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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-07 · Heft 14 (7.4.1899) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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16t sich mit ihm zu verschmelzen. Dies dürfte, dünkt uns, ohne viel Schwierigkeiten zu ermöglichen sein, da diese in keiner Weise ihrem alten Ruhm zu nahe tritt, wenn sie in richtiger Erkenntniß der veränderten Zeitverhältnifse nach mehr als acht Jahrzehnten sich zur Ruhe setzt und ihre Geldmittel dem Lehrlingsheim, gleichsam ihrem eigenen Kinde, zu kräftigerem, jugendfrischerem und zeitgemäßerem Handeln überläßt. Die Generalversammlungen beider Körperschaften Pflegen um diese Zeit stattzufinden, also ist auch der Moment überaus günstig. 2. Das Kuratorium des Lehrlingsheims tritt an unseren Gemeindevorstand wegen einer angemessenen Jahressubvention heran. Wir hegen nicht den mindesten Zweifel, daß die Gemeindeverwaltung den Zuschuß bereitwillig gewähren wird, nicht nur aus Wohlwollen zum jungen gemeinnützigen Institut und aus Ueberzeugung, daß die Förderung des Handwerks ebenso zu den Obliegenheiten und Pflichten einer Gemeinde gehört wie die Fürsorge für den Religionsunterricht, — wir verweisen auf die Aussprüche unserer Weisen in Midr. Rabb. z. Kohel. 9, 9, — sondern hauptsächlich in weitschauender Erwägung, daß die Unterstützung, die sie der arbeitenden Jugend zu Theil werden läßt, zur Hebung des ganzen späteren Wohlstandes der Gemeindemitglieder beiträgt, und daß diese Unterstützung zehnfach größer sein werde, wenn aus dieser Jugend anstatt gesunder, leistungsfähiger Handwerker — arme Hausirer und kränkliche Familienväter hervorgehen würden. Brief ans Oesterreich. März 1899. en alten Themistokles ließen, wie wir in der griechischen Geschichte lernten, die Lorbeeren des Miltiades nicht ruhen. Im heutigen Frankreich giebt es, wie Jedermann bekannt, wenige Miltiades. Die Gerechtigkeit ist jetzt dort ein sehr seltener Artikel geworden, es ist in diesem Lande höchstens die Gerechtigkeit Hamans und Pharaos zu finden, und Haman ist wohl zu unterscheiden von human; Rosche-Faure ist zwar zu seinen Vätern versammelt, aber Rochefort ist geblieben, der auch kein Miltiades ist. — Nun hat die „Neue Freie Presse" den guten Franzosen ein wenig die Wahrheit gesagt; sie war der Meinung, welcher wir ja alle sind, daß ein Staat nur auf Gerechtigkeit beruhen kann, und daß ein Volk, welches zuerst die Menschenrechte verkündete, wohl sich selbst erniedrigt, wenn es die Wahrheit mit Füßen tritt und die Lüge und Gewaltthätigkeit auf den Schild erhebt. Darob großes Murren bei allen Rosche-forts, und das Resultat: der Dr. Verthold Frischauer, ein zum mindesten wenig schuldiger Zeitungsschreiber, wird aus Paris ausgewiesen, damit sich der Grimm der Machthaber stille. — Und siehe da, das leuchtende Beispiel des französischen Miltiades, Dupuy nennt sich der Herrliche, läßt den Wiener Themistokles nicht ruhen, — Lueger ist er benamset, der Wackere, — und er weist den Berichterstatter des Wiener Blattes aus dem Rathssaale der Gemeinde, aus jenem Saale, in welchem so blutige Schlachten zwischen Christlich- Sozialen und Deutsch-Nationalen geschlagen werden. — Wahrlich, das Unglück wäre nicht so groß, wenn wir nicht erfahren möchten, was die Weisen Wiens in ihrer gothischen Rathsstube aushecken. Was können wir da hören? Wie das Geld der Steuerträger in der Gasfrage geschont wird, wie man über die Verpachtung des Rathhauskellers feilscht, wie viele Juden in ihrer Stellung präteriirt wurden, wie Lueger seine Weisheit auskramt, massenhaft Geld hergiebt für Kirchenbauten, arme Lehrer züchtigt, weil sie — oh, verhülle dein Gesicht, braver Unterthan — sozialdemokratischer Gesinnungen verdächtig sind, und wie er die Gesinnungslumperei züchtet, d. h. Diejenigen groß