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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-24 · Heft 12 (24.3.1899) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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- 135 - verfassen. Die Vertrauensmänner, welche zur Verfassung der Jahresliste Mitwirken, werden auf Wunsch des Gerichtes vorder/Gemeinde ernannt. Herr X, welcher die Urliste verfaßt hatte, ließ sich als Vertrauensmann entsenden, ja, er brachte in die Sitzung der Gerichtskommisston den fertigen Entwurf einer Jahresliste mit. Der Bezirkshauptmann und der Bürgermeister in den Städten mit selbständigem Statut find nämlich berechtigt diejenigen Personen zu bezeichnen, welche für das Geschworenenamt die beste Eignung haben, und im Hinblick auf diese gesetzliche Bestimmung erhob das Richterkollegium auch keine Einwendung gegen die Erleichterung seiner Arbeit. Die Jahresliste des Herrn X war aeeeptirt, er hatte dafür gesorgt, daß in der Jahresliste nur echtfarbige Parteigenossen vorkamen, er konnte nun seinem Prozeß mit aller Seelenruhe entgegensehen. Herr X wußte, was immer in dem Prozeß Vorkommen möge, seine Geschworenen, die er flch ausgewählt hatte, würden ihn nicht im Stiche lassen. Für die wenigen Geschworenen, die etwa hinterher als zweifelhaft erscheinen könnten, gab es ja noch das Rechtsmittel der Ablehnung. Man fieht, die schwarze Internationale an der Donau weiß geräuschloser und sicherer zu arbeiten als jene an der Seine. Gegen die kluge Auswahl der Geschworenen giebt cs keine Revision und keine Nichtigkeitsbeschwerde; nicht einmal die Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes könnte vom Generalprokurator ergriffen werden, denn es wurde weder ein formales noch ein materielles Gesetz verletzt. Eine Revisionsbewegung ist also ausgeschlossen. Ein Justizskandal bleibt es aber doch." & Im letzten französischen Ministerrath machte Herr Dupuy Mittheilung über seine Unterredung mit Abgeordneten der Gruppen der nationalen Vertheidigung, die Auskunft von ihm erbeten hätten 1. über die Berichte der Präfekten der drei nordöstlichen Departements an das Kabinet Brisson, worin dessen Aufmerksamkeit auf die Geldsendungen aus dem Auslande gelenkt worden, die mit der Dreyfus- Angelegenheit zusammenhängen sollten; 2. über die von dem Großrabbiner Zadok Kahn an einen Offizier gestellte Frage über die Anwesenheit Esterhazys bei den Manövern im Jahre 1894. Hierauf habe er, Dupuy, geantwortet, daß die betreffenden Präfekten ihm auf Befragen erklärten, sie erinnerten sich nicht, jemals über Geldsendungen dieser Art Mittheilung gemacht au haben, und daß die eingehendsten Nachsuchungen in den Büreaus des Ministeriums des Inneren keine Spur von derartigen Berichten ergeben hätten. Bezüglich des Falles Zadok Kahn habe er geantwortet, daß er als Kultusminister diesem unter dem 17. Januar Vorstellungen über den Mangel an Zurückhaltung gemacht, und daß Zadok Kahn darauf erwiedert habe, er verneige sich achtungsvoll vor der strengen Beurtheilung eines Schrittes, der durchaus vereinzelt geschehen sei. Man sieht, Herr Dupuy unterläßt es nicht, mit den Antisemiten und.ihren Asfiliirten zu kokettiren. Was die Verwarnung an den Grand Rabbiu de France betrifft, so haben wir scholl wiederholt darüber berichtet, daß ein ganzes Netz von Verleumdungen um den Namen Zadok Kahn gesponnen worden ist. Vor einigen Tagen brachte noch der „Eclair" die bestinlmte Mittheilung, daß Zadok Kahn der Vermittler zwischen dem Dreyfus-Syndikat und den französischen Juden sei, und daß er in dieser Eigenschaft schon ungezählte Summen ausgegebeil habe. Diese und ähnliche Nachrichten werderr verbreitet und geglaubt. Das Verbrechen Kahns bestand darin, daß er einen jüdischen Osfizier im Gespräch gefragt hatte, ob Esterhazy 1894 bei den Manövern gewesen, und daß dieser Osfizier sich in seinem Gewiffen für verpflichtet hielt, der Vorgesetzten Behörde von dieser Anfrage Kenntniß zu geben. Wenll man bedenkt, welche maßlose politische Agitation hohe Geistliche anderer Bekenntnisse ungestört betreiben dürfen, so wird man richtig zu bewerthen rvifsen die Empfindlichkeit des Ministers dem Großrabbiner von Frankreich gegenüber,^von dem mall doch unmöglich verlangen kann, daß er einem so vehementen Angriff auf die