Verstorbene insbesondere Anderen zu helfen bestrebt gewesen sei, wie schon sein Vater seine Hauptaufgabe darin gefunden, den Hilflosen beizustehen. Namens der Kuratoren des Pankower Waisenhauses sprach alsdann Herr Rechtsanwalt Breslauer. Bon Anfang an habe der Verstorbene, so führte der Redner aus, am Institut mitgearbeitet, weil er die hohe Kulturmisfion erkannte, die hier zu verwirklichen war. Er habe alle Phasen des Hauses durchgemacht vom ersten Eintreffen der Zöglinge in der Fruchtstraße, der Einrichtung des Pankower Hauses, der Ausbildung der russischen Knaben bis zu ihrer Entlassung ins Ausland, der allmäligen Aufnahme der Berliner Kinder und der Uebernahme des Hauses durch die jüdische Gemeinde. Was ihn auszeichnete, sei seine Treue und seine Bescheidenheit gewesen. Er war treu den idealen Zwecken zur Zeit, als sie noch manche Gegner hatten, und ist ihnen treu geblieben, als die Widersacher verschwanden und die Folgerichtigkeit der Bestrebungen überall anerkannt wurde. Er war treu dem Hause selbst, um dessen Einrichtungen er sich bis ins Kleinste kümmerte, treu den Schülern und Lehrlingen, denen er wie ein Vater zur Seite stand. Die Verbindung der entlassenen Zöglinge mit dem Hause habe er durch Aufrechterhaltung eifriger Korrespondenz immer wieder hergeftellt. Seine Bescheidenheit gipfelte darin, daß er sich niemals in den Vordergrund drängte, jeden, auch den schwierigsten Auftrag übernahm und ausführte, stch aber niemals nennen lassen wollte. Namens der Loge „Hammonia zur Treue" legte alsdann Herr Albert Philipp Meyer einen Kranz nieder. Nach dem von Dr. Weisse gesprochenen Gebet fangen die Pankower Knaben, welche auch durch Chorgesang die Feier einleiteten, wiederum zwei Verse. Das Kaddischgebet wurde in der Leichenhalle ebenfalls von den Zöglingen des Waisenhauses gesprochen. 82 Berlin, 9. April. In der Stadt Cottbus, deren Magistrat in früheren Jahren bei Festsetzung der Frühjahrs- und Herbstjahr Märkte.die jüdischen Feiertage berücksichtigt und deshalb mannigfache Angriffe judenfeindlicher Blätter erfahren hatte, wurde im November v. I. der Herbstjahrmarkt 1899 auf einen Termin festgesetzt, der mit dem jüdischen Neujahrsfeste zusammen fällt. Trotz der von den Interessenten, der jüdischen Synagogengemeinde und deren Prediger, beim Magistrat und bei der Königlichen Regierung in Frankfurt a. O. unternommenen Schritte gelang es nicht, eine Verlegung zu erwirken. Infolge dessen wandte sich Herr Prediger Kamerase unter dem 27. Februar er. an den Ausschuß des Deutsch - Israelitischen