Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
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IOT1 - 165 -- Objektivität abreißt, und dem er vorwirft, daß sofort nach Erscheinen seiner Schmähschrift die unduldsamen Eiferer, die pöbelhaften Bandenführer sich dessen rühmten, daß sie ihn. zu den ihrigen zählen; schon dadurch allein wurden die Befehdeten zu dem berechtigten Argwohn veranlaßt, daß sein Eingreifen vor allem die Bedeutung habe, daß nunmehr eine wohlbeglaubigte Autorität den Flibustiern, die mit der Libellenfabrikation einträgliche Geschäfte machen, Kaperbriefe ausgestellt habe. Treitschke, so sagte Bamberger, stelle die krasse Behauptung auf, die Juden seien Deutschlands Unglück; statt dies jedoch zu beweisen, poltere er darauf los und verschmähe es auch, nur die Grundursachen dieses angeblichen Unglücks zu prüfen und, weil gewaltsame Heilmittel sich nicht bieten, auf besänftigendere bedacht zu sein, auf Versöhnung und Verständigung, auf Ueberwindung vorhandener Schwierigkeiten. Er hätte als Historiker vor allem den Antheil berücksichtigen müssen, welchen der Fluch alter böser Ueberlieferung, das Erbe der von blindem Glaubenseifer beherrschten Zeiten an der Empfindnngsweise des lebenden Geschlechtes habe. Als ehrlicher Mann hätte er Denen, die aus der Aufstachelung bestialischer Triebe ihr Gewerbe machen, entgegentreten und sie davor warnen müssen, hier für alte, unreflektirte Mißgefühle nach neuen Rechtsgründen zu suchen. Er konnte daran erinnern, wie gerade der religiöse Hader am Mark des deutschen Lebens so zerstörend alle die Jahrhunderte her gezehrt und unsere Staatsentwickelung hinter der unserer großen Nachbarnationen zurückgehalten habe; er konnte, ohne der Wahrheit Gewalt anzuthun, sagen, daß die Handvoll Juden, eine halbe Million auf 43 Millionen, im Großen und Ganzen wenig zu bedeuten vermöge, so daß ihre guten Eigenschaften — und Niemand könne sie ihnen abstreiten — sich sehr wohl verwerthen ließen. Bamberger kommt schließlich zu der Ansicht, daß dem jüdischen Stamm auch in Treitschke einer jener Verfolger erstanden sei, welche nach Zeit und Umstand plausible Vorwände herausgreifen, um für das eigene, zur zweiten Natur gewordene Gefühl des Widerstrebens eine Beschönigung zu finden. Wie sollte es auf die Angegriffenen wirken, wenn sie lasen, daß die neue Aera der Verfolgung der Ausbruch „eines tief und lange verhaltenen Zornes" sei, der damit gerechtfertigt werde, „daß der Instinkt der Massen in den Juden eine schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens erkannt habe". Wenn dem so sei, dann hätten auch die Leute ein großes Verdienst erworben, welche die Bewegung in Gang gebracht, welche in der cloaca maxima der niedrigen Leidenschaften den Schlamm aufgewühlt haben, der dann, stilistisch desinfizirt, in die höheren Regionen der Publizistik emporgehoben, zur Befruchtung neuer Zwietracht über das Land gebreitet werden konnte. Treitschke stehe selbst unter der Herrschaft der erblichen Antipathien, und wo er Arzt sein wolle, sei er lediglich Patient. Durch alle Poren seines Wesens ° transpirire die vorgefaßte Stimmung, welche die deutschen Juden als Fremdlinge ansehe. Es habe immer und überall Schwärmer gegeben, die den Feuereifer für ihr eigenes Ideal nicht wirksamer schüren zu können meinten, als indem sie alles andere gering schätzten oder haßten. Gerade der Kultus der Nationalität trage diese Versuchung mehr als jeder andere in sich und arte leicht dahin aus, den Haß gegen andere Nationen zum Kennzeichen echter Gesinnung zu machen. Von diesem Haß gegen das Fremdartige jenseits der Grenze bis zum Haß gegen das, was sich etwa noch als fremdartig in der eigenen Heimath ausfindig machen lasse, sei nur ein Schritt. Je mehr Haß, desto mehr Tugend! Wo der Nationalhaß nach außen seine Schranken finde, werde der Feldzug nach innen eröffnet. Je enger der Cirkel der Bekenner gezogen werden könne, desto reiner lodere die Flamme auf dem Altar. Treitschke selbst könne nicht umhin, daran