Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
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158 den Artikel das Wort, der der Welt sagen soll, um wen sie zu klagen habe. Nicht minder groß wird aber die Bewunderung dieses Wirkens sein, wenn man erfahren wird, in welcher Weise sie ihr Wohlwollen gegen ihre Nebeirmenschen geübt hat. Denn die Baronin Hirsch begnügte sich nicht damit, viele Millionen für alle Armen und Unglücklichen auf dem ganzen Erdenrund zu spenden; ihr Wohlwollen entsprang aus einer wahrhaft ethischen Gesinnung. Es erstreckte sich auf das gesammte Streben der Anderen, es förderte und begleitete dessen Gelingen oder Mißlingen, dessen Wohl und Wehe mit mächtigster Theilnahme. Eine solche Harmonie der Kräfte findet sich nur selten in einem Menschen vereint. Ihre ganze Zeit und ihre volle Kraft, ihr ungetheiltes Interesse und ihre gespannte Aufmerksamkeit wandte die Verstorbene guten Zwecken zu. Es ist kein Jahresbericht irgend einer gemeinnützigen Anstalt zu finden, in dem nicht ihr Name an erster Stelle steht. Und ivenn auch kein Armer «»beschenkt von ihrer Schwelle ging, so war sie doch mit weiser Einsicht vor allem darauf bedacht, die soziale Lage weiter Volksschichten zu verbessern und zu heben. Jedes Unternehmen, das diesem Zweck gewidmet war, fand an ihr eine wohlwollende Gönnerin. Und dabei kannte sie keinen Unterschied des Standes, der Nationalität, der Religion. Wo irgend auf dem weiten Erdenrund der Nothschrei des Elends ertönte, da erschien sie wie ein rettender Engel und brachte Segen und Sonnenschein. Aber über der allgemeinen Menschenliebe vergaß die edle Frau niemals der Pflichten gegen ihre Glaubensbrüder. Keine wohlthätige Anstalt innerhalb des modernen Judenthums, die sich nicht ihrer warmen Theilnahme zu erfreuen hatte. Alle Asyle für Kinder, für Arme und Alte, alle Schulen, Krankenhäuser, Werkstätten, Vereine lind Kassen wurden voll ihr unterstützt und gefördert. Gar viele Institutionen zur Hebung des Volkswohles hat sie selbst begründet. Vor allein galt aber ihre Sorge den unglücklichen Glaubensbrüdern im Osten. In Paris wie in Wien, in Lemberg wie in Petersburg, in London und in New-Iork hatte sie besondere Büreaus eingerichtet, welche ausschließlich diesem Zwecke dienten. Ihr Wohlwollen hatte seinen tiefsten Kern in dem Wirken für das Streben Anderer, in dem Bemühen, das Elend zu lindern und den Unglücklichen wieder aufzurichten. Darin bestand die Größe ihrer ethischen Persönlichkeit. Und hier müssen wir wieder jenes merkwürdigen Dialogs gedenken, von dem schon Eingangs die Rede war. Dort wird nämlich Gott mit Hiob in einem Gespräch eingesührt. Wodurch habe ich diese Leiden verdient, fragt der Dulder. - Habe ich nicht Hungrige gespeist, Durstige getränkt, Nackte bekleidet? Du hast noch nicht halb so viel gethan wie Abraham, erwiedert die Stimme des Herrn. Du sitzest gemächlich zu Hause und giebst jedem Armen, der hereintritt. Abraham hingegen suchte die Armen außer dem Hause auf und brachte ihnen Hilfe und Rettung. Das Gleiche kann man von der Frau sagen, deren Tod Tausende und Abertauseilde heute aus tiefstem Herzen beweinen. Nicht nur die unzähligen Hungrigen, die sie gespeist und gesättigt, die Trauernden und Gebeugten, die sie aufgerichtet, die Elenden und Unglücklichen, deren Thränen sie getrocknet, deren Seufzer sie gestillt, die vielen Wittwen und Waisen, denen sie Trost, Hilfe und Beistand gespendet hat, sondern alle Menschen auf dem weiten Erdenrund, denen die Liebe und das Wohlwollen als das höchste Gut der Menschenkinder gelten. Aber auch über den Tod hinaus waltet treu die Liebe. In ihrer unermüdlichen Fürsorge hat die edle Frau schon in den Tagen, da sie den Keim der tückischen Krankheit, die sie hinweggerafft, in sich regen fühlte, in ihrem letzten