Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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zählt, darunter 14 Israeliten. Das Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes verzeichnet gar nur 12 jüdische Seelen. Nun, wir wollen uns bei den zwei fehlenden nicht aufhalten, sondern vielmehr die Geschichte des berühmtesten Sohnes der jüdischen Gemeinde zu Treuenbrietzen hier erzählen. Er hieb also, wie gesagt, Aron Jsat und hat seine Memoiren selbst geschrieben?) Sie sind von einer israelitischen Litteraturgesellschaft in Stockholm jetzt herausgegeben worden, geschmückt mit einem Porträt desselben und zwei Faksimiles seiner Handschrift. Wenn man dar Porträt ansieht, so meint man, einen Minister oder hohen Staatsbeamten des ancien regime vor sich zu haben. Eine stattliche und behäbige Erscheinung, ein freundliches Gesicht, Allongeperücke, Spitzenjabot und Sammetwams — nicht aber Aron Jsak aus Treuenbrietzen. Schon darum ist seine Lebensgeschichte intereffant. Es kommen! aber noch andere gewichtige Momente hinzu. Wir besitzen nicht ein einziges jüdisches Memoirenwerk aus dem Milieu und aus der Zeit,! in der Aron Jsak gelebt hat. Seine Selbstbiographie ist also schon j kulturhistorisch von hoher Bedeutung, und endlich kommt noch der | rein geschichtliche Werth der Aufzeichnungen von Aron Jsak hinzu: i er war nämlich der erste Jude, der sich in Schweden ansässig gemacht hat. Nachdem ich die Bedeutung des Mannes wie des Werkes dai^ gelegt, darf ich nunmehr die geneigten Leser bitten, mit mir einen kurzen Gang durch dieses Leben zu wagen. Er wurde am 25. Oktober 1731, wie gesagt, zu Treuenbrietzen geboren. Sein Vater war dort der einzige Jude und ein wohlhabender Mann. Aron Jsak erklärt von vornherein in seinen Memoiren, daß er der rein hebräischen Sprache nicht mächtig sei und darum in der Umgangssprache schreibe. Der Herausgeber der Memoiren, Josef Seligmann, der diese im Aufträge der „Jsraelitiska Litteratur-Sällskapet" edirte, ist aber nicht ganz im Recht, wenn er diese „Umgangssprache" einfach mit dem jüdisch-deutschen Jargon auf eine Stufe stellt. Eine kleine Probe mag genügen: „Mein Vater, er ruhe in Frieden, war ein wohlhabender Mann Da er aber 60 Jahr alt wurde, bekam er leider einen solchen Fluß und wurde so kuntrakt, daß er leider bettlägerig wurde und keine Meste mehr bereisen konnte. Er hatte «ine schöne Lagerwaare von alle Sorter, die man nöthig hat in eine Bude. Da er aber nicht konnte reisen zur einkaufen Maare, so wurde also immer die Bude kleiner. Er sandte also seinen ältesten Sohn Abraham auf di« Leipziger Messe." Unser Aron war unter zehn Geschwistern der Dcittjüngste. Von Kindheit auf hatte er eine besondere Neigung zum Zeichnen und Malen, allein er fand in Treuenbrietzen keine Gelegenheit, dieses Talent zu entwickeln. So zeichnete er alles, was er vor sich sah. Später wurde er mit einem Manne bekannt und sah zu. wenn dieser mit seinem Sohne „Namen stachen auf Zinn", Zufällig kam einmal ein junger Mann aus Dessau, Schlomo Fladir, nach Treuenbrietzen, «in gelernter „Petscherstecher". Mit diesem arbeitet? nun unser Aron zusammen. Bald darauf erhielt er von der Mrthin seines Bruders Chajim die ganzen Werkzeuge für seinen Zweck für zwei Thaler, und nun ging er Schritt für Schritt vorwärts, bis er seine Kunst völlig erlernt hatte. Verschiedene häusliche Zwistigkeiten veranlaßten ihn, in die Fremde zu ziehen. Er ging zuerst nach Mecklenburg. In Bützow lernte er ein schönes Mädchen, „Rabbi Leib seine Tochter", kennen. Sie war zwar arm, aber schön, und Aron hatte richtig herausgefunden, daß sie für ihn die passende Frau wäre. Der Vater war in Bützow „Schatzmatz"; Aron ließ sich daselbst nieder und betrieb sein Geschäft mit Erfolg. Als der siebenjährige Krieg ausbrach, bekam er „Sorge, als ein ehrlicher Mann fortzukommen in der Welt". Erst als die Schweden ') Aron