Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
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155 Juda und der kleine Stamm Benjamin blieben allein bei dem Hause Davids und besetzten gleich nach dem Abzüge der Aufrührer mit gewaltiger Waffenmacht die heilige Stadt. Auf diese nun trotzte Rehabeam, und so wurde die Trennung der Stämme bewirkt, und es entstanden aus den Geschlechtern Jakobs zwei Reiche: Israel und Juda. Und das Gebot des Herrn ging in Erfüllung, denn zehn Stämme waren gerissen von Davids Haus, aber sein Samen ward nicht getrocknet für immer, sondern sproßte noch lange Jahrhunderte fort in den Enkeln Rehabeams. Auf dem Berge Bezetha, vor jener heimlichen Grotte, stand der heilige Mann von Silo, gerüstet zur Pilgerschaft gen Sichem und ganz allein. An diesem Tage verließ er für immer die einsame Grotte, denn seinem feurigen Geiste wurde ein großes Geschick offenbar, welches ihn als Rathgeber und gewaltigen Günstling an den Hof des neuen Königs rief. Die stolze, düstere Gestalt stand vor dem Eingang der Grotte und blickte mit einer gewiffen Verachtung die elende Wohnung an. „Euch verlaß ich lächelnd!" murmelte der Mann von Silo. „Ihr öden Gefilde, ihr starren Haine, ihr habt mein sinnendes Haupt gesehen und die Worte meiner Besorgniß gehört. Fortan werden glänzendere Räume Jerobeams Stütze umgeben, und dies sinnende Haupt wird Pläne bilden und erfüllen, Pläne hoher, schwindelnder Macht und Größe!" Der Prophet stand still und stützte sich mit leisem Zittern auf seinen Stab. „Nie soll ich ihn Sohn nennen!" murmelte der hartnäckige Mann, „nie soll ich ihm das Geheimniß der Liebe enthüllen, welches mich an ihn. von allen Menschen an ihn allein gefeffelt hält! Nie soll Israel erfahren, daß sein herrlicher König der ärmsten Hütte entsproffen, nie soll Jerobeam mit jenem Namen mich nennen, welchen der ärmste Bettler von seinen Kindern ansprechen darf! Aber so ist Dein Gericht, o Herr, und ich winde mich in Demuth vor Deiner Entscheidung!" Der Prophet kämpfte mit einem tiefen Schmerz, aber er blieb Sieger in einem Kampf, an deffen Qualen er durch lange Jahre der Entsagung sich gewöhnt hatte. Seine Gestalt streckte sich, sein Auge blitzte, und mit fast trunkener Begeisterung rief er aus: „Einer Sonne gleich strahle er über Israel empor! Geheimnißvoll sei sein Aufgang, aber blitzend und mächtig sei seine erhabene Pracht und voll leuchtenden Ruhmes sein Untergang! Das Geheimniß schläft für ewig in meiner Brnst, ich will nur sein geliebtester, seiil treuester Untcrthan sein!" Der Mann von Silo schritt schnell von dem Berge hernieder und betrat das niedere Gefilde. Hier verschwand er bald, indem er in nördlicher Richtung gen Sichem pilgerte. In diesen Tagen zog auch Iva von Jerusalem ab und eilte ihrer Wüste zu. Zwar trugen wieder einige hundert Kameele die Pracht und das zahlreiche Gefolge der Fürstin, aber dennoch war cs ein lautloser, trauriger Aufbruch, ein stummes Dahinziehen nach Sabas glücklichen Zelten. Viele Anhänger Resons hatten unter die Reiter der Fürstin ihre Roffe geführt und schloffen sich als dienende Kämpfer der Königin an, welche, wie sie wohl wußten, Edoms verrathenen Helden geliebt hatte. Etliche erzählten auch von Resons verzweiflungsvollem Ritt und Nasinis Leiche, und die edle, die verkannte