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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-24 · Heft 12 (24.3.1899) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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- - V ^.- -- 1S6 -- Alten Synagoge ausgeführt wurde, nahm Herr Rabbiner Dr. Maybaum das Wort zu seiner Trauerrede auf den theuten Heimgegangenen. Nach abermaligem Chorgesang: „Das Menschenleben gleicht der Blume auf dem Felde", widmete Herr Professor Philippson Namens des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes dem Verewigten einen kurzen Nachruf, den wir hier im Wortlaut wiedergeben: „Sehr geehrte Trauerversammlung! In würdiger und ergreifender Weise ist Ihnen soeben das Bild des Verewigten vorgeführt worden. So hat er gelebt, so hat er gefühlt und gewirkt, und so wird sein Andenken in unserem Herzen fortdauern für und für. Es kann nicht meine Sache sein, dieses Bild noch einmal zu entrollen, auch nicht. Ihnen zu sprechen von dem reinen, edlen, jedem Ideal zugewendeten Philosophen, der in seinem ganzen Leben das, was er lehrte, auch in fleckenloser, in reinster Weise bethätigte, nicht von dem verehrten Lehrer, zu dessen Füßen seit fast einem halben Jahrhundert so viele Schüler gesessen, von dem so Viele Belehrung und Weisheit empfangen haben, nicht von dem Mann der Wissenschaft, der er Zeit seines Daseins als treuer Forscher diente, der er in geistvollster Weise neue Pfade eröffnete. Nur als Kollegen möchte ich ihm ein Wort des Scheidens nachsenden, als Mitglied des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, jener Körperschaft, die berufen ist, alle ethischen und religiösen Interessen des deutschen Judenthums, der jüdischen Deutschen zu fördern und zu vertreten. Sobald der Sitz des Gemeindebundes von Leipzig nach Berlin verlegt wurde, vor nunmehr 16 Jahren, trat der Verewigte in denselben ein. Denn wie die Gründer des Bundes, war auch er fest überzeugt, daß man ein treuer und begeisterter Sohn des Vaterlandes und zugleich ein treuer Anhänger des uralten israelitischen Glaubens sein könne. Mit Eifer, mit Hingebung bethätigte er sich bei den Arbeiten dieser Gemeinschaft. Jenes edle Pflichtgefühl, das ihn in allen Dingen leitete, beseelte ihn auch hier, und sein Rath, ausgehend von den höchsten und reinsten Gesichtspunkten, beruhend auf wohldurchdachter Grundlage, immer auf das Gute und Zweckmäßige gerichtet, fand gern Gehör und Nachfolge. Er wirkte hier wie überall durch sein ganzes Wesen, durch seine ganze Persönlichkeit. Wie gern lauschte man der ruhigen und doch so festen und warmen Sprache, wie gern folgte man jenen Worten, die aus der Tiefe eines treuen, edlen Herzens, eines hohen und umfassenden Geistes hervorgingen. Dieser Mann deS Friedens, des Edelmuthes konnte auch in Zorn gerathen, wenn er seinen Angehörigen die heiligsten Güter versagt und verkümmert sah. die Zugehörigkeit zum deutschen Vaterlands, das Recht des Bekenntnisses zu seinem Glauben, wenn Niederes und Gemeines ihm nähe trat, das seinem Wesen sonst so fern lag. Aber nicht nur in allgemeinen Arbeiten hät er sich bethätigt, sondern er wirkte besonders auf einem Gebiete, das seiner ganzen Denkweise am nächsten lag, auf dem der Erziehung und des Unterrichts. Er leitete die Inspektion des Religionsunterrichts in den Hunderten kleiner Gemeinden, die von dem Bunde unterstützt werden, und so hat er in indirekter Weise Tausende von Schülern zur Religion und Sittlichkeit erziehen helfen. Er entwarf Lehrpläne für die jüdische Volksschule, er wirkte für die Förderung und Ausdehnung des Religionsunterrichts an den höheren Schulen in programmatischer Richtung. Leider ist in den letzten Jahren Schwäche und Krankheit die Veranlassung gewesen, daß wir uns seiner Dienste nicht mehr in dem Umfange erfreuen konnten wie früher. Aber darum wird die Dankbarkeit und Verehrung nicht geringer; es ist uns ein schönes Bewußtsein, diesen Weisen zu den Unsrigen gezählt zu haben, und die Spur dieses Mannes wird niemals untergehen, üavs pia anima! Lebe wohl, du treue, du edle Seele. Dein Andenken, das Andenken des Gerechten und Weisen, wird fortleben zum Nutzen und Segen noch vielen kommenden Geschlechtern!" Namens der Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums sandte dann noch Herr