Willen all der Liebeswerke gedacht, denen di« Sorge ihres Lebens galt. Und so werden noch nach Jahrhunderten zahllose Arme und Unglückliche in heißen Thränen das Andenken dieser Frau segnen und preisen. Ihr Name und die Erinnerung an ihr großes Wirken wird unvergänglich fortlebe« in der Geschichte menschlichen Wohlwollens, und auch sie kann gleich der Heldin jenes hohen Liedes, das wir am letzten Festtage wiederum mit inniger Erhebung gelesen, der großen Schaar von Armen und Unglücklichen, die in diesen Tage» ihr Grab mit der Seele suchen, aus lichten Höhen zurufen: „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach!" * Frankfurt a. M., im April. Bald wird sich der Grabhügel über ihr wölben. Die holde, von Liebreiz und Anmuth umflossene Gestalt ist verschwunden. Aber ihre wahrhaft edle Seele, ihr hehrer Geist weilt noch unter uns; wir lassen Dich nicht von uns, ehe Du uns gesegnet hast! Sie gehört nicht uns allein an, wenn wir auch glücklich sind, daß sie unser war; sie gehört der Geschichte! Die Geschichte wird ihr Wesen festhalten und ihr Bild für die kommenden Zeiten zeichnen, ihr sanftes Auge, ihre gütige Hand, — immer wieder wird man ihre wohlklingende, milde Stimme hören und den ernsten, freundlichen Blick ins Herz sich dringen lassen! Und wenn die späteren Geschlechter verwundert auf unsere gegenwärtige Zeit blicken und von den Grausamkeiten hören werden, welche die civilisirte Welt jetzt zu bekämpfen sucht und nicht besiegen kann, wie die Menschen sich absichtlich von einander scheiden in Rassen, in Stämme, wie sie die längst beseitigt geglaubten Schranken wieder aufrichten und hohe Mauern bauen, damit Einer dem Anderen nicht näher komme; wie sie unzählige unschuldige Familien aus der Heimath vertreiben, indem sie sie Fremde schelten; wie das Recht gebeugt wird und die Wahrheit gekränkt, unter dem Beifall von Tausenden und Millionen; dann wird das Wesen und Wirken dieser Frau wie eine Sonne leuchten, welche mit ihrem milden warmen Schein alle Finsterniß und alle Winterskälte siegreich überwunden hat! Dann wird die Geschichte bei ihr verweilen und von ihr erzählen, wie sie im Glanz auswuchs und im Reichthum lebte, und wie sie sich doch ein einfaches, schlichtes Herz bewahrte, wie sie vom Schicksal schwer geprüft ward — riß es ihr doch das einzige Kind, den Sohn, im blühendsten Alter, ihre Hoffnung und ihren Stolz, aus ihren Armen! — und wie sie dennoch stark blieb und unter der Wucht des Schmerzes nur noch mehr wuchs an sittlicher Kraft und an geistiger Höhe; wie sie von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit ganzem Vermögen Gott und die Menschen liebte! Einzig steht das Wirken ihres vor ihr Heimgegangenen Gatten da; gewaltige Aufgaben höchster sittlicher und sozialer Bedeutung suchte er für seine bedrängten Glaubensgenossen zu lösen, und er stellte seine reichen Mittel und seine bedeutende Persönlichkeit ihnen zu Gebote. Sein Herz und sein Sinn für Güte wurde von ihr, unserer theueren Entschlafenen, geweckt und genährt; bei ihr sind die Wurzeln des mächtigen Baumes, der weithin seine Beste verbreitet, Schatten spendet den Müden und Früchte den Erschöpften. Als er entschlafen war, da hat sie sein Werk fortgesetzt, aber noch umfassender ihr Wirken gestaltet. Ihre Liebe kannte keine Grenzen des Stammes, der Nation, der Religion. Sie nannte sich gern eine gute Jüdin! Fürwahr, sie durfte sich so nennen, — sie übte diejenige Religion, welcher „der Fremde ist wie der Einheimische", welche „Schutz bietet dem Bedrängten, der aus der Knechtschaft entfliehend Zuflucht sucht", welche „Recht und Gerechtigkeit" als oberste Tugend preist und mit ihr Menschenliebe und Milde einigt. Alles, was Menschenantlitz trägt, war für sie ein Kind Gottes, waren ihr Bruder und Schwester; Hunderte von wohl-