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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-07 · Heft 14 (7.4.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 14. Berlin. 7. April 1899. eitung des Audenthuins. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich:! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin | unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. I Redaeterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner B*- Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Crpedition: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresie: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Leitartikel r Clara von Hirsch-Gereuth. — Nachruf von R.-A. Julius Plotke. — Die Woche. — Noch ein Wort über das Lehrlingsheim. — Brief aus Oesterreich. — Unter jüdischen Proletariern. — Ludwig Bamberger. Von Dr. Adolph Kohut. — Feuilletonr Die Abtrünnige. Von Paula Fab er. — Litterarische Mittheilungeu. Der Gemeiudebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Aus Westpreutzen, Aus der Provinz Posen, Essen, Elberfeld, Cassel, Ems, Gießen, Frankfurt a. M., Wien, Paris, Salonichi. — Don Rah und Fern. Clara von Hirsch-Gereuths Berlin, 4. April. inen in vielen Beziehungen merkwürdigen Dialog enthält das an Sentenzen und Erzählungen über Wohlthätigkeit so überreiche talmudische Schriftthum, an den wir bei der Nachricht von dem Tode der edlen Frau, deren Namen die Ueberschrift dieser Zeilen trägt, lebhaft gemahnt wurden. Es wird dort erzählt: Rabbi Josua und Rabbi Jochanan gingen einst an den Ruinen des Tenipels in Jerusalem vorbei, und Elfterer ließ seinen Schmerz darüber laut werden, daß das Haus Gottes in Trümmern liege, in dem die Sünden der Menschen vergeben wurden. „Gräme Dich nicht darüber," sagte Rabbi Jochanan zu seinem Freunde, „es giebt doch noch ein Mittel der Versöhnung, das höher steht als jenes, nämlich das Wohlthun, denn so heißt es in der heiligen Schrift: „Nur Wohlthun heische ich, nicht Opfer." Wahrlich, in der ganzen Geschichte des Judenthums dürfte kaum eine solche Frauenerscheinung zu finden sein, die die höchste Blüthe des Wohlwollens so zum vollen Ausdruck gebracht hätte wie die Verstorbene. Aber nicht nur in der Geschichte des Judenthums, sondern wahrscheinlich auch in der ganzen Geschichte der Menschheit wird man nicht viele Namen finden, die dem ihren an die Seite zu stellen wären. Es wäre die Aufgabe würdig eines großen Dichters, das Leben dieser Frau im Liede zu feiern, die in der letzten Stunde ihres Erdendaseins wohl von sich sagen durfte, daß sie zu jeder Stunde bereit und bemüht war, die Schmerzen zu lindern des Beladenen, die Thräuen zu stillen des Geängsteten, und deren heilig glühendes Herz sich allen Bedrängten hier auf Erden in unendlichem Erbarmen erschlossen hat. Das Wohlwollen ist so alt wie die Menschheit. Die Wohlthätigkeit war von je und je eine Blüthe des Gemüthslebens. Die Theilnahme für das Wohl und Wehe der Anderen hat aber in Israel sich zu einer besonder» Eigenart entwickelt, die in dem jüdischen Familiensinn ihre Quelle hat. Mit Recht hat ein hervorragender Kenner unseres religiösen Seelenlebens die Juden in die Reihe der Stämme versetzt, die mehr weibliche Elemente in sich tragen. Wer die Eigenart des Weibes erkennen will, muß vom Herzen desselben ausgehen — und das Herz bildet auch die Hauptquelle, aus welcher die besten Stammestugenden der Juden hervorströmen. Beide, das Weib wie der Jude, sind daher, weil ihr Wesen im Herzen seine tiefsten Wurzeln hat und aus diesem seine Nahrung zieht, von Natur ans weich, mild und barmherzig. In dem hohen Liede, das die heilige Schrift der Arbeit des Weibes gewidmet, wird dieses schon darum gepriesen, weil es dem Leidenden die Hand ausbreitet und dem Dürftigen die Hilft reicht. Schon zu einer Zeit, wo man an einen sozialen Wirkungskreis der Frau noch gar nicht gedacht, hatte das jüdische Weib sich einen solchen geschaffen. Er umfaßte die Arbeit im Hause und die Wohlthätigkeit außerhalb desselben. Den Ruhm des Biederweibes (eschet chajil), das die Kardinaltugenden ihres Stammes: das jüdische Herz, die Barmherzigkeit, den Familiensinn, die häusliche Fürsorge, den regen Fleiß, am schönsten bethätigte, durfte Israel selbst in den trübsten Tagen seiner Leidensgeschichte verkünden. Ja, gerade in diesen trüben Tagen entfaltete sich das Erbgut des Wohlwollens und der Güte inmitten des eng umfriedeten Ghettos zu herrlichster Blüthe. Jede jüdische Gemeinde, auch selbst die kleinste, hatte solche jüdische Frauen in ihrer Mitte. Man nannte sie uaschim zidkaniot, und sie übten die Liebespflicht des Wohlwollens an Armen und Kranken nicht blos darum aus, weil es ein Gebot ihrer Religion, sondern weil es ein Erbgut war ihrer edlen Frauennatur. So war die Sorge für die Hilflosen und Elenden, für die Kranken und Enterbten von jeher die Domäne der Frauen in Israel, und als dann die neue Zeit kam, die auch die Idee des Wohlwollens in ein geschloffenes System brachte, da waren die jüdischen Frauen die ersten, welche in dem erweiterten Wirkungskreis, den unser Jahrhundert der Frau angewiesen, sich bethätigt und bewährt haben. Alles aber, was Frauen jemals im Dienste der Wohlthätigkeit gethan haben, tritt in den Hintergrund vor den Liebeswerken der Frau, deren frühen Tod heute nicht nur ihre Glaubensgemeinde, sondern auch die ganze gesittete Menschheit zu beklagen hat. Ihre Wohlthätigkeit war in der That beispiellos, und man kann wohl behaupten, daß mit ihr die wohlthätigste Frau, die je gelebt, aus dieser Welt geschieden sei. Es wird sicher einmal die Geschichte des Wirkens der Baronin Hirsch in authentischer Weise dargestellt werden, und dann wird man darüber erstaunen, welche Summen sie mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit dem Wohle der Menschheit geopfert hat. Aber gern geben wir schon heute einem der verdienstvollsten Mitarbeiter an dem Werke der Jewish Kolonisation Association, das sie mit besonderer Vorliebe gehegt hat, Herrn Rechtsanwalt Julius Plotke in Frankfurt a. M., in einem diesem Nachrufe folgen

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