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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-07 · Heft 14 (7.4.1899) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
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159 thätigen Anstalten hat sie begründet und gestärkt; sie half, wo sie nur konnte! Aber am meisten war ihr Herz dort, wo gekränktes Recht weinte; an der Erleichterung der sozialen und rechtlichen Bedrängniß in Rußland und in Rumänien, an der Beseitigung der ägyptischen Finsterniß in Galizien zu arbeiten und die Institutionen in Amerika auszubauen, welche sich den russischen Flüchtlingen widmen, war ihre vornehmste Thätigkeit! Dank erfüllt uns deutsche Juden für das, was sie auch uns geleistet hat. Wie viele Kranken- und Siechenhäuser, Hilfskassen, Asylvereine und andere wohlthätige Anstalten hat sie bei uns gefördert! Jmnier aber hob sie die Nothwendigkeit hervor, daß wir selbst aus eigener Kraft unsere Institutionen begründen und erhalten müßten; sie wollte bei uns mehr anregen als selbst schaffen. Besonders freudigen Antheil nahm sie an unseren Instituten für jüdische Krankenpflegerinnen; daß jüdische Mädchen lernen, selbstständig zu werden, und sich der hehrsten Liebesthätigkeit widmen, war ihr eine Herzensfreude. Noch in den letzten Monaten hat sie in pietätvoller Erinnerung an ihren verewigten Oheim Dr. Salomon Hayman Goldschmidt in dessen Geburtsstadt Frankfurt, welche auch die Geburtsstadt ihrer theuren Mutter war, eine Stiftung errichtet, durch deren Mittel Hilfsbedürftige ohne Unterschied des Standes und der Religion Unterstützungen erhalten, um ihre gefährdete Existenz zu sichern. Sie arbeitete bis zu ihrem letzten Athemzuge. Unter den heftigsten Schmerzen leidend, blieb sie thätig in dem, was ihre Lebensaufgabe war, zu helfen und zu heilen! Sie litt und klagte nicht. Sie kannte keine andere Freude als die, welche sie Anderen bereitete, kein anderes Glück als das, was sie Anderen schuf. Sie wurde nicht müde und nicht matt, und keine Enttäuschung machte sie bitter. Sie blieb, wie sie von Anfang war, gütig und mild. Und nun ist ihr Auge, ihr Herz, ihre Hand für ewig geschlossen! Mir kommt, wenn ich an sie denke, nicht das prophetische Bild aus dem Sinn, daß ich eine Stimme weinen höre: Rahel weint um ihre Kinder! Soll sie, unsere Rahel, um uns weinen? Sollten wir nicht den Weg allein gehen können, den sie uns gewiesen? Sollte ihr Beispiel keine Nachahmer finden? Werden unsere Reichen bei der Betrachtung dieser Seelengröße nicht auch groß werden und Hand anlegen zur Erfüllung unserer Aufgaben? Gehet hin und sehet das Elend in Rußland und Galizien, sehet das Elend und die unsägliche Roth, und seid weich und mild, helft die Thränen trocknen der vielen, vielen unglücklichen Kinder, die sie, unsere Rahel, verwaist zurückgelaffen hat. Laßt ihr theures Andenken zum wahren Segen werden! Julius Plotke. Me Woche. Berlin, 5. April. us den deutschen Kleinstaaten kommt nur selten eine Klage über antisemitische Velleitäten. Die süddeutschen Staaten sind ziemlich frei von dieser Krankheit, und in den mitteldeutschen wohnen so gut wie gar keine Juden. Im Uebrigen sind auch sie meist immun. Nur Weimar, das klassische Weimar, ist nicht ganz frei von solchen Anwandlungen. Erst in der jüngsten Zeit bot sich wieder Gelegenheit, dies zu erkennen. Das Karl-Friedrich-Hospital in Blankenhain hatte in der „Berliner Klinischen Wochenschrift" einen „Assistenzarzt christlicher Konfession" gesucht. Der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Baudert richtete nunmehr an die Staatsregierung die Anfrage, welche Erwägungen maßgebend gewesen seien, daß die nichtchristlichen Aerzte von der Bewerbung ausgeschlossen waren. Nun hat in der letzten Sitzung des weimarischen Landtags der Staatsminister v.'