Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 163 - leer. Auf dem Bett lagen einige Röcke, die der Vollendung harrten. Jni ganzen Raun« gab es nur einen Stnhl, auf dem der Schneider saß. Er arbeitet nur Röcke, Sakkos oder Jackets, und bekommt pro Stück 70 Kreuzer Macherlohn. Jeden Tag ein Stlick fertig zu stellen ist ihm nicht möglich. Er muß das Tuch beim Kunden abholen, das Maß nehmen, anprobiren und dann noch hintragen. Das nimmt Zeit in Anspruch. Einst sah er bessere Tage. Er war Geselle und verdiente 6—8 Gulden wöchentlich. Aber als er älter wurde, da ward sein Auge schwächer, und er konnte nicht so gut die Löcher ausnähen und auch sonst Schritt halten mit den jüngeren Genossen. Er wurde entlassen. „Ja, ich bin schon alt," sagte er mit bitterem Lächeln. „Sehen Sie, mein Bart ist schon grau, mein Kopf kahl, und ich bin ein Vierziger." Seine Sprache war hastig, athemlos, wie wenn er fürchtete, daß wir ihn nicht ganz zu Ende hörten. Denn er wollte uns alles erzählen, was ihn drückte und quälte. Es war die Geschichte eines Tages, der sich endlos wiederholt. Nach jedem Worte spuckte er aus und entschuldigte es: „Sehen Sie, es nagt mich beim Herzen." Und sein Blick fiel auf den kalten, leeren Ofen. Ich vermag diesen Blick nicht zu schildern, aber ich werde ihn nie vergessen. Nicht die wilde Gier des Hungers, sondern die unsägliche Bitterkeit der bewußten Ohnmacht und Hilflosigkeit lag darin. Dieser Blick sagte mehr als alle Worte. Er sah, daß wir ihn verstanden. Da schritt er an den Tisch, hob den Deckel von einem Teller und sagte: „Hier ist der Rest von einem Fisch. Das ist für meinen Burschen zu Mittag. Er geht ins Geschäft und bringt mir 3 Gulden monatlich nach Hause. Er muß ja was essen. Dazu kaufe ich ihm eine Semmel um einen Kreuzer, und er hat wenigstens etwas. So lebt man. Der Hund lebt ja auch." Und noch immer hat die Tragödie des polnischen Juden nicht ihren Höhepunkt überschritten. Es giebt jüdische Proletarier, deren Leidenskelch noch bitterer ist. Kaum glaublich, aber doch wahr! In dem durch seine Erdwachsgruben allenthalben berühmten Dorfe Boryslaw nimmt der Kampf ums trockene Brod die menschenunwürdigste Form an. Muß der Grubenarbeiter überhaupt täglich, stündlich, ja jeden Augenblick dem Tode ins Angesicht sehen, so hat der Sensenmann hier leichtere Beute, den» die Vorrichtungen sind ganz unzulänglich. Die Vorsichtsmaßregeln der Bergbehörden scheitern an der Lauheit und Sparwuth der Unternehmer. Der Tagelohn der Häuer beträgt 60—80 Kreuzer. Ist das Wachs aus den viseera torras an das Tageslicht gefördert, dann gehen die Klauberinnen an die Arbeit. Mit gewandter Hand scheiden diese armen Mädchen, die oft kaum das Kindesalter hinter sich haben, die wachshaltige Erde von den Steinen und ordneir sie in Haufen. Dabei knieen sie auf der feuchten Erde und verrichten ihre Arbeit in gebückter Stellung durch zwölf Stunden täglich zu jeder Jahreszeit. Die hohen Röhrenstiefel, die sie im Winter tragen, durchdringt die Nässe, und die leichte, fadenscheinige Kleidung schützt sie wenig gegen den Frost und die Unbilden des Wetters. Aber selbst dieses Loos ist noch zu preisen gegenüber dem der jungen Mädchen oder Knaben, welche im Aufträge kleiner Unternehmer die bereits von den Schächten weggeschafften Steine noch einmal einer genauen Untersuchung unterziehen müffen, um die ihnen etwa anhaftenden Erdtheilchen mit einem Messer abzukratzen und für den Schmelzprozeß zu sammeln. Ihr Tagelohn beträgt 48 Kreuzer, und sie arbeiten nur fünf Tage wöchentlich. Nachtschichten machen die jüdischen Mädchen aus Schainhaftigkeit nicht. Was Wunder, wenn unsere zum Frohndienst