Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 31. März 1899 63. Jahrgang. Nr. 13. eitwg des Au-enthums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 39r* Ludwig Philippfon-Sonn. Verlags-Expedition: Gerlin, Lerufalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteur r Gustav Karpeles. Leitartikel r Religion und Pietät. — Die Woche. — Berufswahl, Förderung des Handwerks und Lehrlingsheim. — Das jüdische Schulwesen im Osten. Von Hermann Becker. — Eine kleine Auseinandersetzung. Von Dr. Adolf Bi ach. — Aus den Memoiren eines jüdischen Kaufmanns. — Eine Freundin von Bettina von Arnim. Von E. V elh. — Feuilleton: Die Rose von Saron. (Schluß.) — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Samter, Breslau, Hannover, Hamburg, Paderborn, Oberhaufen, Köln, Frankfurt a. M., Wien, New-York. — Bon Rah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Religion und Pietät. Berlin, 29. März. ls Joseph, nachdem er ruhmvoll fast achtzig Jahre über Aegypten gewaltet hatte, sein Ende nahe fühlte, da berief er seine Freunde und Stammesgenossen an sein Lager und beschwor sie: So Gott Eurer gedenken wird, so nehmet auch meinen Leichnam mit hinauf aus diesem Lande. Ihm graute nicht vor dem Tode, aber ihn erfaßte ein Grauen, wenn er an die Vergötterung dachte, die man in Aegypten den Leichnamen großer Fürsten erwies, er fürchtete sich vor dem Kultus, vor dem Götzendienst und vor dem Aberglauben, der um seinen todten Körper sich spinnen würde. Noch hatte sich Gott nicht am Sinai offenbart. Aber Joseph hatte die Ueberlieferung der Erzväter; Israel kannte keinen Dienst der Grüfte, keine heiligen Gräber, und Jakobs weiser Sohn sah den Unfug voraus, den dies Volk eines finsteren Todtendienstes an den Gebeinen Dessen ausübcn werde, der es vom Hungertode gerettet hatte; er ahnte das Uebel und konnte es nicht hindern, denn nimmer hätte es der abergläubische Aegypter gutwillig zugegeben, daß sein Wohlthäter, auch nachdem er todt, ihm entrissen würde. Darum beschwor er seine Genossen für die Zukunft, daß von Geschlecht zu Geschlecht es übertragen werde: Kommt der Tag der Rettung, des Auszuges, so sollen sie meine Gebeine mit hinaufnehmen aus diesem Lande. Jahrhunderte waren vergangen seit dieser Bitte des sterbenden Joseph; endlich kam der Tag des Auszuges; Pharao drängte die Israeliten hinaus aus dem Lande, die Israeliten nutzten den Moment und verwertheten die Gunst, die die Aegypter ihnen jetzt zuwandten, lind beluden sich mit Gaben von Silber und Gold: wer gedachte des Joseph, der zwei Jahrhunderte vorher in die prunkvollen Königsgräber war gesenkt worden? Einer war es, der des Todten dachte und des uralten Gelöbnisses: „Moseh nahm die Gebeine des Joseph, denn Jener hatte die Israeliten beschworen, wenn Gott Eurer gedenkt, so nehmet meine Gebeine von hier mit Euch hinauf." Darum wenden die Alten auf ihn das salomonische Wort an: Wer weisen Herzens ist, der hascht nach guten Werken, nicht nach Gold. Unsere Alten erweitern die Erzählung der Schrift: Moseh wußte nicht die Grabstätte Josephs; lange nach dessen Tode war er zur Welt gekommen, in früher Jugend hatte er Aegypten verlassen müssen, und wohl sechzig Jahre hat er in der Fremde geweilt; sein Herz hat das Gelöbniß nicht vergessen, das die Väter dereinst in Josephs erstarrende Hände gelegt hatten, aber er wußte nicht, wo der Leichnam ruhte. Das, was Allen iin Drange des Lebens aus der Erinnerung entschwunden war, ein frommes Frauengemüth hat es wie in einem wohlverschloffenen Schrein verwahrt; in alter und in neuer Zeit-Hat ein heiliges Gedenken seine letzte Zufluchtsstatt, seine unzerstörbare Burg in einer frommen Frauenseele; eine ehrwürdige Greisin zeigt dem Moseh den Ort, wo Joseph bei Königen war bestattet worden. Als nun die Israeliten durch die Wüste wanderten, da waren es zwei Laden, die ihnen voranzogen, in der einen lagen die steinernen Tafeln des Gesetzes, in der anderen die Gebeine des Joseph. Manchem schien dies durch die Nothwendigkeit gebotene Verhältniß, da ja die Bestattung des Joseph erst im heiligen Lande geschehen konnte, ein Rückfall in ägyptische Verwirrung, und sie sagten: Wie kommt die Lade des Todten neben dir Lade des Ewiglebenden? Und Moseh erwiederte: Der hat geübt, was der befohlen; was hier niedergelegt ist, hat dereinst Leben gewonnen in diesem nunmehr Erstorbenen. Moseh, der auf der Höhe der Freude eines Todten gedenkt und dessen letzten Willen vollstreckt, giebt es ein passenderes Vorbild für die ernste Erinnerungsfeier, die wir mitten in unfern Festesjubel tragen? Es giebt eine Weltanschauung, nach der der Körper ein Kerker, die Erde ein Thal des Jammers und der Tod ein Erlöser ist. Mitten unter den lebensfrohen Hellenen hat sie ihren beredten Vertreter gefunden; und wieder giebt es eine Meinung, nach der die Seele ein Nichts, das Jenseits ein Schrecken und der Tod das Ende aller Dinge ist. Der Israelit schlägt seine Bibel aus und liest die ausführliche Schilderung des Schöpfungswerkes, daß diese Welt nach dem Ausspruch Gottes sehr gut ist; kann dann der Schriftgläubige unsere Erde als ein Thal des Jammers betrachten? Er liest das Gotteswort: wir wollen einen Menschen schaffen nach unserem Gleichniß, zu unserem Bilde; das kann sich doch in der Hauptsache nur auf den Körper beziehen, als auf den Sitz der Seele, denn die ewige Seele bedurfte keines Schöpfungswerkes; hatte Gott, da er im Irdischen einen Abglanz seines Wesens gestalten wollte, wirklich nur einen Kerker geschaffen und nicht vielmehr einen wunderbaren Organismus, der würdig ist seines gottentstammten Bewohners? Dem Israeliten ist Jenseits und Diesseits nicht wie Licht und Schatten, sondern Gott, der ganz Licht ist, hatte über beides seine Strahlen ausgegoffen. Darum sehnt sich der fromme Bekenner unseres Glaubens nicht hinweg aus dem Diesseits, aber er stößt auch die heiligen Erwägungen über das Jenseits nicht fort, er denkt wie Moseh bei aller freudigen Erregung der Todten und dessen, was er