Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228324--55351-3291547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 184 - Aber ein Israelit am Feste denkt nicht nur an sein persönliches Schicksal; ihm erregt die Vergangenheit und die Zukunft seines Stamm es die TiefenjderlSeele; und wenn er die Zeichen des Verfalles sieht, fv zagt er und fürchtet dauernden Niedergang. Gedenke des Auszuges aus Aegypten auch in den Nächten, vergiß nicht, daß Gott auch die Völker führt durch Nacht zum Lichte. Wir können uns der; Wahrnehmung nicht verschließen, daß die Feindschaft gegmjJsrael eine bedenkliche Höhe erreicht hat, und es ist gut, auch in diesem Falle sich nach deni Spruch zu richten: Heil Dem, der ständig fürchtet, ibet auch von etwaigen schlimmen Ausschreitungen nicht überrascht und außer Fassung gebracht wird; denn sie liegen nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit. Noch mehr beklagenswerth sind die Zeichen^der Schwäche im eigenen Lager. Zwar trifft uns auch mancher übertriebene und unbegründete Vorwurf. Aber dennoch begegnen wir täglich schlimmen Beweisen des Verfalls. Der Jude, der seine Religion verachtet, der seine religiöse Gemeinschaft verleugnet, ist eine alltägliche Erscheinung geworden, und die Juden sind eine Minderheit, sie müßten mehr auf sich achten, weil sie selbst mehr beachtet werden. Wir beten am Paffah um Thau für die Saaten. Auch die Gemeinschaft Israels verdorrt, verkümmert, und nur die Erinnerung, was Israel schon erduldet hat, wie viel Feinde von innen und von außen unsere Religion schon überwunden hat, hält uns aufrecht, daß wir zwar zagen, aber nicht verzagen, daß wir hoffen, der Himmelsthau werde auch das schmachtende Israel aufs Neue beleben. „Du, o Gott, bist unser Vater, unser Erlöser heißest Du seit Urbegmv." Vielfach sind der Menschen Feffeln und Qualen. Hier nistet die Sorge oder die Krankheit, dort die Noth und die Trauer. Löse die Feffel, richte auf und befreie. Am religiösen Feste sinnen und sorgen wir um die Zukunft Israels und erbitten, daß die Feindschaft schwinde, daß vor allem in unserer Mitte lebendig werde der Geist der Eintracht und des Friedens, der Geist der Erkenntniß und der Liebe, daß jeder Israelit opferfreudig einstehe für seinen Glauben, und wir aufhören, der Spott unserer Widersacher zu sein. Wir beten für unser Vaterland, für unfern Fürsten, der freien Geistes über sein Reich waltet, daß er fort und fort seinem Volke ein Erlöser sei von Vorurtheilen, von Aberglauben, von herzenserkältender Selbstsucht. Wie die Pflanze den Thau ersehnt, so dürstet unsere Seele nach Deiner Gnade. Wir zagen, aber wir verzagen nicht; denn Du, o Gott, bist unser Vater, unser Erlöser heißest Du seit Urbeginn. Berlin, 22. März. n der sechsten Kommission des Reichstags, die die Novelle zur Strafprozeßordnung zu berathenhat, hatte der freikonservative Abgeordnete Graf Bernstorff den Antrag eingebracht, daß dem Schwörenden zu gestatten sei, der Eidesformel eine seinem GlaubenSbekenntniß entsprechende Bekräftigung hinzuzufügen. Dieser Antrag ist in beiden Lesungen abgelehnt worden, und wir freuen uns im Jntereffe der Parität wie der Kultur aufrichtig dieses Resultats. Der Eid muß Jedem heilig sein, und wenn man erst einen konfessionellen Zusatz gestattet, so wird in dem Mindergebildeten der Glaube erweckt, daß die vorgeschriebene Eidesformel an sich kein ausreichender Schwur im Sinne der Religion sei. Durch die Ablehnung des Antrages im Reichstag selbst wird aber auch vielen gegnerischen Angriffen gegen jüdische Richter die Spitze abgebrochen. *> Wahrhaft skandalöse Verhältnisse scheinen doch noch in manchen kleinen Gemeinden des Ostens zu herrschen. So wird uns der Bericht eines konservativen ostpreußischen Blattes, der „Pr. Eylauer Zeitung", in diesen Tagen zugeschickt, die am 2. d. M. aus Landsberg a. Pr. über folgenden, nicht nur die jüdischen Beamten, sondern auch