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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-31 · Heft 13 (31.3.1899) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 13 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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154 bin so ärgerlich," ruft sie cmS, „es hat mich was gekränkt! Veilchen ist ein recht liebkosender Name, und ich fand letzt das erste Sträußchen ihrer Namensvettern zusammen, da ging ich ganz früh zu ihr, um sie damit zu überraschen. Ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie war beschämt, ich aber gleich nahm ihr den aus der Hand und sagte: „Ach, lassen Sie mich auch ein bischen kehren!" Da kam so früh schon, denn es war noch nicht sieben Uhr, der Hofmeister von Eduard Bethmann vorbei, der mußte es der Tante gesagt haben, daß er mich vor der Hausthür eines Juden auf offener Straße kehrend fand." Die Tante glaubte, fortan sei Bettina für ein besseres Dasein verloren. Man sieht sie förmlich feierlich aufgerichtet bei den Vorwürfen an die Nichte: „Vou8 n’avez point de pudeur, point de respect humain, 011 vous trouve balager la rue niain en niain avec une juive!“ Was that Bettina? Sie lachte. „Cacliez vous devant le monde, qn’on ne lise point sur votre front, les deshonorants signes de votre effronterie!“ Und Bettina lachte wieder, und die Tante ging würdevoll hinaus. „Die Bahn war plötzlich gebrochen," erzählt Bettina weiter, „ich glaube, ich werde nie wieder dazu kommen, ihre Anstandsregeln zu respektiren!" Und tapfer nimmt sie sich vor: „Mein Wort brechen, einem Mädchen, was seinen Großvater ernährt und seine Geschwisterkinder? Sie weiß nichts davon, zum Tanze zu gehen oder schön geputzt in Kleidern auf den Freier zu warten! Ach! wo soll ich in der ereignißreichen Welt meinen Faden anknüpfe», wenn das einfachste gegen den Anstand ist! Wer hat diese Lügen gemacht? Denn das sind wirkliche Lügen, nach denen ich mich niemals richten werde." Aber der Bruder Clemens nimmt ihre Offenheit und ihre impulsiven Gefühlsäußerungen nicht so auf, wie sie gehofft. Er spricht von Trätschereien, er glaubt, sie macht der neuen Freundin, weil man es ihm so hinterbracht, zu viel vertrauliche Mittheilungen, auch aus Briefen. „Sie selbst", fcfgt er von Veilchen, „mag sein wie sie will, sie zu verwerfen wäre unmenschlich, aber überhaupt in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu gerathen, ist sehr thöricht." „Clemens," antwortet sie, „waswär' es, wenn ich auch dadurch mich abhalten» ließe, der Veilchen die kleinen Gefälligkeiten zu erzeigen, weil Offenbacher Juden von mir sprechen?" Man hat sie nach Frankfurt geschickt, um „in einen höheren Kreis und Verkehr mit der Welt zu treten". „Lieber Elemente, in dem Offenbacher Kreis war die Katz' zu Haus, in diesem hier tanzen die Mäuse auf dem Tisch! Die Katze konnte ich verstehen und Lehre von ihr (der Tante) annehmen, obschon ich oft dabei gähnen mußte. Das letzte, was ich ihr vorlas, sind die Lettres de Madame de Sevigne, es hat ihr sehr leid gethan, daß sie meiner Seelenbildung nicht konnte diese letzte Hand anlegen.. Hier verstehe ich wohl, was sie meint. Diese an eine Tochter geschriebenen Briefe sind ein eleganter Tanz der Seele auf dem Tanzplatz der höheren Welt, wo Alles ihrer Grazie bei jeder Wendung Beifall klatscht. Ich werde nie in die Verlegenheit kommen, solche Briefe schreiben zu müffen. Ich werde auch unter den Mäusen keine Gelegenheit haben, mich geltend zu machen; es ist ein apart Geschlecht, ich gehöre nicht dazu." Nur weil sie gesund an Geist und Herz ist, fährt sie