Jsaks Sjelfbiografii. Stockholm 1898. sich in Mecklenburg sestsetzten, erhielt er viel Arbeit, aber nicht als „Petscherstecher", sondern als Galqnteriewaarenhändler. „Ich nahm mein Handwerkszeug und packte es in einen Koffert und stellte es fest und chatte ein schönen Handel, kaufte mir Haus und Garten, in eine Zeit von 5 Jahren wurde ich ein Mann von einige tausend Thaler und sehr schöne Wirthschaft, auch schöne Silber und Möbel." In diese Zeit fällt eine Episode, die schon darum von Interesse ist, weil erst jetzt durch die Memoiren Aron Jsaks ein Betrug aufgedeckt wird, der vor mehr als 150 Jahren an ihm verübt worden ist. Es kam nämlich eines Tages ein geschickter, feiner Bochur nach Bützow zu Aron, der Vorsteher der Gemeinde war, und gab sich für einen Sohn des Preßburger „Raws" aus. Da er krank war, hielt ihn Aron acht Tage bei sich. Es war aber damals das Gesetz in Mecklenburg, daß jeder fremde Jude für eine Nacht, die er in einer Stadt dieses Landes zubringt, 16 Schillinge zu zahlen hatte. Aron weigerte sich, und da der Bürgermeister sein Feind war, ging er direkt zum Prorektor der Universität, die damals nach Bützow verlegt war, und wußte es durchzusetzen, daß der feine Bochur als Student der Medizin immatrikulirt wurde. Seine Erfolge waren ganz außerordentliche. Alle Professoren interessirten sich für ihn, und nach wenigen Jahren war er ein beliebter Arzt. Aber der feine Bochur erwies sich nicht dankbar. Er reiste nach Liffa, ohne Abschied zu nehmen, und unser guter Aron Jsak hat von — Herrn Dr. Markus weder einen Brief noch jemals einen Pfennig des ihm geliehenen Geldes zurückerhalten. Daß dieser Dr. Markus kein Sohn des Preßburger Rabbiners war, ist selbstverständlich. Aron Jsak aber kam in eine bedrängte Lage. Verschiedene Versuche, unter anderem einen Viehhandel zu beginnen, mißlangen. Da erinnerte er sich, daß die schwedischen Offiziere ihm zur Zeit gerathen hatten, nach ihrem Lande zu kommen, weil in ganz Schweden kein Steinschneider wohne. Unter dem Vorwand, nach Stralsund zu fahren, wohin ihn ein Graf Zanke hatte kommen lassen, reiste er ab. In Stralsund hielt er sich nur kurze Zeit auf, aber er erhielt dort Empfehlungen von den Grafen Höpken, Zinkler und Putbus an den Oberstatthalter Karl Sparre und selbst an den König von Schweden. In Nstadt und Malmö blieb er einige Zeit, um die schwedische Sprache zu erlernen. Ein getaufter Jude machte ihm dort allerlei Schwierigkeiten. Endlich kam er an einem heißen Sommertage deA Jahres 1775 in Stockholm an, wo er nicht einen einzigen Menschen kannte. Aber ein braver Schwede nahm sich seiner an und führte ihn zum Oberstatthalter, der ihn freundlich aufnahm und sein Freund und Gönner wurde. Er bestellte auch sofort bei ihm sein Wappen „in Carniolstein". Leider gestattet es mir der knappe Raum dieses Blattes nicht, die einzelnen Etappen der nunmehr folgenden Lebensgeschichte Aron Jsaks so genau zu verfolgen, wie ich es wünschte, und wie es diese Geschichte auch verdient. Aber man muß in dem Buche selbst Nachlesen, welche Schwierigkeiten er hatte, um das Recht des Aufenthaltes in Schweden zu erlangen. Erst als er das Wappen des Königs in Stein geschnitten hatte, nahm sich der Herzog Karl von Schweden seiner an. In Schweden herrschten damals strenge Gesetze gegen die Juden. Aron Jsak erzählt uns selbst, wie ihm der Bürgermeister von Stockholm aus einem alten Buche vorgelesen, als er mit seinem Aufnahmegesuch auf das RathhauS kam: „Wenn ein Jude hier käme in unser Reich zu Schiff, und das Schiff hat Schiffbruch gelitten, daß es Reparation brauche, so soll dieses Schiff den Vorzug haben, daß es am ersten solle reparirt werden, damit uns der Jude aus dem Reich käme. Sollte ein Jude zu Wasser Herkommen und krank werden, so solle man ihm einen geschickten Arzt schicken, um zujhelfm von seiner Krankheit, damit er balde aus dem Reich käme.