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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-31 · Heft 13 (31.3.1899) · p. Seite 148

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 13 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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des tapferen Waffengefährten verschwiegen habe, der mit ihm die Gefahr getheilt und demgemäß auch ein Recht darauf hatte, die Ehre mit ihm zu theilen." Wie bekannt, behandeln der Sultan und die hohen Beamten der türkischen Verwaltung die Israeliten mit der größten Gerechtigkeit und Unparteilichkeit; dennoch giebt es gewisse Provinzen des Reiches, in denen das Schicksal der Juden sehr traurig ist. Die Provinz von Armen ist seit mehreren Jahren Beute heftiger Unruhen, fortwährender Aufstände, die in der ganzen Bevölkerung, besonders in der israelitischen, einen Zustand unaussprechlichen Elends verursacht haben. Die Alliance Israelite Universelle hat vor einigen Wochen eine bedeutende Unterstützung nach Sana gesandt, dem jüdischen Centrum der Provinz. In einem Briefe, den die Angesehensten der Stadt an das Central-Komitee gesandt hatten, legen dieselben Rechenschaft über die Verwendung des Geldes ab und fügen sehr betrübende Berichte über die dortige Lage hinzu: Die Araber, ihre Nachbarn, ebenso wie gewisse Beamte, behandeln sie mit der größten Verachtung. Im Falle allgemeinen Unglücks lassen die Behörden an die Armen Geld vertheilen; die Israeliten allein sind von diesen Maßregeln ausgeschloffen; für sie giebt's kein Mitleid. Das Elend zwingt die meisten jungen Leute, ihre Familien au verlassen; viele unter ihnen sterben Hungers, andere machen freiwillig ihrem gequälten Leben ein Ende. Ihre Klagen finden niemals Gehör; sie üben die wohlfeilsten und niedrigsten Arbeiten aus; 60000 Juden leben in Jemen vollständig verlaffen. Die Lage ist um so kritischer, als sie seit acht Jahren keinen hinreichenden Regen haben. Der Preis der Lebensmittel ist ungeheuer gestiegen, und die Arbeiter sind ohne Beschäftigung. Dazu kommt noch, daß sie der Gegenstand fortwährender Mißhandlungen sind. Berufswahl, Förderung des Handwerks nnd Lehrlingsheim. Berlin, 28. März. ir stehen wiederum im Zeitpunkt der Ausschulung. Hunderte von Knaben verlaffen die Schule, um in das Leben hinauszutreten und sich einem praktischen Beruf zu widmen. Zahlreichen Eltern drängt sich die schon vorher oft vielfach erörterte Frage nunmehr mit Macht auf: „Was soll der Junge werden?" Verursacht die Berufswahl vielen christlichen Eltern und Vormündem oft bange Sorge und viel Kopfzerbrechen, so gestalte! sie sich für unbemittelte jüdische Eltern oder deren Stellvertreter sehr oft zu einer Aufgabe, die nur mit Aufgebot von vielem Scharfsinn und unter Heranziehung von vielseitiger fremder Hilfe zu lösen möglich wird. Denn außer den allgemeinen Erwägungen, betreffend die etwaige Ueberfüllung einzelner Berufskreise, die Neigung des Knaben für bezw. Abneigung deffelben gegen irgend einen Bernfszweig, dessen körperliche und geistige Fähigkeiten, seine Schulbildung u. a., haben jüdische Eltern einerseits noch das besondere Moment zu berücksichtigen, daß ihren Kindern ein weit engerer Kreis von Berufsarten erreichbar ist, andererseits mit der nicht zu verleugnenden Thatsache zu rechnen, daß trotz Aufklärung und Toleranz unter dem Handwerkerstande gar mancher christliche Meister, aus welchen Beweggründeu es auch sein mag, sich heutzutage noch weigert, jüdische Lehrlinge auszubilden. Hier bot sich demnach sowohl allen Denen, die ein warmes Herz für die Jugend und deren Schutz nach Austritt aus der Schule hatten, als auch Denen, die