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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-07 · Heft 14 (7.4.1899) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
Seite 164 (sequence 8)
Language
German
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- 164 - Frau, „die den Geist in die Familie" gebracht hatte, mit ihrer „patriarchalischen Herrschsucht" und mit ihrer Klugheit, die von dem kleinen Mainz aus so treffend beurtheilte, was für Gefahren in Paris drohen konnten. Dieser Vorfahren voll Charakter und Eigenart freute er sich wie jeder echte Mann, und den Schatz, der ihm aus diesem Familienleben überkommen, bewerthete er hoch. Immer wieder erinnerte er an kernige Familiensprüche, an Lebensregeln, an weise Schnurren, die damals im Mainzer Hause von Mund zu Mund gingen, und welche die Philosophie des Lebens ausmachten, eine gesunde Philosophie voll Klarheit, voll Ursprünglichkeit und voll von jenem Daseins-Optimismus, den der thätige, strebende Mensch nicht entbehren kann. Man soll den Leuten aufs Maul schauen, hatte Luther gemeint; das hatte Bamberger gethan, als er sich die gesunden Anschauungen dieser kraftvollen heimischen Art fürs Leben aueignete. Er plante, behaglich einmal zu verzeichnen den Reichthum an edler, echter Wortmünze, den er der Familie und der heimathlichen Stadt verdankte. Es ist ein Plan geblieben. Leider, denn sonst hätten wir über Leben und Wirken der Mainzer Juden in jener Zeit viel Jntereffantes und Geistvolles gehört. Jahrzehnte lang lebte Bamberger im Auslande. Die Liebe zur Heimath aber erstarb nicht in seinem Herzen, sondern schlug dort immer tiefere Wurzeln. Und er kehrte Heini, als das Traumbild seiner Seele, die Einigung des Vaterlandes, zur vollen Wirklichkeit geworden war. Nun stellte er seine große Kraft ganz in den Dienst des deutschen Volkes, und er harrte darin aus in allen Wandlungen des öffentlichen Lebens. Ludwig Bamberger war ein Mann von weitem Blick im Eeschäftsleben wie im Staatsleben. Die Neigung hatte ihn schon in jungen Jahren in die Journalistik geführt; ein Held der Feder ist er bis an sein Lebensende geblieben. Er, der Mainzer Jude, schrieb deutsch wie ein klassischer Effayst, witzig, scharf zugespitzt, zumeist in leichtem, feffelndem Plauderton. Aber immer, wenn er sprach oder schrieb, wußte man, daß er etwas zu sagen hatte. Ludwig Bamberger schrieb zugleich französisch wie ein Pariser Akademiker; er beherrschte nicht minder in Wort und Schrift die englische Sprache. In der Litteratur aller Kulturvölker war er zu Hause, und deshalb war er ein Weltbürger, ohne der tiefen Liebe zum Vaterlande zu entbehren. Bamberger ist lange Jahre dem Fürsten Bismarck treu gefolgt. Dennoch ist ihm keiner der Vorwürfe erspart geblieben, die seit zwei Jahrzehnten sich gegen den Liberalismus gekehrt haben. Er mußte sich sagen lasten, daß er ein „suzet mixte" sei; er mußte auch die Brutalitäten des Antisemitismus über sich ergehen laffen. Denn er war als Jude geboren und ist Jude geblieben. Das genügte den wirthschaftspolitischen Dunkelmännern zu der Anklage, daß er ein Söldling des „internationalen Judenthums" sei und deffen Geist in die deutsche Gesetzgebung verpflanzt habe. Luzet mixte aber sollte so viel bedeuten wie ein vaterlandsloser Geselle; aber es sollte diesmal der vaterlandslose Geselle in Glacehandschuhen und in Lackstiefeln gemeint sein; der Deutsche, der als Jude kein richtiger Deutscher und der überdies ein halber Französling war; eine Mischung schillernder Kultur, die darum besonders gefährlich erscheinen mußte. Wie Berthold Auerbach und manche andere namhafte Geister des jüdischen Stammes durch den Ausbruch der antisemitischen Greuel, mit Wehmuth im Herzen und in ihren optimistischen Anschauungen über die konfessionelle Duldsamkeit des deutschen Volkes grausam enttäuscht, von der Theilnahme am öffentlichen Leben sich zurückzogen, so erging es auch