Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Der Panther zieht sich katzenähnlich und mit heißem, schnaubendem Athem aus dem Gebüsche hervor und reibt wimmernd den Bauch, an denWräsern. 4 Edoms Sohn hört und sieht nicht! Der Panther bleibt in einer Entfernung von zehn Schritten stehen und heftet die erstaunten Augen auf die Gruppe. Dann schüttelt er^ sich voll wüthender Ungeduld und heult kurz auf. Dann steht er wieder und betrachtet den regungslosen Menschen. Das nahe Heulen des Thieres macht Edoms Sohn denn doch aufmerksam. Unwillkürlich wendet er das Haupt und blickt den Panther an. Das blutgierige Thier betrachtet sein Opfer fortwährend unter unwilligem Schnauben. Der Blick des Edomiters ist kalt, leer, ohne Bewußtsein. Es ist klar, daß er die Anwesenheit des Thieres nicht merkt. Aber sein starrer Blick haftet fortwährend auf demselben. Der Panther schüttelt sich unwillig, blickt scheu nach diesen starren Augen, wendet den Kopf wieder weg, reibt sich am Boden und winselt. Dieser starre Blick verursacht der Bestie Unbehaglichkeit. So oft sie den Kopf hebt, läßt sie ihn auch wieder sinken, weicht einige Schritte zurück, kommt wieder murrend vorwärts, bald herbeigezogrn von wüthendem Hunger, bald zurückgestoßen von starren, seltsamen Blicken. Der Panther legt sich endlich nieder, er zittert vor Wuth, aber vor diesen starren» seltsamen Blicken wird ihm bange. Endlich siegt die Wuth, der Hunger. Der Panther schleift sich auf dem Bauche, fortwährend mit abgewendetem Haupte, zu der Leiche. Diese Bewegung macht den Edomiter aufmerksam, seine Augen verlieren den starren, leblosen Ausdruck. Der Panther ist ganz in der Nähe Na«mis — er faßt einen Zipfel des Kleides und zerrt daran. Die Gestalt des Edomiters wird von einer mächtigen Bewegung des Zornes erschüttert. Der Panther erfaßt das Gewand mit Kraft — plötzlich hebt er sich, thut einen Sprung, und die Leiche wird fortgezerrt. Dieser Anblick giebt Reson Fasiung und eine von fürchterlichem Zorne zur höchsten Anstrengung gesteigerte Kraft. Er springt auf, er wirft sich auf das Thier, er packt es mit grimmigen, starken Fäusten nnd schleudert das Gewicht seines mächtigen Körpers auf das schlanke Thier. Der Panther stößt ein erschrockenes und doch wüthendes Geheul aus, er läßt die Gewänder der Leiche fahren, er wendet das Haupt, seine Zähne schlagen in ResonS Brust. Und doch ist das Thier feige und sucht zu entfliehen! Sich mit Biffen gegen den wüthenden Menschen vertheidigend, sucht es dennoch fliehend das Gebüsch zu erreichen. Der Panther keucht unter den verzweiflungsvollen Anstrengungen des wüthenden Menschen. Reson, ohne einen Laut von sich zu geben, wirft das Thier immer wieder um und rollt, an daflelbe geklammert, hin und her. Eine Blutlache bezeichnet den jedesmaligen Anhaltspunkt des Kampfes. Dann sinken die Tatzen des Thieres plötzlich ermattet nieder, seine Augen sind hervorgequollen, ein letztes heiseres Röcheln geht aus seinem Rachen, erwürgt, aber noch leise zuckend, streckt es die Glieder. Neben es sinkt der Sieger hin, der Tod tritt in sein Herz. Aber er hat seine Nasmi noch im Tode gerettet. Noch einmal rafft er sich empor, kriecht keuchend neben die Leiche) aus hundert Wunden rinnt sein Blut. Er legt sich neben die Leiche, er versucht, sie zu umschlingen, umsonst. Er hat aufgehört zu athmen, aber er ist gestorben an der Seite des holden, unglücklichen Mädchens, dessen