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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-24 · Heft 12 (24.3.1899) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
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144 - Der Prinz wollte wieder auffahren, aber das Brüllen der Menge übertönke seine Stimme: „Gen Sichem! Gen Sichem!" donnerte es von Straße zu Straße, und dann zog sich der Prophet unter das Volk zurück. < Der Prinz sah das Vergebliche seines Zornes, und dennoch war es ihm in diesem Augenblick unmöglich, die Einwilligung in das Begehren des Volkes zu geben. Er zwang sein Thier zu einem wilden Satz und verschwand im Inneren des Palastes. (Schluß folgt.) Sie horchten beide. „Soll ich ewig warten?" klagte eine weiche Stimme; „wo bleibt unsere Schwester, die Gerechtigkeit?" „Nur Geduld! — Du siehst, ein steter Wechsel herrscht: der Frühling kommt, der Winter geht, des Hasses Despotie kann nicht ewig währen; dann ruft man beide uns zurück." * FrühUlrgsfaüel. Bon Nahida Ruth Lazarus. 1 er Winter ging, die Sonne kam. Mutter Erde athmete auf, die Nebel zogen dahin. Ein Veilchen lugte hervor: „Ist schon Frühling?" „Still," flüsterte ein benachbartes Gänseblümchen, „hörst Du nichts?" „Wer waren denn die?" kicherte das Gänseblümchen. „Die Helle, Große?" das ist die Hoffnung. „Die sieht ja so jung aus!" „Ja, denn sie ist ewig." „Und die Andere, die ernste Greisin?" „Das ist die Weisheit. — Beide hat der liebe Gott geschickt, um die Menschen, besonders uns Juden, zu trösten —" „Uns?" fragte das Gänseblümchen naserümpfend (denn da es in der Mehrzahl war, hielt es sich für etwas Besseres). „Ja, denn ich bin ein Peffachveilchen." Arn Kedernvend. (Nach der Hagada: Echad mi jodea). Bon Gustav Jacobsohn.*) IXes Seders Ordnung ist vollbracht. Nun tönen Lieder durch die Nacht, Nun lasset nach der Alten Weise Uns forschen im vertrauten Kreise, Ob uns vielleicht durch Liedes Mund Der Zahlen Deutung werde kund. Eins, wer weiß es, was ist Eins? Eins ist der Urquell alles Seins, Des Himmels Schöpfer und der Erden, Bon dem allein uns Heil kann werden, Bor dem der Götzentand zu Spott — Eins ist der Ew'ge, unser Gott. Und Zwei? was mag die Zwei wohl sein? Zwei find die Tafeln ja von Stein, Auf denen stch der Herr verkündet. Als er sich Israel verbündet. Worauf er seinem Volk zu lieb Die heiligen zehn Worte schrieb. Drei ist der Väter fromme Zahl, Die in Machpelahs Felsenfaal Die ew'ge Ruhestatt gefunden, Die^ ihrem Gotte treu verbunden. Auch ihre Kinder ernst gelehrt. Wie man den Einzig Einen ehrt. Vier, sprich, wie deutest du die Vier? Vier find der Frauen schönste Zier: Frau Sarah, Abrahams Erwählte, Rebekkah, Isaaks Vermählte, Und Jakobs Leah nenn ich euch Und seine Rahel, anmuthreich. Und wie die Fünf zu deuten sei? Bringt mir die Bücher rasch herbei. Die fünf, darinnen steht geschrieben: Sollst wie dich selbst den Nächsten lieben! Die Moseh schrieb mit eig'ner Hand, Die Lehre Mosis.drum genannt. Und, was die Sechs bedeute, sag'! Sechs Tage sind der Müh' und Plag '; Am sechsten Tag aus Staub der Erde Erstand auch auf des Schöpfers Werde Nach allerlei Gethier und Wild Der Mensch in Gottes Ebenbild. Und Sieben? Deut'uns sieben nun! Am siebenten der Tage ruh'n Soll Israel von seinen Werken Und stch zu neuen Arbeit stärken; Der Sabbath rst's, vom Herrn geweiht Für Israel in Ewigkeit. Und Acht? Wer macht die Acht uns kund? Der achte Tag nimmt in den Bund, Zu dem Gott Abraham erkoren. Den Knaben auf, der neugeboren; Er soll ihn wahren treu und fest. Bis einst die Seele ihn verläßt. Und Neun? Wie deutest du die Neun? Wem sollt' es nicht das Herz erfreu'n. Sieht er die Mutter mit Entzücken Ihr Neugeborenes an stch drücken, Ihr süßes Kind, zum ersten Mal — Die Neun ist eine heil'ge Zahl. Und Zehn, wer sagt die Deutung an? Die Zehn ich euch wohl deuten kann: Es sind die heil'gen zehn Gebote, Die, als der Berg im Feuer lohte. Der Ew'ge auf dem Sinai Den Kindern Israels verlieh. Wer deutet uns die Elf zumal? Elf ist der Wandelsterne Zahl, Die einst mit Sonn' und Mond im Bunde Im Traum zur mitternächt'gen Stunde Dem frommen Joseph sich gezeigt. In Ehrfurcht sich vor ihm geneigt. Und Z w ö lf? Wer macht die Zwölf uns klar? Zwölf Steine fügten wunderbar Sich unter Jakobs Haupt im Sande Zu einem Stein im Wüstenlande. Es war ein Vorbild dieser Fels Der künft'gen Stämme Israels. Die Dreizehn, deut' ich noch am End' Euch, Gottes Eigenschaften nennt. Des Ew'gen, der Erbarmen spendet, Deß Gnad' und Güte nimmer endet. Der, reich an Langmuth, Treu und Huld, Die Missethat vergiebt und Schuld. Nun hüllt in Dunkel uns die Nacht, Die Nacht der Obhut und der Wacht. Gar oftmals ist es Nacht geworden. Seit Israel von Niles Borden Zur Freiheit ausgezogen war; Doch immer führte wunderbar. War auch das Dunkel schwer und dicht. Der Herr sein Volk durch Nacht zum Licht. Die Red. ') Die letzte Arbeit des begabten Dichters, die er wenige Tage vor seinem Tode vollendet hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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