.Groß die Interpellation dahin beantwortet, daß bei Nerven- und Geisteskranken alles vermieden werden müsse, was das Vertrauen zwischen Arzt und Kranken stören könne, und daß deshalb auf die Religion Rücksicht genommen werden müsse. In der That, eine sehr merkwürdige Motivirung! Selbst die antisemitischen Blätter haben eine solche Antwort nicht zu hoffen gewagt. Sie meinten, daß in dem Hospital voraussichtlich fast ausschließlich christliche Kranke untergebracht würden, die „ein gutes Recht, sich von christlichen Aerzten behandeln zu laffen", hätten, und daß im Karl-Friedrich-Hospital in Blankenhain bereits ein Uebermaß jüdischer Aerzte Unterkommen gefunden haben wird, so daß der Wunsch „nach einem Assistenzarzt christlicher Religion sehr wohl begreiflich erscheint". Daß beide Voraussetzungen irrig sind, braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden. Auch in Eisenach befindet sich nur ein jüdischer Arzt, in Weimar keiner. Also wegen eines „Uebermaßes jüdischer Aerzte" hat sich das Ländchen wahrhaftig nicht zu beklagen, in dem, wie es scheint, die Kranken nicht ausschließlich nach Medizinischen, sondern auch nach religiösen Grundsätzen behandelt werden sollen. Das führte dann direkt zu der „christlichen Medizin" die ein frommer Proseffor, Ringseis, vor Jahrzehnten in München entdeckt hat. * Aus Rußland kommen bittere Klagen über die wirthschaftliche Lage der Juden. Natürlicherweise haben die Hungersnoth und die wirthschaftlichen Krisen, die in den letzten Jahren Rußland heim' gesucht haben, auf die Lage der Israeliten, die in den Städten des Territoriums wohnen, einen Rückschlag ausgeübt. In der Zeitschrift „Nedjela" findet man ein ergreifendes Bild von dem Elend, das z. B. die zahlreichen jüdischen Arbeiter von Mohilew zu ertragen haben. Gleichwohl nimmt das Bestreben, die Juden mit besonderen Steuern zu belasten, ruhig seinen Fortgang. Das äußert sich gegenwärtig wieder in administrativen Bestimmungen, die kürzlich noch der Gegenstand einer Auseinandersetzung vor dem Senat waren. Durch einen Erlaß vom 15. September 1898 hatte der Senat die Entscheidung der Provinzialverwaltung von Orel annullirt, die sich durch die einschränkenden Gesetze, welche die Lage der Juden „ordneten", für ermächtigt geglaubt hatte, denselben besondere Lasten aufzulegen als Ersatz für ihre Betheiligung an den Wohlthaten des städtischen Lebens. Der Senat hatte zu Gunsten seiner Meinung unter anderem Folgendes erklärt: die Thatsache, daß die Juden kein dauerndes und beständiges Element der Munizipalbevölkerung bilden, kann keineswegs die gewaltsame Maßregel rechtfertigen. Wenn die Gemeindeverwaltung gewisse Bortheile allen Einwohnern der Gemeinde zugesteht, so ist es weder dem Geiste noch dem Buchstaben des Gesetzes entsprechend, eine gewisse Klasse von Einwohnern wegen des Religions- und Rassenunterschiedes von der Antheilnahme an diesen Vortheilen auszuschließen. Auf der arideren Seite bemerkt man mit Freude die Bestrebungen der Juden, die durch persönliche Bemühungen hervorgerufen sind, diesen Mangel durch andere Mittel zu ersetzen: man schafft nämlich Sabbathschulen, die von jungen Leuten im Allgemeinen besucht werden, welche selbst nicht die Kosten eines Elementarunterrichts haben bestreiten können. Der Erfolg dieser Schulen hat bereits die Aufmerksamkeit der Presse auf sich gezogen. Er gründet einerseits die Anstrengungen, die von den gebildeten Klassen in dieser Richtung gemacht werden, und andererseits den Eifer und die Ausdauer, voM denen die unteren Schichten der israelitischen Bevölkerung Zeugniß oblegen. Man kann viele Beispiele hierfür anführen, z. B. die Unterrichtskurse am Sabbath, die für die Frauen von Cherson

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