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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-31 · Heft 13 (31.3.1899) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 13 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 ihnen gelobt hat. Dies Gedenken ist kein Klagen, kein Trauern,, kein Murren wider den Rathschluß Gottes, das wäre eine Entweihung des Festes; unsere Weisen haben mit peinlicher Sorgfalt jeden Trauerbrauch von den Sabbathen und Festtagen ferngehalten, aber sie haben es zugegeben, daß zu Festeszeiten im Gotteshause ein Gedenken an die Heimgegangenen stattfinde; damit ist schon ausgesprochen, daß dies Gedenken keinen Bruch unserer Festfreude bedeuten darf. Wer, dem ein lieber Mensch draußen auf dem Friedhof ruht, hat nicht, wenn ihm eine große Freude zu Theil würde, den Drang verspürt, hinauszueilen auf den Gottesacker, um dort in der erhabenen Einsamkeit des Todes am Grabe eines Schwervermißten betend die Freude wehmüthiger zwar, doch inniger zu empfinden? Nicht Jeder, der diesem Drange folgt, braucht darum den alten Aberglauben, der daran sich knüpft, mit in den Kauf zu nehmen. Aber wir erkennen daraus, daß, wenn wir uns wahrhaft freuen, wir unsere Heimgegangenen mit einschließen möchten, und so ist auch unsere Festesfreude nicht vollständig, wenn wir nicht ein volles Erinnern Denen widmen, die sonst die Krone unserer Feste gewesen sind. Zwei Laden zogen den Israeliten voran, die Bundeslade Gottes und die Todtenlade des Joseph. Denn wahrlich, die Pietät gegen die Todten ist ein wesentlich Theil unserer Religion. Wenn wir am Seder die Agadah sprechen und da die alten Melodien singen, mit denen unsere Väter diese Sprüche vorgetragen, wenn bei den mancherlei Bräuchen uns in die Erinnerung kommt: so hat dein in Gott ruhender Vater diesen Brauch vollzogen, so ist dies wahrlich keine Zerstörung der Freude, kaum eine Störung derselben, sondern die Religion wird uns noch inniger vertraut, wird uns gleichsam blutsverwandt durch die gemüthvollen Gedanken. Heutzutage giebt es Manchen, der, wenn er die religiöse Satzung übt, gleichsam vor seiner eigenen Aufklärung sich damit entschuldigt, daß er es aus Pietät gegen das Andenken seiner Eltern thue. Wahrlich, es wäre zu wünschen, daß solche Entschuldigungen öfter vorgebracht würden, denn mit der Religion ist auch die Pietät schwächer geworden. Es ist nicht Zufall, daß Moseh, der Mann, der den lebendigen Gott am deutlichsten erkannt und am innigsten verehrt hat, daß er auch die Pietät gegen einen Todten am eifrigsten gepflegt hat. Pietät kann nicht die einzige Wurzel unserer Religiosität sein. Israel wäre kein wahrhaft frommes Volk gewesen, sondern ein abergläubisches, wenn es nur die eine Lade, die die Gebeine des Joseph in sich barg, geehrt hätte. Aber wer treue Liebe gegen seine Eltern im Herzen hegt, wird deren Heiligthümer nie verletzen und zerstören. So wirken die Todten noch fort und fort Gutes, indem sie die Lebenden dazu mahnen, und eine Erinnerungsfeier schließt das Fest; denn dessen Lehren werden noch wirksamer auf das Altagsleben wirken, wenn sie nicht nur aus den Formen der Religion, sondern gleichsam auch aus dem Munde der Heimgegangenen uns verkündet werden. Denn kein Fest ist Zweck in sich, sondern seine Bedeutung besteht in der Vorbereitung für die Arbeit des Werktages. So möge die Lehre des Festes uns gegenwärtig sein in allen Versuchungen der Welt, daß die Freiheit in der Wüste köstlicher ist als das leckere Mahl in würdeloser Knechtschaft, daß das enge und karge Dasein eines selbständigen und freien Mannes edler ist als ein reiches Leben in Unehre und in Niedrigkeit. Wie Moseh wollen wir nicht nur der Gegenwart leben, sondern in treuem Herzen die Erinnerung an Diejenigen wahren und pflegen, die vordem uns wohlgethan, und die in die Ewigkeit hinübergewallt sind; aber diese