Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
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147 er Bauchweh, kroch unter das Spritzleder eines Wagens und verduftete nach Frankreich, all wo er seine Stammestalente herrlich entfaltete und als Bankier Millionen errungen hat. Nach der Amnestie des Jahres 1866 kehrte Bamberger zurück und wurde nationalliberal. Vom Kreis Alzey in den Reichstag entsandt, entfaltete er dort jene unselige Thätigkeit, von der Deutschland vielleicht überhaupt nicht mehr genesen wird. Die Aera Bamberger—Lasker—Bleichröder mit ihren liberalen Errungenschaften ist dem jungen Deutschen Reiche zum Fluch geworden. Als Bamberger und seine Mitjuden die nationalliberale Partei glücklich auf den Hund gebracht hatten, kehrte er zu seiner ersten Liebe zurück und wurde deutsch-freisinnig. Seit dem Jahre 1893 zog er sich ins Privatleben zurück, von dort höchstens ab und zu einmal einen Unkenruf ertönen lassend." Was soll man zu solchen Leuten, die angesichts eines frischen Grabes sich so zu äußern vermögen, sagen? Am schärfsten freilich hat sie alle das Wort Mommsens von dem „deutschesten Deutschen" getroffen. Die ganze Meute fällt über diese Rede her. Darum bleibt das Wort> aber doch bestehen, und zwar als ein historisches Wort des großen Historikers. Ein Held der preußischen Konservativen wurde in dieser Woche anläßlich seines hundertsten Geburtstages gefeiert: Heinrich Leo, der bekannte Hallenser Historiker, dessen „Vorlesungen über die Geschichte des jüdischen Stammes" in vielen Beziehungen auch heute noch von Werth sind. Aber es ist interessant, bei dieser passenden Gelegenheit zu konstatiren, daß dieser hochkonservative Parteikämpfer doch über die elende Gehässigkeit des heutigen Antisemitismus weit erhaben war. „Ich sehe darin, daß Jemand ein Jude ist seiner Abstammung nach, nicht das mindeste Unwürdige; im Gegentheil, wenn ich von Abrahams Samen wäre, würde ich in große Gefahr des Stolzes gerathen, von so hochfürstlichem Geschlechte zu sein, wie das der Erzväter war, von so welthistorisch adeligem Geblüte wie das Blut Israels. Wäre ich ein getaufter Jude, ich würde selbst als Christ auf die Verbindung mit altjüdischem Geschlechte halten." (Nachschrift zu den „Hegelingen", 1839.) Darin liegt doch Folgerichtigkeit, darin auch jene aristokratische Tugend, die fremden Adel anerkennt. Und heute? * Ein jüdisches Blatt in Wien brachte jüngst von „bestunterrichteter" Seite die Nachricht, daß Kaiser Wilhelm in der Nähe von Cäsarea (an der Küste von Palästina) eine Kohlenstation und ein Landgebiet käuflich für Deutschland erworben habe. Wie die „Berl. N. N." mejden, ist an hiesigen amtlichen Stellen von einem solchen Vorgänge nichts bekannt. Das Blatt fügt offiziös hinzu: „Möglicherweise handelt es sich um ein zionistisches Privatunternehmen, an welchem selbstverständlich keine deutsche amtliche Stelle betheiligt ist." Wir glauben auch nicht, daß es sich um ein „zionistisches Privatunternehmen" handelt. Es handelt sich vielmehr um eine der zahlreichen Enten, die von Zeit zu Zeit in die Welt gesetzt werden, um glauben zu machen, daß etwas geschieht, während doch in der That so gut wie nichts geschieht. Im Uebrigen ist am 28. d. Mts. die Subskription auf die Aktien der Jüdischen Kolonialbank eröffnet worden, die in London ihren Sitz haben und zunächst den Interessen des Zionismus dienen soll. Die Frist dauert vom 28. d, bis zum 28. n. M. Der Erfolg wird zeigen, ob mit dem in Aussicht genommenen Aktienkapital von 5 Millionen Mark die großen Ziele zu erreichen sind, die sich das zionistische Aktionskomitee gesteckt hat. Wir haben in der vorigen Woche von der Audienz der Nationalisten bei Herrn Dupuy berichtet, die den französischen Ministerpräsidenten, darauf aufmerksam machten, daß so viel fremdes Geld über die Grenze eingeschmuggelt würde (offenbar in Säcken!) — fremdes Geld zur Unterstützung des „Dreysus-Syndikats". Der „Antijuif", das Blatt des sauberen Guerin, gab eine genaue Aufstellung über die bisher von Juden nach Frankreich gelieferten Summen. Danach kamen: aus England. 