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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-07 · Heft 14 (7.4.1899) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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WWWW WW-WWWMWMSMW - 160 — iiiin um iim-iuyiiDiiMi ■ wtmrnmmmmmmm eingerichtet sind. Die Zahl der Schüler beträgt 175; sie sind in mehrere Gruppen getheilt, 10 Lehrerinnen geben ihnen Unterricht. Die Schülerinnen rühren meistens aus den Kreisen der Fabrikarbeiterinnen und Schneiderinnen her. Es ist auch gar keine Seltenheit, daß man Dienstmägde beständig die Unterrichtsstunden besuchen sieht. ♦ Einem interessanten Interview des bekannten Wiener Schriftstellers Dr. S. R. Landau mit dem energischen Vorkämpfer des guten Rechts in der Dreyfus-Sache, mit Bernhard Lazare, das die „Oesterreichische Wochenschrift" soeben veröffentlicht, entnehmen wir die folgenden interessanten Mittheilungen: Ich begann meine Unterredung damit, daß ich Lazare an unsere Zusammenkunft im letzten Mai erinnerte. Damals sagte er mir, daß di« Reviston höchstens in sechs Monaten erledigt sei« müsse. Lazare: Ja, ganz richtig. Ich erinnere mich auch daran, das gesagt zu haben. Aber inzwischen sind verschiedene Umstände eingetreten, die ich nicht voraussehen konnte. Es waren dies zuerst der Sturz Mslines und die Bildung des Ministeriums Brisson mit Cavaignac als Kriegsminister. Sie wissen, daß Cavaignac selbst die Offensive ergriff und zuerst die geheimen Dokument« vorlas, dann eine Kampagne gegen Picquart und Leblois einleitete. Diese neuen Prozesse haben die Sache verzögert. Der Generalstab gewann Zeit, neue Mittel und Wege zur Verhinderung der Revision ausfindig zu machen. Dann kamen zwei neue Kriegsminister, Zurlinden und Chanoine, die alles daran setzten, um die Revision zu verschleppen. Schließlich folgte der Kampf gegen die Kriminalkammer, der auch dem Zwecke diente, neuen Aufschub zu erwirken. Sie begreifen also, daß ich diese Verschlcppungsmittel nicht vorauszusehen vermochte. Jetzt ist die Sache in der Hand der vereinten drei Kammern (chambre civile, criminelle, de requetes), die die letzte Instanz bilden. Eine weitere Verzögerung ist nicht mehr möglich; es sei denn, daß die Kammern noch eine neue Untersuchung beschließen würden. Das kann aber Niemand im Voraus bestimmen. Doch selbst, wenn sie dies thun, kann es sich nur um eine Verzögerung von 15 Tagen handeln. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte Ende April, höchstens Anfangs Mai das Urtheil gefällt werden. Dieses Urtheil wird sein: Annullirung des Urtheils. Ich: Und Freisprechung? Lazare: Das läßt sich nicht mit Bestimmtheit Vorhersagen, wiewohl alle Chancen dafür sind. Doch glaube ich, daß eher eine neue Verhandlung vor dem Kriegsgericht stattfinden wird. Ich: Aus welchen Gründen dürfte die Annullirung des Urtheils erfolgen? Lazare: Wegen neuer Thatsachen, welche die Schuld Dreyfus' bezweifeln lassen. Ich: Wird Dreyfus vor dem Kriegsgericht persönlicherscheinen? Lazare: Ja! Ich: Und was wird der Generalstab dann unternehmen? Lazare: Er wird genug zu thun haben, um sich zu vertheidigen, statt anzuklagen. Ich: Wie sind die Chancen beim neuen Kriegsgericht? Lazare: Freispruch! Der Kassationshof muß in seinen Entscheidungsgründen feststellen, daß Dreyfus nur wegen des Bordereaus verurtheilt wurde, während das Bordereau den Esterhazy zum Verfasser hatte. Da die Untersuchung der Kriminalkammer selbst zugiebt, daß gegen Dreyfus nichts vorliegt, ist es unmöglich, ihn zu verurtheile». Ich: Hat Esterhazy in seinen Enthüllungen die Wahrheit gesagt? Lazare: Ja. Er hat auch Dokumente veröffentlicht, die seine Aussagen begründen, und diese Dokumente sind echt. Er leugnet zwar die Autorschaft des Bordereaus, aber man kann doch nicht verlangen, daß er das zugiebt. Ich: Wie geht es jetzt dem Dreyfus? Lazare: Gut. Ich habe in der jüngsten Zeit einig« Briefe von ihm an seine Frau gesehen. Er