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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-07 · Heft 14 (7.4.1899) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
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167 In diesem Augenblick, da die Erregung den Gesten der Fünfundvierzigjährigen die Lebhaftigkeit längst vergangener Tage lieh, da ihre gewöhnlich bleichen Wangen sich infolge der sie durchwogenden Gemüthsbewegung mit einem schwachen Roth färbten, hätte man Simonette da Silva füglich für die ältere Schwester ihrer Tochter Regina halten können. Man sah's, es war ein schwerer Kampf, der dort ausgefochten wurde, zwei harte Steine waren's, die an einander geriethen. Nach dem leidenschaftlichen Ausruf der Mutter war einen Augenblick tiefe Stille eingetreten, eine Stiüe, in der gleichsam die lautlosen Gegenstände der ganzen Umgebung Leben zu gewinnen und dann den Athem anzuhalten schienen, um der Antwort der Jüngeren zu lauschen. Regina da Silva rang sichtlich nach Fassung. Als sie endlich zu reden begann, klang ihre Stimme fast unnatürlich leise. „Ich begreife nicht, Mutter, weshalb Du Dich so aufregst. Ich begehre doch nichts, als meine Hand einem Mann meines Glaubens reichen zu dürfen, der nicht alle Vorschriften unserer Religion mehr hält. Man sollte aber meinen, ich habe Dir erklärt, meine Absicht sei, mich taufen zu lassen." „Nun, und? — Viel weniger ist's in meinen Augen nicht, was Du vor hast. Ein Stein aus dem festgefügten Gebäude unseres Glaubens gerissen — und der ganze Bau stürzt schließlich zusammen!" „Das wäre ein schwaches Gebäude, das nicht den Verlust eines einzigen Steines zu ertragen vermag. Mutter, bedenke, wie viele von unseren Freunden und Bekannten halten alle die äußerlichen Formen, die uns so schrecklich einengen, in uns immer von Neuem das Gefühl des Ausgestoßenseins, des von der übrigen Welt Geächtetseins erwecken, überhaupt nicht mehr! Und das sind doch alles ebenso gute Menschen, ebenso gewissenhafte Israeliten im Grunde ihrer Ueberzeugung wie Jene, die jedes Gesetz mit eiserner Strenge halten." „Von der Ueberzeugung jener Anderen wollen wir lieber nicht reden: Theils ist's Gewohnheit oder Gleichgiltigkeit, was sie von dem letzten, entscheidenden Schritt hinüber zurückhält, theils auch vielleicht das Bewußtsein, von den Angehörigen der anderen Religionsgemeinschaft nachher doch nicht für voll angesehen zu werden. Aber in meinen Augen, wie in denen aller Strenggläubigen, sind Jene insgesammt keine Juden mehr." „Ich kann mir nicht helfen," sagte Regina leise, „ich habe von Gott, unserem allmächtigen Herrn, eine andere Vorstellung. Ich meine, sein Gebot ist vor allem: Nach Vollendung sollen wir streben, dem Endziel höchster Läuterung, möglichster Abstreifung irdischer Schwächen und Fehler entgegen. Und das zu erreichen, giebt es mehr Wege als nur den einen. O, Mutter, nie habe ich es so wie heute empfunden, daß der Buchstabe tödtet, der Geist aber lebendig macht. Das lebendige Wort hat Jahrtausende überdauert und wird es weitere Jahrtausende noch thun, aber der furchtbare Bnchstabenglaube droht jetzt, mir mein Lebensglück zu vernichten." „Es ist eben nicht Dein Lebensglück, kann es nicht sein. Regina, mein Kind," die Stimme der Sprecherin wurde weicher, „Du wirst mir das Zeugniß nicht versagen, daß ich mich nach Kräften bemüht habe, Euch eine gute Mutter zu sein, Euch Euren Heimgegangenen Vater zu ersetzen —" Das Mädchen ließ sie nicht weiterreden. Mit heißer Zärtlichkeit warf sie sich an die Brust der Mutter. „Das weiß ich ja, das weiß ich ja!" — Sie weinte nicht, aber ihre Worte waren wie erstickt von thränenlosem Schluchzen. „Die beste, treueste Beschützerin