Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-07 · Heft 14 (7.4.1899) · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228326--55393-3291591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

166 geartet gewesen, diespiritualistischenAnschauungendesJudenthums in sich aufzunehmen. Die Neigung zu abstraktem Denken, eine der begleitenden Ursachen der spiritualistischen Lebensanschauungen, sei in Juden und Deutschen aufs Schärfste ausgeprägt. Auch die kosmopolitische Anlage, welche mit der Fähigkeit, sich vom Gegebenen loszureißen, innig Zusammenhänge, sei beiden Theilen gemeinsam. Deutsche und Juden finden sich am leichtesten in fremde Sitten, Sprachen und Anschauungen hinein; ja, beide besitzen das Geheimniß der Spekulation wie im philosophischen so auch im kaufmännischen Sinne. Die Deutschen seien die vorzüglichstell Kaufleute der Welt; wer die deutschen Kaufleute im Auslande bis in den fernsten Osten hinein beobachte, mäste zugeben, daß da, wo nicht die Armseligkeit der Kleinstädterei, der Junkern-, Beamten- und Gelehrtenhochmuth sie herabdrücke, sie unerreicht dastehen; aber neben den Zügen merkwürdiger Geistesverwandtschaft treten wieder andere hervor, die beide Theile scharf von einander scheiden. Besonders köstlich war die Abfertigung, die Bamberger dem eifervollen Historiker für seine Behauptungen ertheilte, daß das deutsche Christenthum durch die Juden in Gefahr sei. Was am strengen Christenthum durch zersetzende Kritik zerstört worden sei, von Philosophen, rationalistischen Theologen, Naturforschern, sei alles auf rein deutsches Gebiet zurückzuführen. Sei es doch der von Treitschke „für einen der reinsten und mächtigsten Vertreter germanischen Wesens" erklärte Fichte gewesen, welcher in Jena vonr Katheder herab angekündigt habe: In fünf Jahren ist keine christliche Religion mehr, die Vernunft ist unsere Religion. Die Paulus, Baur, Strauß, Feuerbach, Schopenhauer, Vogt, Büchner, Moleschott, Häckel und wer könne sie alle nennen, seien, so viel man weiß, rein germanischer Abstammung. Geradezu vernichtend war die Argumentatiorl Banibergers, welche die Anklage Treitschkes widerlegte, daß die Juden am Unglück Deutschlands schuld seien. Er sagte wörtlich: „Ist dies eine so offenkundige Sache, und sind die Juden schuld am Defizit, an der Kartoffelmißernte, an der oberschlestschen Noth, am Sozialismus, an den Attentaten, an den Gefahren eines rusflschen Krieges, an der wachsenden Militärlast, sogar am unbeendbaren Kulturkämpfe und wer weiß, an was allem sonst noch; haben sie wieder einmal alle Brunnen vergiftet, aus welchen die sämmtlichen Pestilenzen sich herleiten, so muß auch entsprechend die letzte Frage beantwortet werden, nämlich: Was hat gegen dieses Universalunglück zu geschehen? An dieser Stelle kommt nach allen so scharf formulirten Anklagen das Zugeständniß, daß eigentlich doch nichts geschehen sollte, denn eine Widerrufung der Emanzipation sei undenkbar. Das glauben auch andere Leute, und darum glauben fie auch Herrn von Treitschke nicht aufs Wort, daß die Hochgebildeten wie aus einem Munde die Juden für das Unglück schlechthin erklären." Am Schluffe seiner meisterhaften Schrift zog Bamberger das Fazit seiner Betrachtungen, indem er meinte, daß Treitschke durch seine Schmähschrift den Juden einen Dienst geleistet habe, indem er Viele, die unter dem Eindruck der letzten Jahrzehnte sich Illusionen hingegeben; aus das wahre Sachverhältniß wieder aufmerksam gemacht habe. Wer mit Selbsttäuschungen arbeite, arbeite immer unrichtig und verfalle bei Entdeckung der Wahrheit dem Unmuth, wenn nicht der Entmuthigung; es sei bester, die Juden kennen das Gefühl des Widerstrebens, welches unter dem Zwang der äußeren Höflichkeit sich verberge, vielleicht werden die Talente dritten Ranges, wie Herr von Treitschke die Juden bezeichnet, sich