Erinnerung soll ihre Wirkung auf unser Leben üben, und sie soll, wie die Lade des Joseph die Züge Israels, unsere Erdenwallfahrt begleiten und leiten. Me Woche. Berlin, 29. März. ras Pückler in Klein-Tschirne hat nun auch seine dritte Rede gehalten. Diesmal mit etwas mehr Vorsicht gegenüber der Staatsanwaltschaft, mit umsoweniger Vorsicht aber in Bezug auf die Behauptung von Thatsachen. Wir wollen auf gut Glück nur einige der seltsamsten dieser Behauptungen herausgreifen, die der edle Graf seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern im Gasthof von Tschierschky zu Klein-Tschirne vorgetragen hat. „Bald wird es dahin kommen, daß die Preßfreiheit nur noch für die Juden da ist, und alle übrigen Leute müssen den Mund halten." . . . „In Deutschland erscheinen ungefähr 3000 Blätter; von diesen 3000 Zeitungen stehen mindestens zwei Drittel unter jüdischem Einfluß." . . „Die Judenpresse dient offenbar den Bestrebungen der Umsturzparteien und beschleunigt lind fördert die nahende Revolution." . . „Darum fort mit der Judenpreffe, die dem Volk das Heiligste raubt, fort damit ins Feuer, dort ist sie gut aufgehoben und kann nicht mehr schaden; machen wir mit den ganzen Judenblättern ein fideles Freudenfeuer, das wird ein Gott wohlgefälliges Opfer sein." . . „Unsere Bühne ist auch schon völlig verjudet. Der größte Theil unserer bekannten Schauspieler und Theaterdirektoren besteht aus Juden." . . „Auch auf den Universitäten haben die Juden in Schaaren ihren Einzug gehalten. Auf den 21 deutschen Hochschulen befinden sich gegenwärtig schon 300 jüdische Professoren." . . Man sieht, was man alles in Klein-Tschirne, ohne Widerspruch oder Schlimmeres zu befürchten, frei behaupten darf. Das Beste kommt aber zuletzt. Nachdem die „kalten Todtengebeine" der modernen Juden nach der freundlichen Verheißung des bisherigen Amtsvorstehers von Klein-Tschirne ordentlich zerschlagen sein werden, soll der Rest des „unglücklichen Volkes dereinst von Gott begnadigt triumphirend einziehen in die Thore der ewigen Stadt" und „eine gewaltige Mission auf Erden verrichten". Der Antisemit wird zum Apokalyptiker, und die Rede schließt mit einem Jubelhymnus auf das Judenthum — der Zukunft! Man sieht, es ist nicht alles in Ordnung in Klein-Tschirne. * Die Nekrologe der antisemitischen Blätter auf Lildwig Bamberg er zu sammeln, wäre eine verdienstvolle, wenn auch recht unangenehme Arbeit Es ist geradezu unglaublich, was sich diese Blätter an Schmähungen auf einen braven deutschen Mann leisten. So schreibt Herr Anton Memminger in seiner „Neuen baierischen Landeszeitung" u. a.: „Lob Bamberger, ehemaliger deutscher Reichstagsabgeordneter, Macher der daitschen Goldwährung, Theilhaber eines Pariser Bankgeschäftes, Geheimrath der Alliance israelite, also ein sujet mixte (gemischtes Subjekt), wie ihn Bismarck genannt hat, ist gestorben. Er war ein Jud von scharfem Verstand, hatte an Stelle des deutschen Herzens einen großen Geldbeutel sitzen und war der häßlichste Mensch im Reichstag..." In einer folgenden Nummer wagt derselbe Herr folgende Notiz zu schreiben: „Am Sarge Vambergers ließ — wie wir nachträglich erfahren — die Kaiserin Friedrich ein prachtvolles Blumenarrangement niederlegen. Diese englische Prinzeß hat von jeher den Juden die größten Sympathien zugewendet, so daß uns die Kranzspende am Sarge des Goldwährungsmachers unseligen Angedenkens nicht wundert." Noch ein schmutzigerer antisemitischer Nekrolog auf Ludwig Bamberger steht im Münchener „Dtsch. Volksblatt". Dort heißt es: „Dr. Bamberger ist in den Schooß Abrahams berufen worden. Der Verstorbene machte sich in den Revolutionsjahren 1848/49 als Freischärler bemerkbar; in der Schlacht bei Kirchheimbolanden nahm er eine führende Stellung ein, als aber die ersten Schüsse krachten, bekam

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