15,400,000 Frcs. aus Deutschland. 11,250,000 „ aus der Schweiz. 1,350,000 „ von den algerischen Juden . . 400,000 „ von den rumänischen Juden . . 650,000 „ Hier auch nur ein Wort zuzufügen, wäre mehr als überflüssig. Es würde die Wirkung dieser grotesken Erfindungen einfach ab- Ueber den Geisteszustand, in welchem manche französische Generale infolge der Affäre Dreyfus sich befinden (wenn es nicht etwa richtiger ist, zu sagen, daß umgekehrt die Affäre Dreyfus die Folge des Geisteszustandes gewisser französischer Generale ist), giebt folgender Vorgang Kunde, der aus Paris berichtet wird: „DieLegende hat den General Lambert für die französische Geschichtsdarstellung zum Helden von Bazeilles gemacht. Es scheint aber, daß unter den Beweisen französischer Tapferkeit, die an diesem Schlachttage geliefert wurden, die Thaten des Generals Lambert durchaus nicht die erste Stelle einnehmen, und daß der wahre Held des Tages der Haüptmann Aubert war, der „die letzten Patronen" verschoß, wie Neuville dies in seinem bekannten Gemälde zur Anschauung gebracht hat. Vor einiger Zeit bildete sich ein Komitee, welches beabsichtigte, den französtschen Waffenthaten bei der Vertheidigung von Bazeilles ein Denkmal zu errichten. Der Präsident des Komitees, Herr de Ravisy, stellte eingehende Untersuchungen über den Verlauf des Gefechtes an und entdeckte bei dieser Gelegenheit den Namen des Hauptmanns Aubert, der bis dahin im Dunkel gelassen worden war. Der General Lambert, zur Zeit des Kampfes von Bazeilles noch Major, sprach von dem Hauptmann Aubert folgendermaßen in seinem Bericht an den Divisionsgeneral Vassoigne: „Hauptsächlich dank der Entschlossenheit des Hauptmanns Aubert wurde das Haus rasch in Bertheidigungszustand gesetzt. Dieser tapfere Offizier ergriff selbst ein Gewehr, stellte sich an eines der Fenster und rief durch seine wunderbare Schießkunst bei seinen Leuten einen Wetteifer hervor." Später veröffentlichte der General Lambert im „Petit Marseillais" eine Erzählung der Vertheidigung von Bazeilles, in der er von Neuem eine Anspielung auf den Hauptmann Aubert machte: „Die letzten Patronen wurden dem Hauptmann Aubert ausgeliefert, unserem besten Schützen. In seinen Händen war nicht eine einzige ohne Wirkung. Endlich blieb keine mehr übrig. Da zog das Schweigen ein in das Bourgerie-Haus." Infolgedessen beschloß das Komitee, das Porträt dieses heldenhaften Soldaten am Sockel des Monuments von Bazeilles anzubringen. Herr de Ravisy schrieb an den Hauptmann Aubert, um ihn davon in Kenntniß zu setzen; zugleich drückte er sein Erstaunen darüber aus, daß der General Lambert bei allen Verhandlungen und Besprechungen in Betreff des Denkmals seinen Waffengefährten vollständig mit Stillschweigen übergangen habe. In einem würdevollen Briefe antwortete der wirkliche Held von Bazeilles dem Herrn de Ravisy, daß der ehrgeizige und eitle General Lambert ein Interesse daran habe, sich eines lästigen Zeugen und Mitarbeiters zu entledigen. Indem der General Lambert den Hauptmann Aubert bei Seite schiebe, könne er ungestört den ganzen Ruhm des Tages von Bazeilles für sich in Anspruch nehmen. Der General Lambert erhielt Kenntniß von diesem Briefe. Will man wissen, welches seine Antwort war? Sie war kurz und einfach und lautete also: „Ist denn dieser Jude noch immer nicht tobt?" Und der General Lambert fügte hinzu: „Aubert ist Jude, und sein Brief hat nur einen Zweck — den gleichen, den täglich die Bertheidiger des Dreyfus verfolgen — den Zweck, die Armee in der Person ihrer Offiziere zu entehren. Dieser Brief ist ganz der Brief eines Juden. Das ist alles, was ich zu sagen habe." Die „Aurore" bemerkt zu dieser Antwort des Generals, der Umstand, daß der Hauptmann Aubert ein Jude sei, erkläre doch nicht zur Genüge, weshalb der General Lambert so sorgfältig den Namen