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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-31 · Heft 13 (31.3.1899) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 13 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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ISS Kein Jude darf hier nichts einkaufen oder etwas verkaufen." Nun sagte er zu mir: „Sehen Sie, das ist unsere Freiheit." Ich sagte: „Dieses sind Freiheit? O, welche schlechte Freiheit wider das menschliche Leben." Der Oberstatthalter war sehr gütig und sagte: „Das ist einmal so, und so lange die Welt steht, hat kein Jude gewohnt in schwedisches Reich." Jndeß wolle er ihm gern helfen, da der König selbst es wünsche. Er solle sich nur taufen lassen u. s. w. Man laste ihm dazu acht Tage Bedenkzeit. Die Antwort Aron Jsaks ist reizend: „Ich sagte: „Liebster Herr! Ich brauch keine Bedenkzeit. Nie werde ich meinen Glauben verändern für all das Geld. Dazu bin ich nicht hergekommen, meine Religion zu verkaufen oder zu vertauschen. Ich werde gewiß meine Religion nicht verleugnen, wodurch ich gedenke selig zu werden." Er hörte mich gelaffen an und sagte zu mir: „Wir wiffen nicht wohl, was die jüdische Religion ist, wodurch Ihr selig werdet." Ich sagte: „Ich bin kein gelehrter Mann, um die ganze Religion hier anzuzeigen. Aber die Stelle, die wohl der Grund von unserer Religion, ist der Grundsatz, Gott zu fürchten und seinen Nächsten zu lieben, und dieses denke ich heilig zu halten, so viel meine Kräfte mitbringen." Er antwortete mir: „Dieses glauben wir auch, aber ohne den Erlöser, was die Juden nennen Messias, kann man nicht selig werden." Ich sagte abermals: „Es wäre hier der Platz nicht, zu disputiren, denn airs diesem Handel wird nichts." Aus dem Handel ward in der That nichts, und Aron sah sich genöthigt, eine Klage an den König zu richten. Im königlichen Konzil wurde seine Klage berücksichtigt, und er erhielt ein Privilegium vom Magistrat für sich, seinen Bruder und seinen Kompagnon Abraham Pach. Die Sache erregte natürlich Aufsehen, und Aron berichtet: „Aber was kriegte ich alle Tage in das Wochenblatt vor schlechtes Schreiben gegen mich. Was dachten sie nicht aus vor gemeine Sachen gegen Juden, daß die gemeine Leut hinter mir nachschrieen. Ich ließ mir wohl in 14 Tagen nicht sehen auf der Straßen. Sie schrieben sogar gegen den König, woher er die Freiheit hätte, das heilige Land zu verunreinigen mit Juden; sie kriegten auch wohl einige Mal große Widerschrift durch großtz Herren, aber es dauerte gleichwohl gewiß sechs Wochen, ehe es wieder still wurde." Aron Jsak saß nun fest in dem schönen Stockholm, und wir können für heute von ihm Abschied nehmen, um ein anderes Mal von den merkwürdigen Schicksalen in der zweiten Hälfte seines bewegten Lebens zu erzählen. 6. X. Mne Freundin von Settina von Arnim. Bon E. Bely. ine berühmte Frau ist was Kurioses" schreibt Bettina einmal in Bezug auf Frau von Stasi, die in Frankfurt aufgetaucht auf ihrer Reise durch Deutschland. Natürlich war ihr Ziel auch Weimar, und „das Kind" mit seiner leidenschaftlichen Verehrung für Goethe war in heller, eifersüchtiger Angst. „Keine Andere kann sich mit ihr messen, sie ist wie Branntwein, mit dem kann sich das Korn auch nicht vergleichen, aus dem er gemacht ist. So Branntwein bitzelt auf der Zunge und steigt in den Kopf, das thut eine berühmte Frau auch. Ich will doch lieber ein einfaches Weizenkorn sein als eine berühmte Frau, und will auch lieber, daß Er mich als tägliches Brod breche, als daß ich ihm wie ein Schnaps durch den Kopf fahre." Sie ist aber doch unter die berühmten Frauen gerathen und hat später selber genug dazu gethan, daß es geschah, indem sie all ihrer Originalität und Genialität freien Lauf ließ im Handeln, in Aussprüchen und im Schaffen. Kein Buch ihrer Zeitgenoffen, welches