Besitz ihn sein ganzes Dasein hindurch täuschte, er besitzt sie im Tode endlich, er haucht seine letzten Athemzüge an ihrer Seite aus. Der Vorhang falle, die Szenen, die ein trübes Verhängniß vor unseren Augen Hingleiten ließ, sind zu Ende. Jene Wesen, die ich dir schilderte, find todt» sie sind gestorben, Märtyrer göttlicher Empfindung. Siehe, der Schmerz jener Tage ist vertönt, die Thräne ist weggewischt, die Liebe hat aufgehört. Aber die Erinnerung des Dichters steht noch immer weinend an den Grabmälern der Liebe, der Entsagung und des Schmerzes. Spreckjsaal. Geehrter Herr! iSSkeftattßn Sie auch mir, einen Jmmortellenkranz auf das Grab eines großen Tobten zu legen. Professor Steinthal, der Held im Reiche des Geistes, der dem Leserkreise dieses Blattes, das ihm so viele reiche und herrliche Gaben zu danken hatte, gleichsam mit seinem Schwanengesange „Unser Gott und Gott unserer Bäter" ein so köstliches Bermächtniß hinterließ, er, der so wunderbar beredt und ergreifend über „Was Gott thut, das ist wohlgethan" und „Demuth", die er, der große und gefeierte Gelehrte, übte, zu sprechen verstand, er ist nach langer, segensreicher, ruhmgekrönter Erdenpilgerfahrt eingegangen zu seinem Gotte. Berufene Federn werden die Bedeutung des durch geistige Hoheit und Seelenadel ausgezeichneten Mannes für die Wissenschaft preisen, dessen edles Haupt schon zu Lebzeiten der Lorbeer der Anerkennung schmückte, hier sei es einer schlichten Frau nur vergönnt, ein Zeichen der Dankbarkeit auf den frischen Hügel des großen Sprachforschers niederzulegen. „Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können!" Es war im Winter 1864/65, als ich, ein ganz junges Mädchen, in Berlin nicht nur mit gespanntester Aufmerksamkeit, sondern geradezu mit begeisterter Andacht einem Vortrage Professors Steinthals über „Unsere Muttersprache" lauschte. Ob wohl unsere großen Gelehrten eine Ahnung haben, welch großen Einfluß sie in Wort und Schrift auf die Geistesrichtung und Fortentwickelung junger weiblicher Gemüther haben? Schwerlich! Die anregende und begeisternde Einwirkung, die ich an jenem unvergeßlichen Abend erfuhr, war nicht nur für den Moment, sondern fortdauernd, nachhaltig. Ich hatte bis dahin mit Vorliebe und Erfolg fremde Sprachen getrieben; von jener Zeit stand es unumstößlich fest in mir, mich in erster Reihe in die Schätze unserer Muttersprache und ihrer herrlichen Litteratur zu vertiefen, die Muttersprache, von der der Dichter singt: „Muttersprache, Mutterlaut, Wie so wonnesam, so traut", zu hegen und zu pflegen. Noch oft in stillen Stunden stieg das Bild des gefeierten Gelehrten in späteren Jahren leuchtend vor meinem geistigen Auge auf, besonders wenn ich einen seiner meisterhaften Aufsätze las, und als ich drei Jahrzehnte nach jenem denkwürdigen Abend über „Unsere Muttersprache in Wort und Schrift" schrieb, da gedachte ich besonders in dankbarer Verehrung seiner, der mir die glühende Liebe zur Muttersprache ins Herz gepflanzt! Bon dem Strahlenkränze der Unsterblichkeit umflossen, wird Professor Steinthals Name, mit goldenen Lettern in die Annalen der Wissenschaft eingezeichnet, für alle Zeiten in der Ruhmeshalle der Gelehrten aller Nationen unvergessen undunvergänglich fortleben; aus demSchatzkästlein ihrer Erinnerungen hat eine deutsche Jüdin diesen Jmmortellenkranz gewunden! Breslau, 28. März. R. N. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.