dem um die deutsche Einheit und die nationale Größe des Vaterlandes so verdienten Ludwig- Bamberger. Es machte ihm nicht viel Freude mehr; mitzuthun, nachdem er sich davon überzeugen mußte, daß die finsteren Elemente des Haffes der verfloffenen Jahrhunderte, genährt von weltlichen und geistlichen Machthabern gegen die Juden, nur eines geschickten Dirigenten bedurften, um aufs Neue hoch aufzulodern und die Kulturerrungenschaften unseres gepriesenen Jahrhunderts in Frage zu stellen. Daß er ein echt deutscher Mann, ein treuer Patriot und ein begeisterter Anhänger des Deutschen Reiches war, hat selbst Fürst Bismarck in befferen Zeiten anerkannt, obschon der süddeutsche Liberale, der Revolutionär von ehedem, auf einem ganz entgegengesetzten Standpunkt in den Fragen der inneren Politik stand als er. Wir wissen aus den Tagebüchern von Moritz Busch — und die hinterlafsenen Memoiren Bambergers werden dies eingehender erzählen —, daß der hessische Politiker im Jahre 1870 ein treuer Bundesgenosse des Bundeskanzlers war und ihm in der Abwehr des hessischen Partikularismus wesentliche Dienste geleistet hat. Wie 1870 in Versailles, so war er auch später in Berlin, Varzin und Friedrichsruh Gast des leitenden Staatsmannes, und es machte diesem stets großes Vergnügen, mit dem geistreichen Politiker und feinsinnigen Publizisten sich zu unterhalten — zumal Bamberger bei aller Vornehmheit in seiner Erscheinung und im Aussprechen seiner Anschauungen und Ansichten nie ein Blatt vor den Mund nahm, sondern freimüthig und unumwunden auch über die „Berliner Bewegung" seine Meinung zu äußern pflegte. Noch seine letzte Arbeit, die er über Bismarcks: „Gedanken und Erinnerungen" veröffentlichte, verräth die außerordentliche Verehrung! welche er für den größten Staatsmann des Jahrhunderts hegte, aber auch zugleich seinen objektiven Sinn und sein unparteiisches Urtheil. Soweit ich den verstorbenen Altreichskanzler und seine Thätigkeit kannte — und ich habe dieser meiner Ueberzeugung auch in meinem kürzlich erschienenen Buch: „Bismarck als Mensch"^) Ausdruck gegeben —, muß ich das von Bamberger Gesagte unterschreiben: Bismarck war kein Antisemit, sondern auch in der Judenfrage ausschließlich Politiker, Couleur: „Realpolitiker". Wie Laster, Raphael Kosch, Johann Jacoby, Ludwig Loewe und andere freisinnige Politiker,. machte er aus seinem Judenthum kein Hehl und trat mit der ganzen Verve seines Temperaments und all dem glänzenden Rüstzeug seiner siegreichen Dialektik in die Schranken, wenn es galt, flir die gefährdeten staatsbürgerlichen Rechte seiner Glaubensbrüder einzustehen, Im Jahre 1880, als die Wogen des Antisemitismus am höchsten gingen, veröffentlichte er die hochintereffante Schrift: „Deutschthum und Judenthum", worin er auf die vielen gemeinsamen und heilsamen Berührungspunkte zwischen beiden hinwies. Damals hatte H e i n r i ch v o n Treitschke inseinen „Preußischen Jahrbüchern" über die deutschen Juden sein hartes Urtheil gefällt. Da nahm Bamberger den Fehdehandschuh auf und veröffentlichte in der Leipziger Monatsschrift „Unsere Zeit"2), Jahrgang 1880, Heft 2, jene fulminante Entgegnung, welche später auch als Separatabdruck 8) erschien, worin sich der ganze Gesinnungsadel und die geläuterte Welt- und Lebensanschauung so klar widerspiegelt. In den einleitenden Worten zu dieser Arbeit spricht es Bamberger aus, daß der heftige Sturm zur neuen Aufstachelung eines altbestehenden Mißgefühls nicht aus einer tiefgehenden Wandlung in der Anschauung des Volkes hervorgegangen, sondern in ganz bestimmten Regionen künstlich heraufbeschworen ist, theils aus Beweggründen, die schon heute klar zu Tage liegen, theils aus Veranlaffungen, welche einstweilen noch im Dunklen ruhen. . Er wendet sich dann gegen Treitschke, welchem er die Maske der ') Berlin, F. von Schimmelpfennig. 2) Leipzig, F. A. : > s) Ibidem.

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