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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-24 · Heft 12 (24.3.1899) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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. UIU4HHH)iiua» IIIjjljl III l Ir>MWWWWMWWWMWMWWUMWWWWWW 138 straße physisch und moralisch verkommen zu lassen? Wer sich weiterhin zu Gunsten unserer Armen persönlich bethätigen will — und das will ja jeder Jude —, dem wird es auch künftig an Gelegenheit hierzu gewiß nicht fehlen, er unterstütze unsere Institute mit Geld, mit Arbeitsgelegenheit, mit Religionsbüchern, mit seiner Aufficht. Die jüdischen Arbeitsstätten sollen auf der Grundlage der wissenschaftlichen Fortschritte und der Humanität errichtet werden, wie alle anderen, und der jüdische Geist möge über ihnen und in ihnen walten! Der Jude als Schüler. Von Dr. Fritz Horn. s ist eine eigenthümliche Erscheinung, die sich nach bestimmten Perioden immer wiederholt, daß gewisse Anschauungen und Richtungen stets wieder zum Durchbruch kommen, die schon mehr als einmal im Verlauf der Geschichte Fiasko gemacht haben, so daß der Satz, daß der Mensch aus den Ereignissen der Vergangenheit, aus den Mahnungen der Geschichte zu lernen habe, um sich gegebenen Falls danach zu richten, als ein Trugschluß erscheint und keinen praktischen Boden findet. Zu diesen Erscheinungen gehören auch die Judenverfolgungen, die sich gegenwärtig den modernen, schon als Fremdwort idealern ttnb weniger drastischen Namen des Antisemitismus beigelegt haben. Aber weder die Frohndienste in Aegypten noch die energischen und rohen Verfolgungen des Mittelalters sind im Stande gewesen, die Juden auszurotten. Und doch sucht man jetzt mit allen Mitteln, die das Zeitalter der Humanität erlaubt, das alte Spiel zu wiederholen, obgleich schon die Physik lehrt, daß Druck Gegendruck erzeugt, wie auch die Geschichte, daß äußere Schwierigkeiten nie ein Volk vernichten, wenn es an sich lebensfähig war, sondern in der Regel zu seiner Regenerirung beigetragen haben, daß nur eingefleischte Trägheit und überhandnehmender Luxus seinen Ruin herbeigeführt haben. Stehen aber diese Thatsachen fest, und sind die Behauptungen richtig, so muß das Judenthum einen Kern bergen, der sich trotz scheinbarer Niederlagen immer wieder lebensfähig zeigt. Dabei ist die eigenthümliche Erscheinung zu beachten, daß der Antisemitismus ein speziell deutsches Gewächs ist, denn in den romanischen und ihnen verwandten Nationen kennt man ihn nicht; wenn auch Rußland sich die Juden vom Halse zu schaffen sucht — freilich aus nationalreligiösen Gründen —. während das rasch emporblühende Amerika auch für den Juden eine Zuflucht bildet. Gewöhnlich wird den Juden, wenigstens in Deutschland — denn in Rußland treiben sie Ackerbau und sind Handwerker — vorgeworfen, daß sie nichts produziren, sondern sich nur mit Handel und finanzieller Thätigkeit beschäftigen, einem Nahrungszweig, für den sie ein besonderes Geschick zeigen sollen. Während sie von dem eigentlichen Beamtenthum mit seltener Ausnahme des Richterstandes ausgeschlossen sind, finden sie als Aerzte und Litteraten im weitesten Sinne des Wortes eine ausgiebige Existenz, als Professoren der Mathematik häufig, wie denn gerade diese Wissenschaft ein Arbeitsfeld der Semiten bildet, während sie als Rechtsanwälte oft eine hervorragende Rolle spielen. Daß sie zum Offizierstande nicht zugelassen werden, ist wohl als Rückstand veralteter Vorurtheile anzusehen, wie denn kein Stand konservativer ist als neben den Priestern das Militär, denn durch das Festhalten am Hergebrachten wird beider Existenz bedingt. Die Hauptvorwürfe, die man den Juden macht, bestehen in ihrem Mangel an Produktionsfähigkeit, wenigstens in materieller Beziehung, und daß sie Charaktereigenschaften und Anlagen besitzen, die sie dazu befähigen, in Handel und Wandel besondere Leistungen zu prästiren, die christliche Bevölkerung