Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-24 · Heft 12 (24.3.1899) · p. Seite 143

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228324--55360-3291556
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

143 „Männer Israels!" rief der Prinz, und schlecht verhehlt bebte der Verdruß durch seine Stimme. „Männer Israels, was ist es, daß Ihr bewaffnet und drohend, wie es scheint, gegen Davids heiliges HauS heranschreitet? Ich höre Eure Stimmen Wünsche rufen, wie sie Israels treuen Kindern nicht ziemen. Dein König, Du leichtverführtes Volt, liegt auf dem Todtenbett, und Du sträubst Dich gegen die Herrschaft Rehabeams, welcher ein Sohn ist des weisesten und mächtigsten Königs? Darüber steht mir Antwort, Ihr Kinder Israels!" Die Menge schwieg, und Jerobeam lächelte spöttisch, da er den Ausdruck steigender Wuth in des Prinzen Angesicht bemerkte. Doch schwieg er ebenfalls, woraus Rehabeam heftiger fortfuhr: „Ihr habt Israel in Bewegung gebracht, treulose Aufrührer haben die Macht des Pharao gegen Zion heraufgerufen, und nur Juda und Benjamin sind treu geblieben. Noch einmal, Ihr Kinder Israel, warum thatet Ihr das alles und hobt die Waffen gegen Davids heiliges Haus?" Die Menge schwieg noch immer; da wandte sich Jerobeam an dieselbe und sprach mit freundlicher, schlauer Demuth: „Ist es Euer Wunsch, Männer Israels, daß ich diesem Knaben im Namen der zehn Stämme antworte?" Die entzückte Menge brach tobend los: „Israels König! Antworte! Antworte für uns!" Jerobeam beugte sich dankend vom Pferde nieder und hob 'dann sein triumphirendes Angesicht zu Rehabeam empor. Der Prinz aber war wüthend aufgefahren und hatte den Stahl aus der Scheide geriffen. „Sohn Salomos," sagte Jerobeam mit ernster Würde, „ich spreche zu Dir im Namen Israels, und darum weg mit der Waffe!" „Weg!" schrie das zürnende Volk und drängte sich näher mit drohenden Geberden. Rehabeam bebte, und die Wuth erstickte ihn fast. Dann stieß er mit einer Verwünschung den Säbel in die Scheide zurück. Jerobeam begann mit lauter, auch den Entferntesten vernehmbarer Stimme: „Dies, Sohn Salomos, ist Israels Wunsch: Du hast durch Grausamkeit und Stolz Israel beleidigt und willst das Joch, welches uns Dein Vater aufgeladen, nicht leichter, sondern zehnmal schwerer machen. Darum will Israel hingehen und sich einen anderen König wählen. Denn das ist Israels uraltes Recht, und so wählte es ehedem seine Richter und nahm Saul und David, welche ihm der Herr bezeichnet hatte, zu seinen Königen an. Und auch diesmal hat des Herrn Gnade Denjenigen bezeichnet, welcher hinfort zehn Stämme regieren soll, und die Stimme des Volkes hat Dir den Gewählten bereits genannt. „Jerobeam, Israels König!" brüllte das begeisterte Volk. „Und somit," fuhr der schlaue Redner fort, „entsetzt Dich Israel des angemaßten Thrones und gebietet Dir, zu weichen." DaS Volk brüllte von Neuem mit unverständlichem Jubel auf. „Ist das Dein Wunsch, treuloses Israel?" schrie Rehabeam mit unsicherer, von Wuth gelähmter Stimme. „Unser Wunsch, Jerobeam, Israels König!" donnerte es die Reihen auf und ab. Der Prinz riß sein Schwert heraus, und seine Reiter folgten ihm. „Verflucht sei Israel um dieses Verrathes willen!" schrie der zürnende Königssohn. „Aber jubelt nicht zu frühe! Juda und Benjamin haben sich für Davids Haus erhoben, und unzählige Männer strömen dem Sohn Salomos zu Hilfe. Und heut« noch werden sie ankommrn, und