das ganze Judenthum peinlich berührenden Fall referirt: „Landsberg, 26. Februar. Euch ist nichts heilig!" kann man mit Recht den beiden Juden zurufen, welche ihrem gegen einander lang gehegten Haß durch eine Prügelei in ihrer Synagoge Lust zu machen suchten. Heute früh ertönten von dort aus, woselbst die Judengemeinde eben ihre Andacht verrichtet hatte, plötzlich Hilferufe. Ein alter Jude war mit seinem Lehrer und Borbeter in Streit gerathen, worauf sich dieselben bearbeiteten, so daß Einer zwei Zähne verlor. Die Sache ist zur Anzeige gebracht und wird ein gerichtliches Nachspiel haben." Schon an dem in ziemlich antisemitischer Färbung gehaltenen Bericht dieses peinlichen Vorfalls ersieht man, welch freudigen Genuß es unseren Gegnern bereitet, solche Vorkommniffe der Oeffentlichkeit wiedergeben zu können. Die Furcht vor dem Chillul Haschem sollte doch schon allein genügen, um derartige Vorkommniffe unmöglich zu machen. £ Ein rechtes Seitenstück zur Dreyfus-Affäre wird aus O est e r r e i ch berichtet. Die schwarze Internationale an der Donau arbeitet geschickter, vorsichtiger und schlauer als die an der Seine. Wir haben schon wiederholt von der Sensationsaffäre eines Wiener Gemeinderaths erzählt, die jüngst im Schwurgerichtssaal ihr Ende gefunden. Die „Nation" weiß nun darüber folgende intereffante Mittheilungen zu machen: „Ein Matador der Christlich-Sozialen, der mit frommem Augenniederschlag immer für Gottesfurcht, Zucht und ehrbare Sitte schwärmte, wurde eines flotten Lebenswandels beschuldigt. Ein junger Journalist, mit großem Spürtalent ausgerüstet, ging der Sache nach, und auf den nicht immer ganz reinlichen Wegen entdeckte er zwar nichts Ueberraschendes, aber viel Interessantes und Bemerkenswerthes. Er schrieb die Abenteuer des christtich-sozialen Matadors, und die Folge war ein Preßprozeß, welchen der stamme Ehrenmann — nennen wir ihn Herr 36 — gegen ihn anstrengte. Herr 36 hatte den schlechten Geschmack, seine schmutzige Wäsche im Gerichtssaale zu waschen. Der Journalist wurde zwar verurtheilt, aber Herr 36 ging nicht ganz rein aus der Sache hervor. DaS Berdikt ist gesprochen, der Journalist wird seine Strafe vorausfichtlich abbüßen, und zurück bleibt die Erinnerung an die fittengeschichtlichen Erscheinungen des Prozesses. Ein Zufall will es, daß ein engerer Kreis aber auch dahinter gekommen ist, wie der Prozeß vorbereitet wurde. Es ist zweifellos ein gutes Recht jeder Prozeßpartei, von ihrem Standpunkt den Prozeß so genau und so sorgfältig, wie es ihr nur möglich ist, vorzubereiten; Herr 36 aber hat des Guten zu viel gethan, «r hat die Geschworenen für seinen Prozeß sozusagen direkt ernannt. Wie dies möglich war? Um dies zu erklären, müssen wir die Bestimmungen über die Bildung der Geschworenenlisten kurz rekapituliren. Pie Grundlage der Geschworenenliste bildet die Urliste, aus dieser wird die Jahresliste zusammengestellt, und aus der Jahresliste wird die Dienstliste ausgeloost. Die Berfaffung der Urliste erfolgt durch die Gemeinde, die Jahreslifie wird von einer Gerichtskommisston unter Zuziehung von Vertrauensmännern angefertigt. In früheren Jahren besorgte die Berfaffung der Urliste irgend ein bescheidener Magistratsbeamter, es fiel Niemandem ein, darin ein politisches Machtmittel zu suchen. Erst in der christlich-sozialen Aera, als einige Preßprozesse zu Ungunsten der herrschenden Partei ausschlugen, kam ein erfindungsreicher Kopf darauf, daß die Gemeinde mit der Berfaffung der Urliste das Mittel in der Hand habe, verläßliche Geschworene zu bestellen. Man legte die Sache in die Hände des Herrn 36, der große Personenkenntniß besitzt und insbesondere alle Anhänger der Christlich-Sozialen kennt. Herr 36 ging ans Werk, mit um so größerem Eifer, als die Eventualität des nun durchgeführten Prozesses seit anderthalb Jahren ihm vor Augen stand. Er verfaßte die Urliste und ließ ste unter seiner Einflußnahme