etwas weniger hitzig uni Richterstellen und Professuren bemühen, nachdem sie erfahren haben, wie manche Kollegen hinter ihrem Rücken von ihnen reden. Auch bei jeder anderen Gelegenheit sprach sich Bamberger mit Spott und Ernst gegen das antisemitische Treiben ans, und Niemand hat schärfer wie er den Hetzapostel Stöcker gegeißelt. Dagegen nahm der Verstorbene im Parlament nicht das Wort zur Vertheidigung seiner Glaubensgenosten. Es widerstrebte seiner vornehmen Natur, in eigener Sache das Wort zu ergreifen; er hielt es für würdigerund zweckmäßiger, Andere für die gerechte Sache der angegriffenen und geschmähten Juden eintreten zu lasten. Ueber die Berechtigung dieses Standpunktes läßt sich streiten. Aber man muß doch auch vom entgegengesetzten Standpunkt aus zugestehen, daß die Anschauung Banibergers mancherlei für sich hatte. Die letzten Jahre seines Lebens waren schmerzlicher Resignation über die Zustände der Zeit gewidmet. Man kann heute wortwörtlich auf Bamberger die Worte anwenden, die er in seiner herrlichen Gedenkrede auf Lasker gesprochen hat: „Unter dem, was ihn drückte, darf nicht verschwiegen werden jener eigenthümliche Zug. der fich in Deutschland seit einigen Jahren kenntlich gemacht hat, und der, weil die Zeit nicht mehr den Fanatismus des Glaubens verträgt, einen neuen Fanatismus für das Bedürsniß der Fanatiker erfunden hat, den Fanatismus der Rasse. Vielleicht hat er unter diesem Nebel mit am meisten gelitten, aber es wäre ein Jrrthum, zu glauben, daß es ihn um seiner selbst willen, um seiner ihm Nächststehenden willen besonders bekümmert habe. Wenn er alle diese unschönen Erscheinungen schmerzlich empfunden, so war es. weil er fie empfand als einen Fleck auf dem Ehrenfchilde der ganzen Nation, weil er glaubte, daß die Nation vor stch selbst und noch mehr vor der ganzen Welt dadurch herabgesetzt werde; auch übersah er nicht, daß das, was künstliche Anfachung zu jener traurigen Bewegung gethan hat, wohl mit der Absicht zusammenhing, ihm selbst Hindernisse im öffentlichen Leben zu bereiten. Das Bitterste davon hat er wohl schwerlich empfunden, denn feine Seele war so edel geartet, daß er für das Element von Gemeinheit, das in dieser Bewegung liegt, nicht die ganze Empfindung hatte. Er stand so hoch, daß er das Niedrigste in dieser Bewegung, die nicht selten ja auch einen vornehmen Mantel umhängt, gar nicht empfand. Man sagt, er sei an gebrochenem Herzen gestorben. Meine verehrten Herren, Männer die so für die Gesammtheit mit Hingebung arbeiten, sterben nicht an gebrochenen Herzen; sie haben einen Vorrath von Glauben in Brust und Herzen, der nicht auszurotten ist durch vorübergehende Erscheinungen." Ludwig Bamberger, der nunmehr in der Ehrenreihe des jüdischen Friedhofes in der Schönhauser Allee neben Eduard Lasker seine letzte Rlihestätte gefunden, hat dem Judenthum durch sein ganzes Leben und Wirken zur hohen Ehre gereicht, und wir dürfen von nun ab, so oft unser Deutschthum und unsere Assimilationsfähigkeit von Gegnern angezweifelt wird, auf den Mann mit berechtigtem Stolz Hinweisen, den der größte moderne Historiker „den deutschesten der Deutschen" genannt hat. UILLETON Me Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. jfpnb das ist meine Tochter!" IW Die beiden Frauengestalten standen sich hochaufgerichtet gegenüber, mit derselben stolzen Haltung des schöngeformten Kopfes, der auf Schultern saß, deren edle Linien das Entzücken jedes Malers oder Bildhauers gewesen wären. Mit demselben furchtlosen, unbeugsamen Ausdruck begegneten sich die Blicke der zwei dunklen Augenpaare. „Mater pulchra, filia pulchriorl" — Der Student Alphons da Silva, der jüngste Sohn des Hauses, pflegte mit Vorliebe den bekannten lateinischen Satz im Hinblick auf seine schöne Mutter und Schwester zu citiren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.