Dr. Joseph dem entschlafenen Lehrer und Meister einen warm empfundenen Scheidegruß nach. Für das, was er den Hörern, denen sein heiligstes Schaffen gegolten, gegeben, sprach er den Dank aus mit dem Gelöbniß, daß das Andenken des Verewigten die Schüler leuchtend umschweben und sie geleiten werde durch ihr ganzes Leben. Nach dem Schlußgesang bewegte sich der Trauerkondukt in langer Reihe zu der Gruft, die den elften Platz in der Reihe der Ehrengräber auf dem Friedhofe in Weißensee einnimmt. Es war ein erhebender und zugleich tiefergreifender Moment, als zur Zeit, da die irdische Hülle dem Schooße der Erde übergeben wurde, das dichte Gewölk ein Strahl der Lenzessonne zertheilte, der wie ein Scheidegruß die Ruhestätte des verblichenen Philosophen und Meisters der Wissenschaft mit goldenem Licht überfluthete. In der Leichenhalle wurde alsdann das Kaddischgebet für.den Verstorbenen gesprochen, dessen Andenken nicht erlöschen wird in der Geschichte der deutschen Judenheit, und dessen Bedeutung eine treue Verehrerin, Henriette Hirschberg, in dem folgenden dem Andenken Steinthals gewidmeten Gedicht sinnig gewürdigt hat: *) Nicht der ist glücklich, den das Glück beschenkt. Nicht der unglücklich, den das Schicksal kränkt. Wie er's erfaßt im innersten Gemüth, Macht, ob ihm Leid, ob Lust im Leben blüht! Wohl rührt ein großer, ein gewalt'ger Schmerz Auch schwer und tief ein leichtbeweglich Herz. Doch, wie geschloss'nen Gräbern Gras entsprießt. So auch die Narbe schwere Wunden schließt. Und tritt die Freude dann wie Licht ins Haus, So löscht darin sie jedes Dunkel aus; Wo reiche Frucht stch sonnt im Glückesschein, Nicht Wehmuth, kann nur Heiterkeit gedeihen! Wie's Einen rührt im innersten Gemüth, Macht, ob ihm Lust, ob Leid im Leben blüht! Und kommt ein großer, ein gewalt'ger Schmerz, Verwundet er auf ewig manches Herz! Schließt's auch nach außen stch zu guter Stund', Tief innen nimmer heil wird's, noch gesund; Sproßt oben auch manch Blüthe farbenhell, Tief unterm Boden rinnt der Thränen Quell. Gleich Perlen führt der Dichter sie empor. Füllt er im Lied mit Wohllaut unser Ohr; Und in des Denkers klarstem Geisteslicht Sich tiefverborg'ne Thräne spiegelnd bricht. Das höchste Glück steht Heller Lust nicht gleich. Der herbste Kummer ist nicht thränenreich. Die Thrän' in Freud' und Leid nur ist bescheert Dem, deß Gemüth so Leid als Freud' verklärt! Mild, wie der Lilie Duft gen Himmel steigt, Wenn thaubeschwert ihr reines Haupt sie neigt. So auch ein Geist, geweiht von heil'gem Schmerz, Nach seiner Heimath strebet himmelwärts! Ob Thrän' um Thräne auch herniederthaut. Da wir den Staub dem Staube anvertraut: „Der weinend trägt die Saat zum Streuen aus. Mit Jubel trägt die Garben er nach Haus!" *) „Ueber Heiterkeit und Wehmuth" — an dies Thema des letzten > das obenstehende Gedicht an. Jener von eigenem, überwundenem Leid Vortrages, den Prof. Steinthal zum Besten des Stipendienfonds der leise durchzitterte Bortrag gewährte zugleich einen Einblick in Steinthals Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums gehalten, knüpft auch > edle, selbstlose Persönlichkeit. Jüdische Asyle. — Jüdische Arbeitsstätten. fie Frage der Wanderbettelei beschäftigt die Vertreter der jüdischen Gemeinden Deutschlands seit einer unabsehbaren Reihe von Jahren und hat dennoch bis heute noch keine befriedigende Lösung gefunden: man ist im Großen und Ganzen, abgesehen von den in Westfalen und Baiern geschaffenen kleineren Organisationen, in der Frage der Armenunterftühung bei der alten, aber keineswegs bewährten Methode stehen geblieben, den durchreisenden Wanderbettlern gleichviel ob Inländern oder Ausländern — meist ohne eingehende Prüfung des Falles ein Almosen zu reichen, das den bei den christlichen Mitbürgern oft mißliebiges Aussehen erregenden Bittsteller in den Stand setzt, die nächste jüdische Gemeinde aufzusuchen. Ueber die Unzulänglichkeit dieser Methode in jeder Hinsicht kann unter Sachkundigen kein Zweifel bestehen: finanziell ist fie kostspielig, indem der größte Theil der von den meistens ungünstig gestellten jüdischen Gemeinden Deutschlands gespendeten Gelder nicht den Empfängern, sondern den Bahnverwaltungen zu Gute kommt, in hygienischer Beziehung ist sie für die

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