Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
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141 Alte. Ich liebe ihn, und ich möchte ihn gern heilen von einer Sentimentalität, die er in sich selbst hineingelogen lind die ihn jetzt verstimmt. Bernays habe ich predigen gehört; er ist ein Charlatan. Keiner von den Juden versteht ihn, er will nichts uird wird auch nie eine andere Rolle spielen; aber er ist doch ein geistreicher Mann und hat mehr Spiritus in sich als Dr. Kley, Salomon, Auerbach I. und II. Ich habe ihn nicht besucht, obschon ich hinlänglichen Anlaß hatte. Ich achte ihn nur, insofern er die Hamburger Spitzbuben betrügt, doch den seligen Cartouche achte ich weit mehr." Wenige Tage darauf, 27. September 1823, schildert er Moser ganz ausführlich die große Affäre, die er mit Cohen wegen der Hamburger Reform gehabt: „Du wirst gewiß gelacht haben, als Du hörtest, daß ich mich mit ihm wegen des Tempels überworfen. Ich hatte ihm bei meiner ersten Anwesenheit in Hamburg meine ehrliche Meinung darüber mitgetheilt, aber in höchst gemilderten Ausdrücken. Bei meiner zweiten Anwesenheit in Hamburg beschuldigte er mich, und auf Ehre mit Unrecht, daß ich mich bei Salomon Heine über Kley und Bernays anders geäußert als bei ihm. Dies hatte zur Folge, daß ich, als ich ihn bei meinem Oheim traf, meine Aeußerungen so grell als möglich wiederholte. Ich hatte ihn noch einmal zu besuchen, um ein Paar Louisdors, die er für mich hatte, in Empfang zu nehmen; später sah ich ihn zufällig an der Börsenhalle, seit der Zeit haben ihn meine Augen nicht wiedergesehen. Diese Geschichte hat für mich manches Unangenehme zur Folge gehabt, das ich Dir mal mündlich mittheilen werde; ich war auf vielfache Weise gereizt und gekränkt und bin ziemlich erbittert jetzt auf jene faden Gesellen, die ihren reichlichen Lebensunterhalt von einer Sache ziehen, für die ich die größten Opfer gebracht und lebenslang geistig bluten muß. Mich, mich muß man erbittern, just zu einer Zeit, wo ich mich ruhig hingestellt habe, die Wogen des Judenhaffes gegen mich entbrennen zu laffen. Wahrlich, es sind nicht die Kleys und Auerbachs, die man haßt im lieben Deutschland. Von allen Seiten empfinde ich die Wirkungen dieses Haffes, der doch kaum emporgekeimt." Auch von Lüneburg aus kommt er in einem Briefe an Moser am 6. November auf diese Angelegenheit nochmals zurück: „Wahrlich, dort in Hamburg habe ich nicht wie ein Egoist gehandelt. Ich habe trotz aller Nebenrücksichten mich nicht entschließen können, der widerwärtigen Gebrechlichkeit zu huldigen und auf die Kraft zu schmähen. Ich meine hier meine so verketzerten Aeußerungen über Kley und Bernays. Wenn Du mich kennst, müßtest Du wiffen, daß mich meiner Natur nach Ersterer mit sammt seinem Gelichter sehr anwidern mußte, und daß mir der kräftige Bernays, obschon mir die negativen Tempeltugenden fehlen, sehr achtungswerth Vorkommen mußte." Aber alle diese Dinge waren nicht geeignet, Heine in gewiffen Hamburger Kreisen beliebt zu machen. Ich besitze noch den Brief eines alten Hamburgers, der ebenfalls zu den Mitbegründern des Tempels gehörte, über Heine, und dieser Brief fängt mit den Worten an: „Es hat sehr lange gedauert, bis wir ihn hier in Hamburg anders als einen dummen Jungen anzusehen gewohnt waren. Viele hatten noch seinen mißglückten Etabliffementsversuch auf dem Graskeller in Erinnerung. Derlei Dinge vergaß das alte Hamburg nicht. Seine Stellungnahme gegen unfern Tenipel schlug dem Fasse den Boden aus. Er wurde dadurch in den gebildeten jüdischen Kreisen mehr als unbeliebt." Nichtsdestoweniger scheint Heine doch zu einem der Hamburger Tempelprediger, nämlich zu Dr. Salomon, in nähere freundschaftliche Beziehungen getreten zu sein. Denn seine Schwester, die