und entsagende Iva schauderte tief zusammen und konnte nicht tvieder als Retterin dem Helden Edoms Nacheilen, denn es war der Schritt des gräßlichen Geschickes, das über Edom und seine Stammgenoffen gekommen, durch keine Menschenkraft mehr aufzuhalten. In Jvas Gefolge zog eine wahnsinnige Frau mit, die meistens still auf dem Thier saß, welches sie trug, und unablässig weinte. Aber zuweilen kam ein wilder Geist über die Arme, dann brach sie in ein helles, schreckliches Gelächter aus und schrie in den gellendsten Tönen: „Mein Sohn ist Israels König!" Das Volk zuckte die Achseln und schauderte bei diesen Tönen. Aber die Arme war ja wahnsinnig, und Niemand glaubte an die klägliche Wahrheit ihrer Rede. Und dann nahm die Wüste den ganzen Zug auf. und die Unglückliche sammt ihrem Geschrei ward ganz vergessen im Gebiet Israel von Dan bis Bersaba. XL. Der Tag sinkt, und der würzige, kühler athmende, stille Abend schauert nieder auf die Felsgcbirge des Todten Meeres. Die Gegend ist todt, einsam, vollkommen lautlos. Da erschüttert die Luft ein kurzes Geheul. Am Ufer des Jordan liegt ein mächtiger Panther und streckt die Zunge in die kühle Fluth und schlürft die labenden Wellen. Da führt ihm die Luft, welche von Westen herüberzieht, einen eigenthümlichen Geruch zu, welcher seine blutgierige Natur empört. Er heult auf und hebt den Kopf mit den blitzenden Augen empor und riecht hinaus in den Strom der Luft. Nach einer Weile läßt er den Kopf wieder sinken und schlürft von Neuem die kühlende Fluth mit Behagen. Das Gemälde des Sonnenunterganges ist nach allen Seiten hin ein prachtvolles, in unzähligen Farben abwechselndes, eine Szenerie voll Licht, Duft und Einsamkeit! Der Panther erhebt von Neuem sein Haupt. Jetzt stößt er ein langes, wüthendes Geheul aus, springt auf, schüttelt das gesträubte farbige Fell und entfernt sich vom Ufer des Jordans, schleichend und vor ungebändigter Wuth wimmernd. Die Richtung, in welcher er fortschleicht, ist westlich. An jenen Abhängen, welche in die Ebene von Jericho, mit wuchernden Gebüschen besetzt, herabreichen, während ihre Scheitel nackt und sonnenverbrannt uin das Todte Meer hcrumragen, an jenen Abhängen sitzt ein unbewaffneter Mann neben einem todten Mädchen, und die dichten Gebüsche umgeben ringsum das sonderbare Paar. Der Mann ist Reson, das Mädchen ist die todte Nasmi, Edoms gesunkener Stern. Er hat sie auf flüchtigem Roffe hierher gebracht, um sie in den Felsgebirgen zu begraben, wo sie ehedem verweilt. Seinem irre gewordenen Geiste, seinen stumpfen Sinnen sind die gräßlichen, ekelhaften Veränderungen unbemerkt geblieben, welche der Tod an diesem zarten, ehemals so schönen Körper verübt hat. Er hat seinem Pferd die Freiheit gegeben, er hat Nasmi ins Gebüsch getragen, er hat sich neben sie gesetzt, er sitzt bereits lange Stunden neben ihr, stumpfsinnig, gedankenlos, wie eine Bildsäule. Er will die Todte noch immer nicht begraben, sein Schmerz kann sich von diesen schauerlichen Resten nicht trennen. Durch die Gebüsche rauscht es, und ein schwerer, keuchender'' Körper arbeitet sich unter den knisternden Zweigen hin. Edoms Sohn hört und sieht nicht! Dann dringt der Kopf eines mächtigen Panthers aus den Zweigen, und zwei grünlich funkelnde Augen richten sich auf die Gruppe. Edoms Sohn hört und sieht nicht!