derart zu übertreffen, daß sie nicht gegen sie aufkommen kann, und so allmälig die Führung des Kapitalismus übernommen zu habe«». Sind derlei Ansichten vielleicht deshalb besonders in Deutschland so vorherrschend, weil der7sDeutsche eine besonders ideale Weltanschauung hat und vor lauter Theorie nicht zur Praxis durchdringt, sondern sie außer Augen läßt und zu wenig werthschätzt, während der Jude mit großer Energie auf sein Ziel losgeht? Fest steht jedenfalls, daß der Jude sich in vieler Beziehung vor dem Christen auszeichnet. Man findet fast nie einen Juden betteln. Die sogenannten Schnorrer sehen sich fast als Handelsleute an und erhalten milde Gaben nur von Leuten ihres Stammes. Fast nie wird ein Jude wegen gemeiner Verbrechen, wegen roher Gewaltthaten verurtheilt; das einzige Verbrechen ist Betrug und unerlaubte Uebervortheilung. Daß die Juden nicht aus Roth ein Verbrechen begehen noch betteln, kommt daher, weil sie dem durch'gegenseitige Unterstützung Vorbeugen; denn sie halten bekanntlich zusammen „wie die Kletten". Diese Erscheinung erklärt sich wohl ans den Drangsalen der Verfolgung, wo sie auf einander angewiesen waren. Die Liebe der Eltern zu den Kirrdern und umgekehrt ist für mustergiltig'zu halten, und das eheliche Zusammenleben istlfrei von allen häßlichen Auswüchsen. Das hängt wohl damit zusammen, daß die Erziehung mit einem innigen Familienleben Hand in Hand geht. Wollen wir für diese verschiedenen Eigenschaften eine Erklärung finden, so ist der gewiesene Weg, den Entwickelungsgang der Juden nicht in ihrer Eigenschaft als Stamm, sondern als Individuum zu prüfe». Das ist um so eher möglich, als die meisten Juden darauf angewiesen sind, ihre Kinder in christliche Bildungsanstalten zu schicken; nur in großen Städten giebt es besondere Judenschulen. Wenn also der christliche Lehrer über seine jüdischen Schüler ein Urtheil abgiebt, so ist von vornherein anzunehmen, daß er es nicht parteiisch zu Gunsten der Juden fällen wird. So glaubt der Schreiber dieser Zeilen als Nichtjude, der dreißig Jahre an einer höheren Bildungsanstalt unterrichtete, die von verhältnißmäßig zahlreichen Juden besucht wurde, im Stande zu sein, ein unbefangenes Urtheil über das Verhältniß ihrer Persönlichkeit und ihres Schullebens im Vergleich zu den Christen zu fällen. In dieser Beziehung haben wir nach zwei Gesichtspunkten zu unterscheiden und diese einzeln in Betracht zu ziehen, nämlich das Benehmen der Schüler, soweit es durch ihren Charakter bedingt ist, das wir durch Betragen und Fleiß zu bezeichnen pflegen, und wie sie sich durch ihre Fähigkeiten und Leistungen von ihren Mitschülern unterscheiden. Betrachten wir den letzten Punkt zuerst, so ist für seine Beurtheilung der Ausspruch eines Juden bezeichnend, von dem zwei Söhne das Gymnasium besuchten. Der eine war nach dem Urtheil der Lehrer recht begabt, der andere weniger. Als nun der Vater den Letzteren studiren lassen wollte, den Anderen aber zum Kaufmann bestimmte, wunderten sich die Lehrer Über diesen seltsamen Entschluß. Als Einer den Vater nach der Ursache fragte, erwiederte er, daß der weniger Begabte zu dumm sei, um Kaufmann zu werden, und deshalb studiren sollte, während der Begabtere sich als solcher besser zum Kaufmann eigne. Dieses Urtheil wurde natürlich für höchst merkwürdig gehalten, und wie es nur ein Jude äußern könne, ohne daß man einen Erklärungsversuch dieser Abnormität machen zu sollen glaubte. Und doch geht daraus hervor, daß der Jude einen anderen Begriff von Befähigung hatte als die Lehrer, daß er darunter nicht die Fähigkeit verstand, sich theoretische Kenntnisse zu erwerben, etwa dem Gedächtniß ein bestimmtes Wissen einzuprägen, sondern die Fertigkeit, seine Anlagen praktisch zu verwerthen, aus ihnen im Verkehr mit Anderen Kapital zu schlagen, eine Eigenschaft, die mit den smartress der Amerikaner große Aehnlichkeit hat.

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