Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 162 - schlecht auf, aber die verderblichen Dämpfe werden sich verflüchtigen, und es wird eine Zeit kommen, da man an unsere Tage denken wird wie an einen schweren Traum. Helfen wir das Anrücken dieser Zeit beschleunigen. Iwri. Unter jüdischen Proletariern. s kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir Juden entschieden besser sind als unser Ruf. Es ist aber nicht minder wahr, daß wir uns in manchen Beziehungen eines besseren Rufes erfreuen, als wir verdienen. Unsere Gegner sprechen viel von der Brüderlichkeit, die uns umschlingt, von der Solidarität, die zwischen uns herrscht, von unserem innigen und festen Zusammenstehen in Leid und Freud. Sie werden nicht müde, uns den Vorwurf zu machen, daß wir eine einzige große Familie, ein großes Syndikat bilden. Difficile est satiram non scribere. Leider ist diese liebliche Idylle nur ein Märchen. Die grausame Wirklichkeit zeigt uns nur zu handgreiflich, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl in uns nur wenig lebendig ist. In unserer trüben Zeit, in welcher die Juden vom Staate und der Gesellschaft förmlich boykottirt werden, liebt es ein stattlicher Prozentsatz der reichen Juden, Nichtjuden zu beschäftigen, um seine Unparteilichkeit und Objektivität in die schönste Beleuchtung zu rücken. Die ätzendste und blutigste Satire auf die jüdische Solidarität ist S. R. Landaus jüngst erschienene Schrift „Unter jüdischen Proletariern (Wien, Rosner, 1899). Sie entrollt uns ein schauerliches Bild von den Lebens- und Arbeitsverhältnissen des jüdischen Proletariats in Polen, wo es am dichtesten zusammengepfercht ist, und eröffnet uns einen Einblick in ein Massenelend, das einer Steigerung kaum mehr fähig ist. Das Elend nahm gewissermaßen unter den Augen der jüdischen Intelligenz und Finanzaristokratie solche erschreckende Dimensionen an. Der Verfasser erhebt gegen sie die leider nur zu sehr gerechtfertigte schwere Anklage: „Sie haben sich nie um das Volk bekümmert; sie haben es höchstens während der politischen Wahlen als Stimmvieh zur Urne getrieben". Landau führt uns zunächst nach Kolomea. Nach einem unweit von der Stadt gelegenen Dorfe pilgern schon um sechs Uhr Morgens über 140 Leute mit aschfahlen Gesichtern, bleichen Lippen und eingefallenen Augen, — die Arbeiter der Zündhölzchen-Fabrik. Es sind unter ihnen nur drei Christen, die Uebrigen sind Juden: mehr als hundert Mädchen im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren und der Rest Männer. Die Stätte ihrer Wirksamkeit gleicht einer großen Holzkammer, in welche sich Luft und Licht nur mühsam durch die kleinen, schmutzigen Fenster Bahn brechen können. In dieser unerträglichen Atmosphäre arbeiten die weißen Sklaven zwölf Stunden täglich. Die Einen bringen die Hölzchen in Rahmen, bevor sie in Schwefel und Phosphor getaucht werden, die Anderen ordnen sie nach dieser Prozedur, packen sie ein oder erzeugen die Schachtelm Alles geschieht mit einer mechanischen Hast, nirgends hört man ein überflüssiges Wort, das Lachen oder Singen haben diese jungen Geschöpfe schon längst verlernt. Sie haben keine Zeit zu verlieren, denn sie arbeiten im Akkord. Bei übermäßigem Fleiß verdient ein Mädchen 35 Kreuzer, sonst nur 25—30 Kreuzer täglich. Die erwachsenen Männer, welche die todtbringende Arbeit des Tauchens oder Sortirens in der Trockenkammer verrichten, bekommen einen Wochenlohn von 4—5 Gulden. In einer Kammer, die einst ein Stall war, sitzen 11 Mädchen und kleben Schachteln. „Es sind liebe Geschöpfe mit unschuldig-naiven Mienen, aufkeimende Knospen, die hier auf dem Misthaufen zu Grunde gehen. Wie stumm sitzen sie da den ganzen Tag, denn