greise Frau Charlotte Embden, deren wunderbare Gedächtnißtreue ich oft anzustaunen freudige Veranlassung hatte, versichert mir in bestimmter Weise, daß Heine dem Dr. Salomon seinen „Rabbi von Bacharach" als Manuskriptzur Lektüre übergeben habe, und daß dieser von der . Treue der historischen Auffassung wie von der Genialität der Darstellung gleich entzückt gewesen sei und dies überall öffentlich ausgesprochen habe. $ Mit solchen Ansichten kam Heine 1825 wieder nach Hamburg, ja, seine Meinung über die Reform hatte sich womöglich noch verschärft. Wieder war G. G. Cohen Derjenige, der ihn trotz des verhängnißvollen Schrittes der Taufe freundlich aufnahm und in jeder Weise äu fördern suchte. Wenige Tage nach seiner Ankunft in Hamburg schrieb Heine an Moser (14. 10. 1825): „Vorigen Sonnabend war ich im Tempel und habe die Freude gehabt, eigenohrig anzuhören, wie Dr. Salomon gegen die getauften Juden loszog und besonders stichelte, „wie sie von der bloßen Hoffnung, eine Stelle (ipsi8sima verba) zu bekommen, sich verlocken laffen, dem Glauben ihrer Väter untreu zu werden". Ich versichere Dich, die Predigt war gut, und ich beabsichtige, den Mann dieser Tage zu besuchen. — Cohen zeigt sich «roß gegen mich. Ich effe bei ihm am Schabbes. Er sammelt glühende Kuggel auf mein Haupt, und mit Zerknirschung effe ich dieses heilige Nationalgericht, das für die Erhaltung des Judenthums mehr gewirkt hat als alle drei Hefte der Zeitschrift. Jndeß, es hat auch größern Absatz gehabt." Wer nicht aus diesem Briefe trotz des humoristischen Schlusses die blutige Ironie herausliest, der versteht Heine überhaupt nicht. Er hatte es sehr richtig herausgefunden, daß Dr. Salomon gerade ihn stichelte, und das mußte ihn umsomehr erbittern, da er ohnedies einzusehen begann, daß er durch seine Taufe so gut wie nichts erreicht habe. Bei seinen Feinden wurde er als Jude verschrieen, und die Juden sahen ihn nun als einen Abtrünnigen an. In solcher Lage ist man natürlich mißtrauisch. Man achtet auf jedes Wort, auf jeden Blick und ist nur zu gern geneigt, überall Feinde zu wittern. Es ist erklärlich, daß Heine seine Feinde vor allem im eigenen Lager sah. Er machte sich über die Reform lustig; sein Witze wurden an der Börse und bei den berühmten Diners der Hamburger Bankiers kolportirt. Am meisten mögen wohl die Orthodoxen sich an seinen Witzen erfreut haben, wenn sie diesen Waffenbruder auch offen abgelehnt haben werden. Den Anhängern der Reform, die in Heine eher einen Bundesgenoffen zu begrüben glaubten, keineswegs aber einen Gegner, war diese Parteinahme sehr unangenehm. Wenn man sich auf dem Alten Steinwege erzählte, Heinrich Heine habe gesagt: „Die Tempelprediger werden reiche Leute und können am Ende, wenn es schief geht, sich selbst ein Minjan halten" und dergleichen mehr, so war dies Cohen als Vorsteher des Tempels selbstverständlich sehr peinlich. Andere Mißhelligkeiten kamen hinzu. Die Aussichten Heines auf eine Anstellung in Hamburg hatten sich vollständig zerschlagen. Es kam zu offenem Kampf. Cohen und verschiedene Verwandte Heine's hetzten den reichen Oheim selbst gegen den Dichter auf. Wer sich über diese Dinge eingehender informiren will, der lese die Briefe Heines an Pkoser vom 14. und 24. Februar (Bd. VIII, Seite 480 ff. meiner kritischen Ausgabe). Cohen erblickte in der Gegnerschaft Heines gegen den Tempel eine persönliche Beleidigung, und er wußte sich in einer Weise zu rächen, die den tiefsten Zorn des Dichters erregen mußte. In der That hatte ihm Cohen, sei es aus Thorheit oder aus Absicht, Schlimmeres zugefügt, als es der ärgste Feind gegen ihn ersinnen konnte. In der Absicht, ihm zu nützen, schwatzte er der ganzen Welt die Ohren voll: Heine läge in Hamburg müßig, hätte nie Geld und