fort, ihr Veilchen lieb zu haben. „Sie ist diesen ganzen Sommer in Wiesbaden mit ihrem Großvater; sie weiß, der Mann mutz sterben mit seiner Krankheit, er ist schon zwischen siebzig und achtzig Jahr, aber sie hat ihn hingeführt, seine Enkel hat sie ausgethan bei befreundeten Juden für Kostgeld, so hoch sie es zu erschwingen vermag. Die Hoffnung, daß die Bäder ihm nutzen, macht den alten Mann geduldig in seinen Schmerzen, so denkt sie ihm leise den Lebenspfad fortzuleiten, so pflegt sie ihn! Er ist mein Großvater, sagt sie, mein Vater war sein Liebling, er hat gar sehr viel an ihm gethan! — Und so wischte sie sich den Schlaf aus den Augen am Abend, denn sie war früh aufgestanden. Also da las ich ihr vor aus den Büchern, die ich von Dir hatte, manches schöne Lied vom Goethe hat sie auswendig gelernt während dem Sticken, und ich fädelte ihr die Nadeln ein. Es waren die liebsten Zeiten mir. Als sie wegging, Hab' ich ihr versprochen, nach den Kindern zu sehen, und ich bin deshalb mit ihr im Briefwechsel; so laffe ich ihr Stickmuster bei dem Goldarbeiter Frick machen, wenn sie neue Aufträge hat — ich schicke ihr die Seide und das Gold und geb' ihr meine Ansicht; es ist mir immer das größte Pläsir, wenn ein Auftrag bei ihr einläuft, wobei meine Erfindung von ihr in Anspruch genommen wird. Mein Liebstes ist Stahlflitter und Perlen, und letzt haben wir in eine grüne Sammetrobe solche Stahlguirlanden angeordnet mit einem Netz von goldenen Raupen darüber, und das soll so wunderschön gewesen sein, schreibt sie, daß man nicht glaubt, in Paris könne es beffer gemacht sein. Meinst Du, so was hätte keinen Reiz für mich? Wohl freue ich mich über einen solchen Beruf. Und wie manche Stunde in der Nacht habe ich in Erfindungen geschwelgt. Du siehst, lieber Clemens, die Gegend ist anders, als Du sie gedacht hast, da ist kein Steg, der hinab in die Gemeinheit führt. Wir befinden uns innerhalb der Grenzen des einfachsten Verkehrs, und Deine Furcht, daß der Umgang yiir ein Gaffenhauer werde, und daß man ihn belache und sich darüber ärgere, im Kothe zu finden, was mit so hohen Prätensionen auftrete, ist dem inneren Wesen nach ungegründet. Du sagst, mein Veilchen, sie mag ein gutes Geschöpf sein, zu der ich hinabsteige mit meiner Vertraulichkeit. Wer bin ich denn, daß ich mich herablaffe, wenn ich mich zu einem guten Geschöpf vertraulich wende? Bin ich ein Engel? Nun, die fliegen ja den guten Menschen nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt, aber ich glaube nicht, daß ich ein Engel bin, ich glaub' vielmehr, daß ich zu ihr hinansteige, statt herab."; Wie lange Bettinas Freundschaft mit dem Veilchen aus Offenbach gewährt hat, das weiß Niemand. Gewiß ist ihr auch wohl noch als alter Frau in ihren Erinnerungen die Gestalt der schlichten Stickerin ausgetaucht, der sie Goethe'sche Lieder vorgelesen. EUILLETON >. ■" Are Rose von Sarorr. Line Erzählung. XXXIX. (O^t^^ehrere Tage waren verfloffen, seit Israel den Sohn C-JmVtl, Salomos vom Thron gewiesen hatte. Des Volkes unendliche Menge aus allen zehn Stämmen war hinübergezogen gen Sichern, wo alles entschieden werden sollte. Die Aegypter hatten Jerusalem noch nicht betreten, da Jerobeam, die Stimme des Volkes fürchtend, die heidnischen Bundesgenossen im Gebiete Juda festzuhalten vermocht hatte. In diesen wenigen Tagen hatte Israel sich in zwei Hälften getheilt, und die Volksversammlung zu Sichem sollte eigentlich nur eine bereits stattgefundene feierliche Scheidung beider Hälften bestätigen. Jerobeam war König von zehn Stämmen; das mächtige

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