zu erinnern, daß die Judenverfolgungen von 1819 mit dem Teutonismus zusammenhingen. Es könne Treitschke nicht gelingen, die deutschen Juden als Fremdlinge hinzustellen. Bamberger sagt dann wörtlich (S. 12): „Auf der deutschen Scholle sitzen sie, seitdem Deutschland in die Geschichte eingetreten ist. Ihre Einwanderung am Rhein und an der Donau führt aus die Römerzeiten und den Beginn der christlichen Aera zurück. . . Die Absonderung nahm ihren schlimmen Charakter mit den grausamen Verfolgungen, den Plündereien und Schlächtereien an, welche seit den Kreuzzügen um sich griffen, nachdem der einmal entzündete fromme Eifer seine Nutzanwendung auch auf die Häuser der deutschen Juden gefunden hatte. So groß auch die Rolle ist, welche Stammesgemeinschaft im Ringen der Nationalitäten sich heute zutheilt, so wird doch Niemand zu der Absurdität verirren, daß die heute bestehenden nationalen Großstaaten nach dem Grundsatz absoluter Raffeneinheit purifizirt werden sollten. Alle eivilistrten Nationen sind vielmehr bekanntlich aus verschiedenen Bolksstämmen gebildet und haben gerade in solcher Assimilation ihre Stärke bekundet und gefunden. Nun gar aber das Kriegsgeschrei gegen die „Semiten" datirt, wie das Wort selbst andeutet, erst aus allerneuester Zeit. . . Doch ist alle Mühe dabei verloren, denn es läßt sich in der Wirklichkeit des Lebens mit dieser Raffenunterscheidung gar nichts anfangen. Sie wurde eben erst zu Hilfe gerufen, als eS nicht mehr anging, die Ungleichheit des Rechtes auf das religiöse Bekenntniß zu stützen." Mit köstlichem Humor und attischer Ironie beleuchtet Bamberger den Kampf Treitschkes gegen die Juden aus dem physiologischen Gebiet der Rassenungleichheit. Auf Grund dieser Demarkationslinie wären alle als Kinder getauften oder später zum Christenthum übergetretenen Juden, ferner dir von getauften jüdischen Eltern oder Großeltern stammenden Christen dem Interdikt verfallen. „Was meint er zu Stahl, dem Stifter der Schule, an welche sich die christlich-germanischen Hochkonservativen anlehnen. Und zu Neander? Und wie ist es mit den Abkömmlingen der bereits sehr zahlreichen Mischehen? Wenn die Raffenproskription gegen die Semiten angewendet werden sollte, so müßte auch das Halbblut ausgeftoßen werden, damit kämen wir schon in die höheren Chargen der Armee, von welchen bis jetzt zwar die Söhne, nicht aber, natürlich nur unter gewissen Bedingungen, die Schwiegersöhne Sems fern gehalten werden. Warum doch sich mit allen diesen fadenscheinigen Borwänden quälen? Gestehen wir es nns ehrlich: Wir haben es mit einer alten, von Geschlecht zu Geschlecht seit Jahrhunderten sortgezeugten Antipathie zu thun, die, zu einer naturalistischen Thatsache geworden, in Vielen auch die stärkste Logik nicht gegen dieMacht der Gewohnheit aufkommen läßt." Bamberger wies nun überzeugend nach, daß die Juden sich mit keinem Volk so eng zusammengelebt, man könnte sagen identifizirt haben wie mit dem deutschen. Sie seien germanisirt, nicht blos auf deutschem Boden, sondern weit über Deutschlands Grenze hinaus. Auch die Juden Frankreichs, Hollands, Englands seien aus Deutschland eingewandert, ihr Jargon, wo sie überhaupt einen sprechen, sei mit deutschen Wörtern versetzt. Die europäischen Juden seien mit keiner Sprache so verwachsen wie mit der deutschen, und wer Sprache sage, sage Geist. Bedenke man, durch welche besonderen Härten den Juden das Leben in Deutschland schwer gemacht wurde und zum Theil noch schwer gemacht werde, und wie sie dennoch zu allen Zeiten sich in Deutschland behaupteten, so werde man zu der Vermuthung gedrängt, daß gemeinsame Berührungspunkte im Grundcharakter es bewirkt haben müssen, Deutschland und deutsches Wesen für die Juden wie auch die Juden zur Ergänzung deutschen Wesens besonders nützlich zu machen. Das Gemeinsame sei der spiritualistische Grundzug.... Juden und Deutsche seien zweifelsohne die beiden spiritualistischsten Nationen aller Zeiten und Länder. Vermöge ihrer besonderen Anlage seien die Deutschen am besten