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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-31 · Heft 13 (31.3.1899) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 13 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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151 sine ira et studio beschäftigen. Wir stimmen Dalman vollkommen bei, wenn er (Seite 13) bemerkt: „Auf dem Grunde gegenseitiger Achtung mit Vermeidung der Hineinziehung alles persönlich Verletzenden muß die Auseinandersetzung erfolgen". Allein das Recht der innersten Ueberzeugung muß auch dem wissenschaftlichen Gegner eingeräumt werden. Dalmans Wahrheitsliebe und Vorurtheilslosigkeit zeigt sich darin, daß er die gar oft gemachte Unterscheidung des Christenthums vom Judenthum als Religion der Liebe und der Lieblosigkeit als unzutreffend bezeichnet und zugiebt, daß auch im Alten Testament Aufforderungen zur Feindesliebe sich finden. Unrichtig dagegen ist, wenn Dalman behauptet: „Das talmudische Judenthum folgte im Wesentlichen dem Alten Testament und hat darum die Liebe als das entscheidende Prinzip des sittlichen Handelns nicht aufstellen können". (Seite 20.) Vorurtheile erben sich selbst bei wissenschaftlich gebildeten Männern, wie es Dalman ist, fort, und es muß daher die Ansicht ganz entschieden zuriickgewiesen werden, als ob das Alte Testament nicht bereits die Liebe als das Hauptprinzip betrachtet hätte. Man muß Psychologe sein, um das Alte Testament zu begreifen. Die Thora sucht vor allem auf den Willen zu wirken. Mit den Worten: „Liebe deinen Nächsten", „liebe deinen Feind" ist nicht geholfen, wenn nicht Handlungen und Gesetze befohlen werden, durch welche die Liebe werkthätig zum Ausdruck kommt. Die meisten Gesetze der Thora — abgesehen von den Rechtsbestimmungen, die für den ehemaligen jüdischen Staat nothwendig waren — sind ein Ausfluß wahrer Nächstenliebe; die Nächstenliebe ist sozusagen implicite enthalten. Darum konnte auch Akiba sagen: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, dies ist der Hauptgrundsatz, Kal gadol, unserer Thora." Enthielte der Pentateuch nicht so zahlreiche Gesetze, in welchen die Nächstenliebe zum Durchbruch kommt, Rabbi Akiba hätte nicht auf diesen einzigen Satz Hinweisen können, der erst unter der Voraussetzung der übrigen Gebote werkthätiger Liebe verständlich wird. Rabbi Akiba hatte mit diesem Satze ebenso wenig Neues verkündet wie der Stifter der christlichen Religion; Beide hatten eigentlich nur für die zahlreichen Gebote der Liebe einen allgemeinen Satz, den das III. Buch Mose Kap. 19. V. 18 selbst angiebt, hervorgehoben. Auch dürfte es Dalman bekannt sein, daß einer der anerkanntesten und berühmtesten Talmudlehrer, Hillel, einem Heiden, der in aller Kürze den Inbegriff des Judenthums kennen lernen wollte, erklärte: „Was Dir unlieb ist, das thue auch Deinem Nächsten nicht, dies ist die g a nze Lehre, das Uebrige ist nur Erläuterung." Wenn Dalman einen Vorzug des Christenthums vor dem Judenthum in der Liebe zum Sünder finden will, so sei an die Gattin Rabbi Meirs, Beruria, erinnert, welche auf das Psalmwort (Ps. 104, V. 35) hinwies: „jitamu chatim welo choteim min haarez“, mögen die Sünden, nicht die Sünder von der Erde hinweggetilgt werden; ebenso könnten wir auf die 3. Benediktion der Tefillah an unseren heiligsten Festtagen Hinweisen: „Möge jedes Unrecht verstummen, jede Frevelthat gleich Rauch vergehen, . . . mögen alle Menschen einen Bund bilden, den Willen Gottes mit ungetheiltem Herzen zu vollführen". Den wichtigsten Unterschied und zu gleicher Zeit den wichtigsten Vorzug des Christenthums findet Dalman in der „historischen Thatsache der Auferstehung Jesu Christi und in der lebendigen Person des Auferstandenen". Wenn Dalman die Auferstehling als historische Thatsache nimmt und von ihr überzeugt ist, so wäre es ein Unrecht, ihm diese