verurtheilten Brüder und Schwestern in den Weheruf ausbrechen: „Wir arbeiten schwerer als unsere Väter in Mizrajim; die höchste Zeit wäre es schon, daß uns Gott durch einen neuen Moses aus dem galizischen Mizrajim herausführte!" Zu dem Ausbeutnngssystem der Unternehmer gesellt sich nun aber auch noch der Antisemitismus, welcher den sich für ihre Familien opfernden jüdischen Arbeitern diese Hungerexistenz mißgönnt. „Aus den Wachsschmelzereien, i» denen sie früher ausschließlich arbeiteten, sind sie bereits verdrängt; bei den Schächten werden sie immer mehr von christliche» Arbeitern ersetzt. Die galizische Kreditbank und die Wiener Länderbank, die den größten Theil der Bergbaue ihr eigen nennen, und die hier ein Erdwachskartell gegründet haben, können darauf Anspruch erheben, den „neuen Strömungen" zum Durchbruch verholfen zu haben. . . Selbst den Schachtanfsehern, die ausschließlich Juden sind, geht es schon an den Kragen. An einem Tage wurden auf der Grube II der Wiener Länderbank zwölf jüdische Aufseher entlassen. Weiteren dreißig stand die Entlastung bevor, denn sie waren bereits gekündigt. An ihre Stelle treten christliche „Betriebsleiter". Einige jüdische Aufseher suchten mich auf und klagten mir ihr Leid. Sie wiffen nicht, was anzufangen, wohin sich zu wenden. Ihre besten Kräfte haben sie hier gelassen, und auf ihre alten Tage, erschöpft, aller Mittel bar, sollen sie znm Wanderstab greifen." Unfreiwillig hat der Verfaffer in diese steiuerweichende Schilderung etwas Humor verwoben. Er erzählt, daß die Idee des Zionismus, in welcher er eine Pauacee erblickt, auch in die Geister und Gemüther dieser weltentrückten Parias Eingang gefunden, und daß sich Einige von ihnen bereits vor den hohen Feiertagen an den Obmann des „Zion" mit der Anfrage gewendet haben, ob sie denn noch für den Winter eine Wohnung zu miethen brauchten, da i» Palästina so viel Boden brach liege, und sie hier die Hand niüßig in den Schooß legen inüßten. Wir wissen nicht, was der Obmann ihnen erwiedert hat. Verheißungsvoll dürfte seine Antwort jedenfalls nicht gelautet habe», denn die türkische Regierung hat der Verwirklichung der zionistischen Träume durch das strenge Einwanderungsverbot einen Riegel vorgeschoben. Wir können aus räumlichen Rücksichten unseren Publizisten nicht nach den russisch-polnischen Stationen seiner traurigen Studienreise, nach Gestochau, Bialhstok, Warschau und Lodz begleiten. Wir müffen uns damit begnügen, ihm das Verdienst zuzuerkennen, daß er eine Fülle von Licht über eine uns bisher ganz unbekannte Welt ausgeschüttet hat. Hoffen wir, daß der Genius der Humanität an demselben seine Fackel entzünden wird. M. B. Ludwig Bamberger. Von Dr. Adolph Kohut. Ludwig Bamberger ist der letzte jener Generation cd|?Yi bedeutender Männer gestorben, die aus dem Judenthum r hervorgegangen und dieses durch ihre Stellung in der Politik und ini Weltleben zu Ehren gebracht haben. Seinen Lebenslauf haben in diesen Wochen alle Blätter geschildert. Unsere Aufgabe kann es deshalb nur sein, jene Momente seines Schaffens hervorzuheben, die irgendwelche Beziehung zum Judenthum haben. Bamberger stammte aus einer alten und angesehenen jüdischen Familie' in Mainz. Einer seiner nächsten Freunde sagt von ihm: Mit Bewußtsein wurzelte er in seiner Mainzer Heimath, in seiner Familie und in jener Zeit, da der deutsche Idealismus zuerst in den Köpfen der Besten die Leidenschaft entzündete, jene Feffeln zu sprengen, mit denen das armselige, verkümmerte öffentliche Leben die Nation belastet hatte. Aus jenen Tagen mußte man ihn erzählen hören. Von seiner Großmutter B i sch o fs h e im, dieser ganz außergewöhnlichen