zieht, welche ihm im Herzen fluchen, und doch mit ihm ins Horn stoßen, um des Brodes, des lieben, lieben Brodes willen. Das Menschengeschlecht würde weiter bestehen und die Weltgeschichte nicht in ihren Angeln rosten, wenn wir all dies nicht hörten. Ja, wir sind der Meinung, es wäre besser gewesen, wenn unsere Presse die Thaten eines jeden antisemitischen Herostrat weniger aufgebauscht und sie lieber dem wohlverdienten Spotte, wenn nicht der noch mehr verdienten Vergessenheit, preisgegeben hätte. Wie aber in der griechischen Tragödie zum Schluffe das Satirspiel nie fehlte, wie jeder Odysseus seinen Thersites hat, so kommt auf Dupuy und Lueger — Schneider, der Stampiglienheld, der große Mechaniker, der Gasniesser-Schneider, der ein Schußgeld für jeden Juden verlangt, und der von „Juden und Menschen" spricht. Ehren-Schneider verlangt nun auch im niederösterreichischen Landtag die Ausweisung des Berichterstatters der „Neuen freien", damit auf diese Weise besonders deutlich gezeigt werde, welcher herrlichen Freiheit wir uns erfreuen. — Es ist etwas Schönes um die Freiheit. Unsere Propheten, die Jesaias und Jeremias, haben den Mächtigen, Königen und Priestern, die Wahrheit ins Gesicht gesagt und sind dabei nicht ganz wählerisch in ihren Worten gewesen. Die Machthaber von heute sind reizbarer. Sie sind nervös geworden. Sie schützen die Freiheit, so lange man heuchelt, die Wahrheit verdreht, ihnen dicke Schmeicheleien sagt und byzantinisch vor ihnen im Staube kriecht. Sowie es aber Jemand wagt, die volle, die ganze, die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, sowie man sich erkühnt, Lueger nicht als Miltiades zu erklären, Gregorigs Keuschheit zu bezweifeln und Schneiders Ehrenhaftigkeit, dann, Bauer, ist es allerdings etwas anderes. Das ist die Freiheit, wie sie die Dreyfus-Verurtheiler, das ist die Freiheit, wie sie Lueger und seine Barriör estöcke verstehen. — Nochmals, wir Juden haben keinen Grund, uns für unsere sogenannte liberale Presse in Oesterreich zu erhitzen. Sie hat uns mehr geschadet als genützt. Alle ihre Sünden, sie wurden dem Judenthum in die Schuhe geschoben, alle ihre Unarten uns zugeschrieben, man spricht von verjudeter Presse, und keine einzige der großen Aufgaben, welche das Judenthum heute auszuführen hat wurde von diesen Zeitungen gefördert. Im Gegentheil, diese sich selbst fortschrittlich nennende Presse verhimmelt unsere deutschen Jntransigeants und schadet dadurch dem Juden, besonders wenn er in Gegenden wohnt, in welchen eine deutsche und tschechische Bevölkerung wohnt. Aber eins erfüllt uns mit Abscheu, das ist die Gesinnungslosigkeit unserer Zeit, welche die Geistesknechtung zeitigt. Bald werden es die mehr oder weniger erleuchteten Geister unserer Zeit erkennen, welche Früchte die unsagbare Rohheit, genannt Antisemitismus, hervorbringt. In allen Erscheinungen des Tages offenbart sich diese thierische Wildheit, im gesellschaftlichen Leben, in der Politik, in der Litteratur und Kunst. Furchtbar wird sie sich an dem neu Heranwachsenden Geschlechte rächen. Gewaltthätigkeit, Gemeinheit zeigt ihm das Leben, das ernste ebenso wie die Kunst, die heiter sein sollende; Decadenz, Verfall überall. Wahrlich, eS bedarf eines ganz idealen Opfermuthes, um bei all dieser Entsittlichung nicht zu verzweifeln und standhaft und treu zu bleiben seinen Ueberzeugungen. — Innerhalb dieser Sumpfsphäre ist es unsere Pflicht, insbesondere unsere Kinder zu hüten und zu wahren, damit der Gifthauch der häßlichen verführerischen Sünde sie nicht verzehre und versenge. — Bleibt stark und standhaft! Dies rufen wir namentlich unserer Jugend zu. Die Lüge kann nicht ewig herrschen, das Gewölk, und sei eS noch so dicht, nicht für immer die Sonne der Wahrheit verdunkeln. In einer giftigen Luft wächst das neue Ge-

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