Ueberzeugung rauben zu wollen; allein wer die Auferstehung nur als kirchliches Dogma, nicht aber als historische Thatsache nach seiner innersten Ueberzeugung betrachten kann, der wird auch in dieser Lehre keinen Vorzug vor dem Judenthum erblicke». Denn ganz entschieden falsch ist die Folgerung Dalmans: „Dem Einzig-Einen des Judenthums kann man wohl mit scheuer Ehrfurcht und mit Hingebung dienen; aber ein Verhältniß zu ihm wie das des Kindes zum Vater ist schwer denkbar. Wo ein solches Verhältniß als das eigentliche Ziel aller Religion betrachtet wird, muß vom Judenthum gesagt werden, daß ihm zur besten Religion gerade das Wichtigste fehlt". Sollte Dalman die Stelle 5. B. Mos. K. 14, V. 1: „Kinder seid ihr dem Ewigen, euerem Gotte", gänzlich übersehen haben? Nicht nur die Psalmen und Propheten, sondern auch Talmud und Midrasch zeigen in zahllosen Aussprüchen ein so inniges Verhältniß zwischen Gott und Israel, wie es sich nur bei einer Religion finden kann, wo man keines Mittlers bedarf, um wie ein Kind zum Vater zu reden, Ueber den philosophischen Begriff der Gotteseinheit haben wohl einige jüdische Religionsphilosophen disputirt, der Jude im Allgemeinen aber und selbst auch jene Religionsphilosophen trugen Gott in ihrem Herzen. Keinen seiner Schritte unternahm der Jude ohne Gott. „Im jirze haschem“, „mijad liascliem“: „so Gott will", „von Gott hängt es ab", so sprach der Jude bei allem, was er für die Zukunft zu thun beabsichtigte. Hätte der Jude die Liebe zu Gott nicht tief in seinem Herzen getragen, es hätten wahrlich nicht so viele Millionen ihr Herzblut geopfert. Wenn Dalman jedoch in den modernen jüdischen Gotteshäusern so wenig von religiöser Wärme verspürt, so liegt dies gerade daran, daß der Jude in unserem Jahrhundert es vielfach anderen Religionen an Aenßerlichkeiten gleichthun zu müffen glaubte, ein allzu großes Gewicht auf die äußere Form legte, während die alte Glaubensinnigkeit nicht mehr in so starkem Maße hervortritt. Hier wird allerdings der Hebel anzusetzen sein und dafür Sorge getragen werden müffen, daß der Kantor sich dessen bewußt bleibe, ein Scheliach Zibbur, ein Abgesandter der Gemeinde, zu sein, der nicht ein Publikum zu unterhalten, sondern eine Gemeinde zur Andacht zu stimmen hat; ebenso soll aber auch der Rabbiner und Prediger ein Schüler der Propheten an Glaubensinnigkeit, Unerschrockenheit und Wahrheitsliebe sein, dem es nicht um Effekthascherei, sondern um religiöse und moralische Nachwirkung des Gotteswortes zu thun sein muß. Wir schließen unsere Bemerkungen über Dalmans „Christenthum und Judenthum" mit einem Worte Renans in seinem „Judenthum und Christenthum": „Das Judenthum, das in der Vergangenheit so gut gedient hatte, wird auch in der Zukunft seine guten Dienste leisten. Es wird der wahrhaften Sache, der Sache des Freisinns, des modernen Geistes dienen. Jeder Jude ist ein Freund des Fortschritts; er ist es seinem inneren Wesen nach. ... Die Begründer des freisinnigen Dogmas in der Religion sind die jüdischen Propheten. — Mit einem Worte: die reine Religion, die wir als das einstige, die gesammte Menschheit zusammenhaltende Band ahnen, wird die Verwirklichung der Religion des Jesaia sein, jene ideale jüdische, von allen beigemischten Schlacken befreite Religion. — Das Paradies auf Erden, d. i. das von den Propheten erhoffte Zeitalter des allgemeinen Friedens, der Glückseligkeit und der Brüderlichkeit, wird aus dem Beitritt der Menschheit zur Gottesverehrung Israels erblühen." Ans den Memoiren eines jüdischen Kaufmanns. r hieß Aron Jsak und stammte aus Treuenbrietzen. Also weder der Name noch der Ort sind aufregend. Für diejenigen auswärtigen Leser, die in der Geographie schwach sind, bemerke ich, daß Treuenbrietzen eine Stadt im Kreise Zauch-Belzig im Regierungsbezirk Potsdam ist, die 5000 Einwohner

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