sich für die Heranbildung eines gesunden, kräftigen Handwerkerstandes interessirten, ein weites Feld humanitären Handelns dar. Thatsächlich sind der „Verein für das Wohl der aus der Schule entlassenen Jugend" und der „Freiwillige ErziehungSbeirath für schulentlassene Waisen" — Institutionen, die seit einiger Zeit in Berlin bestehen und bekanntlich auch sich höherer Gunst erfreuen — als dem Bedürfniffe der Zeitverhältniffe entsprungen anzusehen. Obgleich es uns nun nicht im mindesten zweifelhaft ist, daß diese gemeinnützigen Vereine, wenn sie angerufen werden, auch jüdischen Kindern helfend zur Seite stehen dürsten, so müffen wir doch unserer Verwunderung darüber Ausdruck verleihen, daß unsere edelgesinnten Glaubensgenoffen, die seit vielen Jahrzehnten von der Wichtigkeit, Nothwendigkeit und Nützlichkeit der Zuführung der schulentlassenen israelitischen Jugend zum Handwerker- und technischen Berufe überzeugt sind und vielfach in richtiger Erkenntniß der Zeitumstände auf diesem Gebiete viel Nützliches geschaffen haben, diese Lücke nicht entdeckt resp. nichts zur Ausfüllung derselben ihrerseits gethan haben. Es liegt uns fern, das Gute zu verkennen, das von vielen in Berlin und anderen Städten des deutschen Vaterlandes bestehenden Vereinen, Gesellschaften, Anstalten und Stiftungen zur Beförderung des Handwerks unter den Juden Jahr ein Jahr aus geleistet wird, aber es geschieht nicht in dem Sinne und dem Umfang, wie wir es uns hier denken. Denn der bekannte Ausspruch des weisen Salomo: „Alles hat seine geeignete Zeit" ist auch auf die Art, das Handwerk zu fördern, anwendbar. Vor 50—60 Jahren mag es vollständig genügt haben, diejenigen Eltern, die ihre Kinder als Handwerker ausbilden ließen, zur Erleichterung des Unterhalts und gleichsam als Entschädigung für den Ausfall eines ihnen sonst durch den Sohn entstandenen Nebenverdienstes durch einen kleinen Zuschuß an baarem Geld oder auch durch Gewährung von Kleidung und Wäsche schadlos zu halten. Auch mag bis vor 20 Jahren die Einrichtung der sogenannten Inspektoren sich sehr gut bewährt haben. In einzelnen Fällen mag es auch heute noch ganz gut auf diesem Wege gehen. Vergegenwärtigen wir uns aber doch, was es für einen Zweck hat, z. B. einen Knaben im Alter von 15 Jahren, der mit seinen Eltern und sechs anderen Geschwistern in einer aus Stube und Küche bestehenden Kellerwohnung der Hirten-, Keibel- oder Barnimstraße zusammenlebt und infolge der schlechten Luft, der mangelhaften Verpflegung blaß und kraftlos ist, lediglich dadurch zu unterstützen, daß er bezw. seine Eltern während seiner vierjährigen Lehrzeit einen kleinen Zuschuß zur Verpflegung, Kleidung und Wäsche erhält, und ihm möglich wird, die Fachschule zu besuchen? Das ist nicht ganz, nicht halb. Will man einen kräftigen Arbeiter- und Handwerkerstand heranziehen, so ist in erster Reihe für gute, gesunde Schlafstelle und für gute, kräftige Verpflegung zu sorgen und erst in zweiter Reihe für Fachschulbesuch. Auch hier gilt der weise Satz unserer Lehrer: „Im en kemach, en tora — wo keine körperliche Pflege, da kein geistiges Arbeiten." Im Jahre 1891 machte nun die seit 1813 bestehende Berliner „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate" einen Ansatz, das vorhin geschilderte Arbeitsfeld der meisten Vereine zu erweitern. Sie wollte die Lehrlinge nicht blos materiell unterstützen, sondern sie auch zwecks wirksamer Beaufsichtigung außerhalb des Elternhauses und fern vom Getriebe der Großstadt und ihren Gefahren unter eigene Erziehung nehmen. Sie schuf das Lehrlingsheim in Pankow. Soweit uns bekannt ist, war der

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