französische Judenheit gegenüber sich theilnahmlos verhalten sollet , Auch der Papst hat nunmehr Stellung zu der Dreyfus- Sache genommen.' Der bekannte Geschichtsschreiber Leos XIII., Boyerdagen, veröffentlicht irrt „Figaro" eine Unterredung, die er Nt dem Papst hatte. Der Papst sagte ihm: „Ihr großes Volk hat das Vorrecht, an der Spitze der Gesittung ebenso wie der Barbarei einherzuschreiten. In diesem Augenblick bereiten Sie aller Welt ein kosmopolitisches Aergerniß und verbrauchen Ihre Bolkskräfte in einem Kampf ohne Größe für das ritterliche Frankreich und ohne Nutzen für die mitfühlende Menschheit. Wo bleibt die Großherzigkeit Ihrer Rasse in diesem schauerlichen Handgemenge der Parteien? Hat diese unglückliche Angelegenheit nicht endlich ihr zuständiges Gericht gefunden? Noch mehr, der Angeklagte hat nicht nur die gewöhnlichen Richter erhalten, sondern Ihr Parlament bewilligt ihm Ausnahmerichter in Gestalt der vereinigten Senate. Welche Rechtssache würde nun nicht ruhig das feierliche Urtheil eines solchen Gerichtes abwarten? Und doch legen sie selbst vor diesem großartigen und beruhigenden Aufgebot der Gesetzlichkeit die Waffen nicht nieder! Handelt es fich vielleicht um einen anderen Angeklagten als den Unschuldigen oder Schuldigen, der vor seinen Richtern steht? Ist die eigentliche Angeklagte etwa die Republik? Nun, fie ist stark genug, fich zu vertheidigen. Man bilde sich aber nicht ein, daß man aus dieser Parteiangelegenheit eine Angelegenheit der Religion machen werde. Unsere Religion hat bereits durch Schweigen und Ergebung die gerechte Sache mehrerer Millionen Blutzeugen geheiligt. Glücklich das Opfer, das Gott als gerecht genug erkennt, um seine Sache derjenigen seines eigenen geopferten Sohnes gleichzustellen!" Professor S. Steinthal. 8. Berlin, 17. März. (?V^rofessor Steinthal ist heute Mittag zur Ruhe gebettet fmjy worden, und die Beerdigung gestaltete fich zu einer großen Trauerkundgebung. Die geräumige, aufs Würdigste geschmückte Leichenhalle erwies sich als viel zu klein, um die große Zahl der Leidtragenden zu fassen, die ein ehrendes Zeugniß für die große Liebe und Werthschätzung ablegte, deren sich der Verstorbene in weitesten Kreisen zu erfreuen hatte. Besonders zahlreich war die Betheiligung aus der Gelehrtenwelt. Die Universttät wurde durch den zeitigen Rektor Geh. Medizinalrath Waldeyer und den Dekan der philosophischen Fakultät Professor Schwartz offiziell vertreten; von der philosophischen Fakultät waren außerdem erschienen die Professoren Weber, Paulsen, Johannes Schmidt, Tobler, Oppert, Richard M. Meyer, von der technischen Hochschule Professor Kalischer. Von der Universität Basel war Herr Professor Joel,von der Universttät Bern Herr Professor Stein anwesend, aus Marburg wohnte Geh.Regierungsrath Professor Cohen, aus Bremen Professor Ach el is der Feier bei. Den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund vertrat Professor Philippson, den von Steinthal mitbegründeten wissenschaftlichen Centralverein und die Humboldt-Akademie Landtagsabgeordneter Dr. Max Hirsch. Das Kuratorium, Lehrerkollegium und die Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums waren vollzählig erschienen, um ihrem verehrten Meister das letzte Geleit zu geben, auch die Lehrkräfte der hiesigen jüdischen Knaben- und Mädchenschulen hatten sich zahlreich eingefunden. Vom Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde waren die Herren Rechtsanwalt Dr. Fuchs, Julius Jacoby und Martin Simon, vom Repräsentantenkollegium die Herren Dr. Minden, Albert Philipp Meyer, Leonhard Sachs, Willibald Löwenthal und Professor Blaschke zugegen. Von den studentischen Korporationen hatte der Akademische Verein für jüdische Litteratur und Geschichte vier Chargirte, welche die Bereinsfahne mit sich führten, entsandt, ebenso war die Vereinigung jüdischer Studirender durch eine Abordnung vertreten. Unter den kostbaren Kranzspenden und Palmenarrangements, die zu Füßen des Sarges niedergelegt waren, fielen besonders auf die der Lehranstalt und.des^Deutsch-Jsraelitifchen Gemeindebundes und das von Professor Paulsen mit der Inschrift „Seinem verehrten Freunde" gespendete letzte Liebeszeichen. Nach einleitendem Gesänge, der von dem Chor der

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