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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-07 · Heft 14 (7.4.1899) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
Seite 168 (sequence 12)
Language
German
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WMWWWWWWWW»»»» IM^MMMWSWWWWMMWWWWMffWWW 168 bringen! Um einen Vergleich mit einem ganz Großen heranzuziehen, glaubst Du, Spinoza zum Beispiel hätte, als sie in der Synagoge zu Amsterdam den Bannfluch über ihn, den Verächter des mosaischen * Gesetzes, aussprachen, noch umzukehren vermocht, selbst wenn er gewollt hätte?" „Sieh' Dich um, Regina!" Die Hand der Mutter wies gebieterisch auf die mit Familienbildern dicht behängten Wände des Zimmers. Die röthlichen Strahlen der Abendsonne sielen durch die zwischen den hochgiebeligen Häusern der alten schmalen Straße hier und da befindlichen Lücken jetzt gerade so, daß sie hier die halbe Figur, dort die scharfgeschnittenen Züge eines längst verschollenen und begrabenen da Silva aufleuchten ließen. Dann schritt sie an einen im Hintergründe des Gemaches befindlichen Schrank und entnahm ihm einen mächtigen, in Leder gebundenen, mit Silber beschlagenen Folianten. Behutsam legte sie das Buch auf einen Tisch und schlug es an der rechten Seite auf. Es war eine hebräische Familienbibel. Sie deutete auf das mit Namen in verschiedenen Handschriften bedeckte Titelblatt, das offenbar beträchtlich älter war als das ganze übrige Buch. „Und jetzt schau' hierher," sprach sie weiter, „durch Generationen und Abergenerationen kannst Du Deinen Stammbaum zurückverfolge», wie Eine aus adeligem Blut. Unsere Familie ist hier ansässig gewesen, als den Israeliten als solchen hier der Aufenthalt noch gar nicht gestattet war, unter den Marannen dieser Stadt steht ihr Name obenan. Und als sich endlich hier eine jüdische Gemeinde bilden durfte, einer ihrer ersten Vorsteher war ein da Silva. Es waren geistig hochbedeutende Leute unter unseren Vorfahren, aber als „Zwang" hat kein Einziger von ihnen unsere Gebote aufgefaßt., Nein, für sie waren sie ihres Lebens heiligster Inhalt. Stets" und immerdar sind sie wegen ihrer strengen, gewiflenhaften Frömmigkeit berühmt und geachtet gewesen. Und da Du cs eben für nöthig hieltest, den „Professor" besonders hervorzuheben, so mag Dir darauf entgegnet werden, auch Jene sind zu allen Zeiten, trotz ihres getreulichen Befolgens aller Gebote, trotz ihres beharrlichen Festhaltens am Buchstaben des Gesetzes, von Rath und Bürgerschaft, soweit man das dazumal überhaupt so nennen konnte, hochgeehrt und, wo sich Veranlasiung dazu ergab, des ausgedehntesten Vertrauens gewürdigt worden." „Es ist mir nicht eingefallen, in dem Sinn, wie Du meinst, den „Professor" zu betonen," gab Regina ruhig zurück, „was indeß die von unseren Vorfahren genoffene Achtung und gute Behandlung betrifft, so muß ich Dir darauf erwiedern, daß die Veranlaffung dazu mit ihrer Frömmigkeit nichts zu schaffen hatte. Nein, man brauchte sie. Die Geldjuden waren in früheren Jahrhunderten unentbehrlich. Und entstand wieder einmal eine jener wahnsinnigen Hetzen, oderbedurfte man ihrer nicht mehr, oder waren sie ihren christlichen Schutzherren einfach zu reich geworden, dann wies man sie, je nachdem, entweder einfach aus, oder aber man schlug sie todt wie die Hunde. Vor bcm Schicksal hat selbst der frömmste Lebenswandel Keinen bewahrt. Du willst mir doch nicht sagen, daß Jene, die ihrer nicht entrathen konnten, sie dabei als entfernt sich selbst gleichberechtigt, sie überhaupt nur als Menschen anerkannt haben? Me kann man das also mit den Zuständeir der Gegenwart in irgendwelcher Weise in Parallele bringen wollen? Nein, da ist es, gottlob, heute doch bester. Aber das gehört hier eigentlich weiter nicht her." „Nein, Regina, da hast Du Recht. Und nun wüßtest Du mir,,- wohl einstweilen nichts mehr