Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-24 · Heft 12 (24.3.1899) · p. Seite 142

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228324--55359-3291555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 142 - müsse sich vom reichen Oheim aushalten lassen. Als dies dem Dichter zu Ohren kam, ging er sofort zu Cohen und kündigte ihm die Freundschaft. Ja, so groß ist seine Erbitterung, daß er selbst Moser vor die Alternative stellt, zwischen ihm und Cohen zu wählen- Man begreift diese Erbitterung, wenn man in einem folgenden Brief« hört, daß Cohen sogar so weit ging, angeblich zum eigenen Besten des Dichters, dessen „schlechte Lebensart" dem für solche Einflüsse empfünglichen Oheim zu schildern und ihn anzuspornen, Heine von Hamburg zu entfernen. Cohen erzählte u. a. im Hause Salomon HeineS, der Dichter sei ein Spieler, er lebe müßig und in schlechter Gesellschaft, er hätte keinen Charakter und dergl. mehr. Am meisten erregte den Zorn Heines eine Phrase, die wahrscheinlich von Cohen in Gesellschaft ausgesprochen worden war und von geschäftigen Zuträgern ihm sofort hinterbracht wurde. Cohen soll gesagt haben: „Man miiffe etwas für den Menschen thun." Und Heine bemerkt hierzu in seinem Briefe an Moser mit Recht: „Dieser Ausdruck schon allein kann mich toll machen. . . Ja, ich bin rasend — meine persönliche Ehre aufs Tiefste gekränkt; — was mich aber am meisten kränkt, das ist, daß ich selbst daran Schuld bin durch ein zu offenes und kindisches Hingeben an Freunde oder Freunde der Freunde." Es dauerte lang, bis Heine diese Affäre vergessen konnte. Das Freundschaftsband, das ihn mit Cohen jahrelang verknüpft hatte, war für immer zerrissen, und in spöttischer oder abfälliger Weise gedenkt er seiner, den er aus irgend welchen Gründen u. a. „G. G. Plumper" nennt, in den Briefen an Moser. Bald darauf erschien der erste Band der „Reisebilder", und mit einem Schlage wurde Heine ein berühmter Mann in Deutschland, den alle Journale besprachen und feierten. Er hatte in glänzendster Weise die nichtswürdigen oder hämischen Sticheleien der falschen Freunde widerlegt. Die Angelegenheiten der Hamburger Reform traten bei ihm nunmehr natürlich in den Hintergrund vor den großen Aufgaben, die jetzt seiner harrten, vor den weiten Perspektiven, die sich ihm in seiner neuen Lage erschlossen, aber ein gewisser Groll blieb doch in seiner Seele gegen den ganzen Kreis, aus dem heraus ihm in jenem Winter des Jahres 1826 so viel Bitteres, so viel Herzeleid zugefügt worden war. Dieser Groll zittert noch lange in seiner Seele nach. Selbst bis in die Kämpfe, die er später Ludwig Börnes wegen mit Gabriel Rießer auszufechten hatte, verfolgt ihn die Abneigung gegen die Hamburger Tempeljuden. Ja, als er zum ersten Mal den Boden Hammonias wieder erblickt, im Jahre 1844, erinnert er sich der alten Kämpfe und Leiden, und in seinem Wintermärchen „Deutschland" vergißt er auch seiner Hamburger Juden nicht: Die Juden theilen sich wieder ein In zwei verschiedne Parteien, Die Alten geh'n in die Synagog' Und in den Tempel die Neuen. Die Neuen essen Schweinefleisch, Zeigen sich widersetzig. Sind Demokraten; die Alten sind Vielmehr aristokrätzig. . Ich liebe die Alten, ich liebe die Neu'n — Doch schwör' ich beim ewigen Gotte, Ich liebe gewisse Fischchen noch mehr. Man heißt fle geräucherte Sprotte. Und in dem Gedicht „Erlauschtes", in dem er zwei Hamburger Bankiersin ihrer Unterhaltung auf dem Jungfernstieg über die vortheilhafteste Berheirathung ihrer Tochter mit zwei Christen belauscht, ist noch ein Nachklang jenes alten Grolls gegen die Hamburger „Tempeljuden" zu erkennen. Noch auf der Matratzengruft erinnert sich Heine, als ihm einmal die unrechtmäßige Uebersetzung einer seiner französischen Arbeiten aus Hamburg zukam, der alten Gegner, und er schreibt bei dieser Gelegenheit an seine Mutter (7. Mai 1853): „Ich bin überzeugt, der Lump, der die Uebersetzung machte, ist ein Aufgeklärter aus der Schule eines Salomon oder Kley, wie ich aus manchen Sprachwendungen, noch mehr aber aus den Fragmenten von Zeitungsblättern herausgelesen, die er in seinem Machwerk als Beigabe druckte, und worin er allerlei verstümmelte Gesundheitsnachrichten über mich mittheilte und sich gar das Ansehen eines wohlwollenden Freundes geben möchte. Mir wird das Leben verflucht sauer gemacht." Heine kannte sehr gut die „getauften und ungetauften" Quellen, aus denen ihm so viel Leid während seines Lebens zufloß. Sein Berhältniß zu den Gründern und Leitern des Haniburger Tempels ist durch diese persönliche Misere vielfach getrübt worden. Darüber hinaus hatte er aber allerdings eine höhere Anschauung von der dem Judenthum innewohnenden historischen Kraft als viele jener Männer, und wo er im Ernst sprach, unbeirrt von persönlichen und Zeitströmungen, da hat er dieser Anschauung auch einen bedeutungsvollen Ausdruck gegeben. Das ist das versöhnende Element in diesem unglücklichen Dichterleben. 6. K. U ILLETON Me Rose von Karon. Eine Erzählung. XXXVIII. />8^hne eigentlich gegen die Königsburg Sturm zu laufen, wogte nßS/ das aufgeregte Volk doch brüllend um dieselbe, und hier und da wurden Anstrengungen gemacht, dieselbe zu erklettern. In der Mitte eines dieser Haufen erblickte man den Propheten Silo, wie er mit ausgestrecktem Stab nach den Zinnen des Palastes hinwies und die Kämpfer mit heftigen Worten und Geberden aufzureizen strebte. Hinter den Reihen saß Jerobeam zu Pferde und um ihn die Abgeordneten der zehn Stämme. Von diesem Punkt ging das Treiben der Menge aus, denn die Führer scheuten sich noch imnrer, heftigen und ernsten Angriff auf Zions heiligen Palast zu gebieten. Der Prophet allein, Naemis Besitz im Auge haltend, »suchte eine blutige Eroberung herbeizuführen. Da wurde auf den Zinnen mit Macht in die Posaunen gestoßen, die Menge horchte überrascht, und plötzlich stockte aller Angriff. Die Thorflügel des Palastes gingen auf, und vor den Augen der erstaunten und zurückweichenden Menge ritten Rehabeam und eine kleine Schaar der Leibwache heraus mit gesenkten Waffen. Zwei Trompeter befanden sich an der Seite des Prinzen und forderten das Volk auf zu Schweigen und Aufmerksamkeit. Rehabeam, dessen Waffe in der Scheide ruhte, überblickte das Volk mit einem gemischten Ausdruck von Verdruß und Nachgiebigkeit. Sobald der Prinz die Absicht zeigte, zu sprechen, jagte Jerobeam sammt den Abgeordneten herbei, und da ihm die Menge ehrerbietig Platz machte, so stand er alsbald vor seinem Nebenbuhler. Rehabeam warf einen Blick voll Wuth und Stolz auf den Feldherrn, dann wandte er sich heftig ab und richtete seine Worte an die Menge.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.