weiß nicht alles, aber aus dem Promemoria seines Advokaten hat er das Wesentlichste erfahren. Er schreibt, daß er das Ende seines Martyriums kommen fleht. In seiner Unschuld habe er die Kraft geschöpft, alles zu überleben. Ich: Glauben Sie, daß mit der Freisprechung Dreyfus' der Antisemitismus in Frankreich aufhören werde? Lazare: Nach Beendigung der „Affäre" wird der Antisemitismus bei uns erst recht erstarken. Die Antisemiten werden den Juden die Gemeinheit des Generalstabes nie verzeihen. Man würde dem Dreyfus eher einen Berrath als seine Unschuld verzeihen. Sie werden immer sagen, daß es das Geld der Juden war, durch das. Dreyfus befreit wurde, daß die Juden schuld daran waren, wenn Generalstäbler zu Fälschern wurden, daß die Juden das Ansehen der französischen Republik im AuSlande geschädigt haben. Die französische» Juden gehen in dieser schwachen Bourgeoisie-Republik, die stch selbst gegenüber ihren monarchistischen und klerikalen Feinden nicht mehr vertheidigen kann, bewegten Zeiten entgegen. * Der25. Jahresbericht der „Union ok American Hebrew Congregations“, also des jüdisch - amerikanischen Gemeindebundes, ist uns soeben zugegangett. Er giebt ein sehr interessantes und lehrreiches Bild von der Entwickelung dieser Organisation, deren Gesammteinnahmen ungefähr 28 500 Dollars betrugen, während die Gesammtausgaben auf ca. 1000 Dollars weniger sich belaufen. Das Gefammtvermögen beträgt ca. 50000 Dollars. Aber nicht die Zahlen find das Interessanteste in diesem Bericht, fondem die erfreuliche Thatsache, daß der Haupttheil derselben dem Hebrew Union College gewidmet ist, für das die Union allein in diesem Jahre die stattliche Summe von 20 000 Dollars bewilligt hat. Wir ersparen uns den Vergleich mit den europäischen, speziell mit den deutschen Vereinigungen auf diesem Gebiet und bemerken nur noch, daß der Bericht über die Thätigkeit des Hebrew Union College die wahrhaft erfreuliche Entwickelung dieser Anstalt unter der vortrefflichen Leitung des ehrwürdigen Präsidenten Dr. Jsaac M. Wife in glänzendster Weife dokumentirt. Mit Recht ist dieser seltene Mann in den letzten Wochen Gegenstand so herzlicher Ovationen seitens der amerikanischen Juden gewesen, denn seinem Wirken sind vor allem das frisch pulsirende Leben und die großartigen Institutionen zu verdanken, durch die das Judenthum in Amerika sich gegenwärtig auszeichnet. Noch ein Mort über das Lehrlingshnm. Berlin. 4. April. u unserem Artikel in voriger Nummer „Berufswahl' Förderung des Handwerks und Lehrlingsheim" wird uns von zuständiger Seite bemerkt, daß das Kuratorium des „Vereins Lehrlingsheim Pankow" mit Freuden sich auf den von uns bezeichneten höheren Standpunkt bei der Aufnahme neuer Zöglinge stellen würde, wüßte es nur, woher die erforderlichen Geldmittel zu beschaffen wären, da es sich schon jetzt gezwungen sähe, die Frage in Erwägung zu ziehen, ob überhaupt Neuaufnahmen in nächster Zeit stattfinden dürften. Nun, wir müssen gestehen, wir würden vom allgemeinen kulturellen und humanitären Standpunkt nur lebhaft bedauern, daß ein so gemeinnütziges Institut lediglich aus materiellen Gründen stagniren resp. zurückgehen sollte. Wir hegen indeß die feste Zuversicht, daß bei einigem guten Willen und einiger persönlicher Agitation — Rundschreiben nützen wenig — es den welterfahrenen Männern des Kuratoriums von Namen, Klang und Ruf gar nicht schwer fallen dürfte, sich die nöthigen Mittel für ihre gute Sache zu verschaffen, zumal auch hier — in übertragenem Sinne — die Worte des Psalmisten anwendbar sind: „Jung war ich, bin auch alt geworden, und nie sah ich einen Gerechten verlassen und seine Nachkommen nach Brod gehen." Außerdem gestatten wir uns, im Interesse der gemeinnützigen Sache, folgende zwei Vorschläge zu machen: 1. Der „Verein Lehrlingsheim Pankow" veranlaßt die „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate"

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