Jede hält die Papierstreifen zwischen den Zähnen, von denen sie jedesmal einen hervorzieht und mit beiden Händen um eine Form wickelt. Für tausend Schachteln bekommt sie 4, sage vier Kreuzer!" Solcher Zündhölzchen-Fabriken giebt es in Galizien zehn. Ueberall stellen die Juden das Hauptkontingent der Arbeiter und damit auch der Opfer. In der Wagenschmier- und Schuhwichs-Fabrik sind ausschließlich jüdische Arbeiter beschäftigt, 25 an der Zahl: 7 Männer und 18 Mädchen. Die Männer erzeugen die Maaren und verdienen wöchentlich 4—6 Gulden; die Mädchen kleben Schachteln oder füllen sie und erhalten 6—8 Gulden monatlich oder 40 Kreuzer pro 1000 Holzschachteln. In der Petroleum-Raffinerie und Kerzenfabrik sind 70 Arbeiter, darunter über 50 jüdische, beschäftigt. Zwanzig derselben sind Männer und verrichten in einer finsteren Kammer die schwersten Arbeiten gegen eine tägliche Entlohnung von 60 Kreuzern. In dem großen, luftigen Raume, wo die Kerzen von den 30 jüdischen, im Alter von 12 Jahren aufwärts stehenden Mädchen in Formen gegossen werden, herrscht eine ganz andere Stimmung als in der von gefährlichen Ausdünstungen geschwängerten Atmosphäre der Zündhölzchen-Fabrik. Die Arbeiterinnen sind heiter, lachen, singen und plaudern; aber ihr Lohn ist geringer. Sie verdienen 20, zuweilen sogar nur 15 Kreuzer täglich und arbeiten von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends. Neben den Arbeitern muß noch der Luft Menschen gedacht werden. Das sind Leute, welche gleichsam in der Luft schweben, kein Gewerbe und keinen Handel betreiben, in den Tag hinein leben. Sie klammern sich an alles Mögliche; sie sind bald Makler, bald lernen sie Mischna, wenn Jemand stirbt, bald sind sie als „Cursoren" Konkurrenten der Post, indem sie für 2 Kreuzer einen Brief und für 5—10 Kreuzer ein Packet in die Nächstliegenden Ortschaften befördern. Ihre physische Kraft ist werthlos, denn sie findet keinen Abnehmer. Je kleiner die Ortschaft, desto geringer die Arbeitsgelegenheit und desto größer das Elend. Tiefe Wehmuth bemächtigt sich unser, wenn wirerfahren, daß die „Luftmenschen" den größten Theil der 772000 Juden Galiziens bilden. Ihr erbärmliches Dasein wird nur durch den Glauben aü Gott verklärt. Sie verzagen) nicht, denn „Gott hilft schon". Und hilft Gott nicht, dann kommt der Hungertyphus und entrückt sie dem irdischen Jammerthale. Nach statistischen Ausweisen sterben in Galizien jährlich 5000—6000 Juden Hungers. Womöglich noch trostloser als in Kolomea sind die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in St anislau. Die aufblühende Stadt lockt gar viele Arbeitslose und Vorwärtsstrebende in ihren Bannkreis, und die Folge davon ist, daß die Armuth sich noch mehr Terrain erobert, noch drückender auf den Enterbten der Gesellschaft lastet. Die Bettelarmen bilden fast 50 Prozent der jüdischen Bevölkerung. Von den Uebrigen hat nach der Schätzung des jüdischen Schuldirektors kaum die Hälfte ein jährliches Einkommen von über 600 Gulden. Nur hier und da giebt es jüdische Handwerker, die ihr Gewerbe nährt, weil esnur Wenigebetreiben. Hierher gehören die Kesselschmiedeund Messinggießer, die zuineist Juden sind. Dagegen macht die Entlohnung der Schuster, Schneider, Tischler u.s.w. sekbstdie Theoriedes ehernen Lohngesetzes zu Schanden. Es sei mir gestattet, aus dem vollen Leben, in das uns der Verfasser hinein versetzt, ein typisches Beispiel herauszugreifen. „Der Zufall", erzählt er, „lenkte unsere Schritte in das Stübchen eines Schneiders. Es stand darin ein Bett, eine Bank, ein Tisch und außerdem noch ein kleines Tischchen vor dem Fenster, an dem der Schneider gerade arbeitete. Es war die Mittagszeit. Der Ofen war kalt und