sie werden sicher ZkypS Straßen von Verräthern reinigen!" „Judas Männerkraft ist zerschmettert!" schrie ein rasch herbeicilender Reiter, welchen das Volk stürmisch und freudig begrüßte. Mehrere Krieger von dunkler Gesichtsfarbe und ebenfalls zu Pferde folgten dem ersten Reiter. Alles machte ihm Platz, und dann stand er an Jerobeams Seite dem erstaunten Prinzen gegenüber. „Welches sind Deine Nachrichten?" rief Jerobeam mit erregter fast zitternder Stimme. „Judas Männerkraft", erwiederte der Reiter, welcher der Oberste des Stammes Simon war, desjenigen Stammes, welcher das südliche Grenzland Palästinas besetzt hielt, also jene Strecken, welche Aegypten am nächsten lagen, „Judas Männerkraft ist von den Aegyptern zerschmettert worden, und die Sieger rücken, von Amaleks unzähligen Reitern verstärkt, gegen Jerusalem herauf. Hier die eilenden Boten des Sieges, welcher Davids Haus vom Thron stürzt!" Und der Oberste zeigte auf die schweißbedeckten ägyptischen Reiter. Das Volk jubelte laut auf, Rehabeam erbleichte und wandte sich rasch um. Er schien in die Burg zurückreiten zu wollen. „Halt!" schrie der Prophet von Silo, welcher in diesem Augenblick aus den Reihen hervörsprang. „Scheide noch nicht, Knabe, denn Israel müßte sich sonst kämpfend den Eingang in Deinen Palast erzwingen. Doch Israel scheut den Kampf und will friedlich leben unter seinem neuen König. Willst Du Sicherheit haben von unseren siegreichen Waffen, so gieb Edonis Erbin heraus, deren Krone der neue König von Israel tragen wird." Die Züge des Prinzen drückten einen höhnischen Triumph aus, als er erwiederte: „Ist Euch an der Erbin Edoms gelegen, so holt sie fort aus dem Palaste. Ihr findet sie in Salomos Sterbegemach, wo ich sie ermordete, als der wüthende Edomiter Reson sie durch gewaltsamen Angriff retten wollte!" Jerobeam erbleichte, aber der Prophet, obgleich Anfangs bestürzt, gewann dennoch rasch wieder seine Fassung. „Sie ist also tobt?" fragte er. — „Kommt, überzeugt Euch!" entgegnete der Prinz mit Hohn. „Dann ist es gut," fuhr Ahija ebenso kalt wie früher fort. „Niemand hat weitere Ansprüche auf Edoms Thron als Israels König, und das ist Jerobeam!" „Die Söhne Edoms haben dem Hause Davids Treue geschworen!" rief der Prinz. „Ueberzeuge Dich," sagte der Prophet mit kaltem Spott, „ob Edoms Männer an Davids Hause hängen!" Rehabeam zuckte die Achseln und winkte dann seinen Reitern, um in den Palast zurückzüßrhen. „Noch ist nicht alles zwischen uns zu Ende gekommen," sagte der Prophet gebietend. „Harre, Israel hat Dir noch einiges zu sagen!" Der Prophet hatte sich plötzlich zum Sprecher des Volkes aufgeworfen, und die Menge schien mit einer gewissen Ehrfurcht es zu dulden. Der Prinz aber fühlte sich durch das gebietende Wesen des Mannes von Silo festgehalten. „Dieses hat Dir Israel noch zu sagen," fuhr Ahija fort. „Wir mögen unsere Schwerter nicht in Dein und Deiner Anhänger Blut tauchen, denn alles soll friedlich abgemacht werden. Israel erkennt Dich als König nicht an und hat seine Wahl bereits getroffen. Darum ladet es Dich gen Sichem zur Volksversammlung aller Stämme ein, wo von diesen Sachen gehandelt werden soll. Und wir. wollen sammt unseren Waffen Jerusalem verlassen, und des Pharao Heer soll die heilige Stadt nicht betreten, bis zwischen Israel und Davids Haus entschieden wurde. Darum ladet Israel Dich gen Sichem!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.