zu sagen? Dann ist es, wie ich vorhin schon erklärte, in unserem beiderseitigen Interesse besser, wir' brechen jetzt die Unterredung ab. Laß mich allein, sage ich, -laß mich allein." Als Regina da Silva hierauf, ihrer Mutter gehorchend, die Thür des Zimmers hinter sich zuzog, ohne von jener in stolzer Ablehnung abgewandt stehenden Gestalt noch einen Blick erhascht zu haben, hatte sie das Gefühl, als schlöffe sich damit auch hinter ihr die Pforte ihres bisherigen Lebens. Und dieser Gedanke packte mit so furchtbarer Gewalt an ihr innerstes Herz, daß sie, hin und her schwankend wie eine kraftlose Greisin, mit unsicherer Hand das Geländer der in die oberen Stockwerke leitenden Treppe zu erfassen suchte und gestrauchelt wäre, hätten nicht zu beiden Seiten kräftige Hände ihre Arme stützend ergriffen. „Was ist, Regina?" „Habt Ihr Euch ausgesprochen?" Fast gleichzeitig ertönten beide Fragen. Das Mädchen schaute sich um und blickte in die besorgten Gesichter ihrer beiden Brüder. Zn sprechen vermochte sie nicht, sie neigte nur schweigend das Haupt. „Armes Kind!" sagte Alphons, der jüngere Bruder, dessen intelligente Züge eine genaue Reproduktion jener auf den Familienbildern im Vorderzimmer beständig wiederkehrenden Physiognomie waren, mitleidig. „Was das Resultat ist, brauche ich nicht zu fragen. Verlorene Mühe! Armes Kind!" „Arme Mutter, vor allen Dingen!" sagte hierauf der Aelteste, der milde Raphael, der sonst bei Meinungsverschiedenheiten immer für jede der streitenden Parteien ein vermittelndes Wort zu haben pflegte, mit einer ihm sonst fremden Schärfe. „Fühlt Jhr's denn gar nicht, was das für sie bedeutet? Regina giebt auf, aber sie tauscht auch dafür ein. Der Mutter jedoch wird nur genommen!" „Sie will es ja nicht anders!" warf Regina halblaut hin. „Man darf mit Dir jetzt nicht rechten!" sagte Raphael mit der ruhigen Autorität, die er von Jugend auf über die jüngeren Geschwister ausgeübt hatte. „Geh' hinauf mit ihr, Alphons, suche sie zu beruhigen. Ich" — der Entschluß schien ihm nicht leicht zu werden — „rede inzwischen mit der Mutter, wenn ich mir auch keinen Erfolg davon verspreche." (Forts, folgt.) Mterarifche Mittheilnngen. --- Bernfeld S.: Das Buch der Bücher. Berlin 1899. S. Cronbach. Je seltener die Kenntniß des biblischen Schriftthums wird, desto nothwendiger ist es, dem gebildeten Laienpublikum die Kenntniß und das Berständniß desselben näher zu bringen. Für den letzteren Zweck hat der Verfasser dieses Werk geschrieben, und wir können nur sagen, daß er diese Abficht in jeder Beziehung erreicht hat. Er giebt in populärwissenschaftlicher Darstellung ein gutes und treues Bild des biblischen Schriftthums, in poetischer wie in historischer Beziehung. Der Verfasser ist aber kein Freund der Hyperkritik und Hypothesenjagd, obwohl er die positiven Resultate der Wissenschaft freudig anerkennt. Sein Werk ist mit großer Sachkenntniß geschrieben; er versteht es, durch gute Darstellung das Interesse eines voraussetzungslosen Leserkreises zu erregen und zu fesseln. So ist das Buch eine sehr interessante Lektüre für gebildete Juden; aber auch der Gelehrte kann es mit Nutzen lesend namentlich die Kapitel über die Entstehung der Bibel und speziell der Thora, über die altisraelitischen Geschichtsquellen und über die Schlußradaktion der Thora. Wir können dieses Buch für den Zweck, dem es gewidmet ist, auf das Wärmste empfehlen. --- Die Nr. 5 der „Mittheilungen aus dem Verein zur. Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Die Figur der Juden in der dramatischen Litteratur des 18. Jahrhunderts. — Patriotische Prahlsücht. — Wiener Briefe. — Aus dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Briefkasten. Druck und Verlag von Rudolf M v f s e in Berlin. Verantworttich für die Redattion: Max Bauchwitz in Berlin.

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