eine Schilderung des litterarischen und gesellschaftlichen Berlins enthält, indem der Verfasserin von „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde", von „Dies Buch gehört dem König" u. s. w. nicht gedacht wäre; in unzähligen Histörchen lebt sie, riesig groß ist der Kreis ihrer Freunde gewesen. Goethe, Frau Rath, Könige und Prinzen, Künstler und Schöngeister, eine bunte, lange, interessante Reihe! Wer noch persönlich von ihr erzählen kann, thut's gern in Wort und Schrift. Wenn ihrer Mädchenzeit in Frankfurt und am Rhein gedacht wird, wer citirt da nicht litteraturkundig ihre Großmutter Sophie von La Roche, die Wieland angebetet hat, wer denkt nicht an ihre Mutter Maximiliane Brentano, für die Goethe schwärmte, und nicht des stillen Stiftsfräuleins Karoline v. Günderode, das so hochgestimmt und poetisch als „Dichter Tian" war und den Dolch ins eigene Herz stieß? Von einer kleinen, bescheidenen Jüdin, einer Stickerin in Offenbach, die Bettina ihrer Freundschaft würdigte, ja, für die sie sogar tapfer kämpfend eintrat, wiffen heute wohl nur Wenige. Denn daß viele andere als litterarische Menschen — und unter solchen auch wohl nur eine beschränkte Anzahl — die Briefe zur Hand nehmen, welche das Geschwisterpaar Clemens und Bettina Brentano gewechselt hat, ist nicht sehr wahrscheinlich. Nur in ihnen ist das Andenken des „Veilchen" aus Offenbach erhalten. Es ist eine gar rührende kleine Episode, die sich mit ihr und Bettina, der Tochter des Großkaufmanns zu Frankfurt am Main, abgespielt hat. Wie die Brücke sich schlug zwischen der jungen Jüdin und Bettina, ging sehr einfach zu. Die Erstere hatte großen Ruf als geschickte Kunststickerin, und bei ihr sollten die unruhigen Finger des Patriziertöchterleins sich üben lernen und die Fähigkeit gewinnen, nach dem Geschmack der Zeit schöne Sächelchen anzufertigen. „Ach, wenn Du wüßtest, wie hübsch es bei dem lieben Veilchen war!" erzählt Bettina ihrem Bruder. „Da war alles schön sauber im Stübchen, ein kleiner Kaminherd, aüf dem brannte ein Feuerchen, dabei kochte das Frühstück für den Großvater, der saß dabei und strich seinen langen weißen Bart durch die Finger. Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schön in einen rosinfarbenen Sammet, so nennt sie ein sanftes Braunroth in ihrer Judensprache. Die Arbeit ist bestellt, und sie bekommt daun viel Geld, wenn es fertig sein wird. Sie ernährt ihren Großvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen von dem gestorbenen Bruder, denen ist die Veilchen ganz wie eine Mutter; ich half ihr sticken, es war recht gut, denn ich Hab' Augenmaß und mache die Stiche sehr egal. Alles, was mit dem Geld angefangen werden soll! — 20 Louisdor! Da ist so viel zu bestreiten in der Haushaltung, vom Hemd bis auf die Schuhe und Schüffelchen, Töpfchen, und der Herd, der eingefallen ist, und die Ofenplatte geplatzt, das muß geflickt werden und das Wohnzimmerchen frisch geweißt, wo die Leute eintreten, um die Arbeit zu bestellen." Das ist das Milieu, so frisch und hübsch geschildert, daß wir es leibhaftig vor Augen sehen, die alte, ehrwürdige Gestalt des Großvaters und die fleißige Stickerin vor dem Rahmen am Fenster, und dann die Charakterisirung der Letzteren. „Veilchen ist von der Gattung Mädchen, die einen Nelkentopf vor ihrem Fenster pflegen und Absenker machen und endlich einen ganzen Flor daraus ziehen, die auch wohl ein Myrthenbäumchen zur Blüthe bringen, aber kein Kränzchen daraus winden. Es wä*’ QU($ schade, meinte sie heut' Morgen und lächelte." Bettina hatte sich ihr zur Gehilfin angeboten, vier Uhr früh, wenn die Sonne aufgegangen, wollte sie schon kommen, da könnte Veilchen auf eine zeitigere Vollendung hoffen. Aber — ein kleiner Vorfall trat zwischen den guten Vorsatz und die Ausführung. „Ich

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