bist Du uns immerdar und von jeher gewesen." Und ihre Arme umschlangen sie fester und fester. Simonette da Silva strich mit liebkosender Hand über das schöne dunkle Haar ihres Kindes. Dann machte sie sich sanft frei. „Nun, siehst Du, Regina, kannst Du Deiner Mutter, die doch Mir dasselbe sagt, was Tausende von klügeren und besseren Menschen gesagt, wofür sie ihr Leben auf dem Scheiterhaufen gelassen haben, hierin nicht folgen?" Die hohe Gestalt ihrer Tochter stand wieder wie zu Stein geworden. „Nein, Mutter," sagte sie ernst, „das kann ich nicht. Auch ich bin nachgerade zu selbständigem Denken gekommen. Und Jene, von denen Du eben sprachst, wollte man doch zwingen, ihren Glauben abzuschwören; für bloße Aeußerlichkeiten gingen sie nicht in den Tod." „Eins kommt zum anderen." „Nicht für mich. Ich kann mir den allmächtigen Schöpfer nicht so kleinlich vorstellen. Und wenn ich es zehnmal versuchte, — ich kann nicht mehr zurück." In bitterer Selbstanklage griff sich die Mutter an die Stirn. „Meine Schuld ist es, meine allein. Warum habe ich Dir den Verkehr mit jenem Freigeist gestattet, warum ihm in unbegreiflicher Verblendung selbst mein Haus geöffnet? Das sind die Früchte seiner trügerischen Dialektik, mit der er Dir die Seele umgarnt hat!" „Kein Wort gegen Emanuel, Mutter!" flammte das Mädchen auf. „Aber das laß Dir gesagt sein: allein habe ich mich zu diesem Standpunkt durchgekämpft. Nie und in keiner Weise hat er meine Ansichten zu beeinflussen gesucht. Und was den Kern des Ganzen anlangt, denkt er genau so wie wir. Nur die äußeren Fesseln hat er abgestreift. Und gegen seine Ueberzeugung würde er dieselben nie wieder auf sich nehmen." „Auch nicht um des Mädchens seiner Wahl willen?" „Auch um derentwillen nicht. Und sie würde es auch nie von ihm verlangen. Mutter, Du sprachst vorhin von Jenen, die für ihre Ueberzeugung lieber den Flammentod erlitten, als daß sie wankend wurden. Warum willst Du den Menschen von heutzutage, die in schwerem Ringen zu einem bestimmten, wenn auch von den Ansichten ihrer Ahnen in manchem abweichenden Resultat gelangten, das Recht verweigern, auf ihrer Meinung zu bestehen?" Die Mutter seufzte tief auf. „So liebst Du ihn wirklich so sehr, Deinen Professor?" Die dunklen Augen des Mädchens leuchteten. „Ueber alles, Mutter!" „Dann will ich noch einmal selbst mit ihm reden. Vielleicht, daß ich ihn eines Besseren zu überführen im Stande bin. Und im Uebrigen," ein scharfer Blick streifte Reginas gesenktes Antlitz, „wenn es, wie Ihr meint, nur Aeußerlichkeiten sind, um die es sich handelt, mich dünkt doch, ich wiederhole es, es könnte 'fein gar so großes Opfer für ihn sein, seinen Ansichten um Deinetwillen einen Zwang aufzuerlegen. Was soll Dein Kopfschütteln? Du verlangst dieses Opfer nicht, empfindest den Zwang selbst als einen solchen, willst Du sagen? Darüber reden wir ein anderes Mal weiter. Eins aber sage ich Dir. Eine Abtrünnige hat in meinem Hause nichts mehr zu suchen. Nie und nimmer gebe ich aus freien Stücken meine Einwilligung zu einem Bunde, der nach meiner tiefinnerlichen Ueberzeugung unter Bedingungen, denen der Herr seinen Segen versagen muß, geschlossen wird." „Ich bin mündig, Mutter. Aber sieh', gerade weil ich nicht darauf pochen will, bitte, beschwöre ich Dich —" „Laß es gut sein, Regina. Wir möchten sonst schließlich Beide Sachen sagen, die wir dereinst bereuen. Lassen wir alles Weitere, bis ich mit Steinhardt geredet habe. Wer weiß, vielleicht gelingt es mir, ihn zu meiner Ansicht zurück zu bringen." „Ach, Mutter! Ein Professor der Philosophie, der über diese Fragen so lange, so viel schon nachgedacht und gesonnen hot! Zurück-

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