Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63; Jahrgang. Ar. 12. Serlin, 24. Mär; 1899. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. -Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahrs. 3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Zum Passahfcfte. — Die Woche. - Professor H. Steintkial. — Jüdische Asyle. — Jüdische Arbeitsstätten. — Der Jude als Schüler. Von Dr. Fritz Horn. — Sabbathheiligung und Sonntaasruhe. Von RechtsanwaltDr. M ax Geiger in Frankfurt a.M. — Heinrich Heine und der Hamburger Tempel. — Feuilleton r Die Rose von Saron. XXXVIII. — Frühlingsfabel. Von Nahida Ruth Lazarus. — Am Sederabend. Von Gustav Jacobsohn. Der Gemeindebote. Korrespondenten und Nachrichten: Berlin, Magdeburg, Leipzig, Hildburghausen, München, Wien. — Bon Rah und Fern. Zum Passahfeste. Berlin, 22. März. ßjJSlei verständige uub sittlich gerichtete Mensch zagt immer und verzagt nie. Ja. der weise Spruchdichter hält in gewissem Sinne das Zagen für eine Bedingung des Glückes und. lehrt den Spruch: Heil dem Menschen, der ständig fürchtet, der sich auf den Höhen der Freude und des Erfolges dessen bewußt bleibt, daß alles menschliche Glück ein schwankes, schwaches, gebrechliches Rohr, daß es keinen Unglücklicheren giebt als Den, der auf sein Glück baut, der auf seinen Stern vertraut. Das ist die tiefste Tragik der großen geschichtlichen Persönlichkeiten, sie gehen zu Grunde an ihrem Glück. Weil sie Großes erreicht haben, steigert sich ihr Wagemuth bis zur Tollkühnheit, streben sie ins Ungeheure und stürzen dann jäh in den Abgrund. Die Arbeit des Landmannes ist auch deswegen so gesegnet, weil sie uns am besten dazu leitet, Mißtrauen zu hegen in den Erfolg unserer Mühen; er sieht es am deutlichsten, wie der Mensch gebunden ist an die Natur, und wie in Minuten zerstört wird, was in Monaten sich entfaltet hat. Und wiederum begegnet es ihm, daß oft gegen alles Erwarten die Saat sich in allen Stürmen und Schauern behauptet und zur Reise kommt! Heil Dem, der ständig fürchtet, denn er ist stets gerüstet, er ist stets auf Abwehr bedacht, er wird von der Gefahr nicht überrascht und ist darum weit mehr befähigt, diese Gefahr entweder zu bannen oder, wenn es sein muß, sie zu ertragen. Nicht zum wenigsten ist der Auszug aus Aegypten auch eine Mahnung für jeden Einzelnen, sein persönliches Geschick besonnen zll erwägen. Wir lesen von Jahr zu Jahr in der Hagadah: „Gedenke des Tages, da du aus Aegypten gezogen bist, alle Tage deines Lebens." Alle Tage, das sind die lichten Zeilen des Glückes, ebenso wie die nächtig dunklen Zeiten der Noth. Dieser Auszug aus Aegypten ist ein erbauliches Gleichniß dasür, daß, wie in der Natur der Tag der Nacht, der Frühling dem Winter folgt, so auch im Schicksal der Völker wie der Einzelnen Gott aus Noth und Trübsal hinausführt und sich den Gefesselten als Erlöser offenbart, ü Jahrhunderte hindurch seufztejJsrael in Aegypten; sein Geschick schien besiegelt;~wu sollte sich einZAusweg finden aus diesem mehr noch durch die Priesterklugheit als durch die Natur überall verschlossenen Aegypterland! Jahrhunderte des Druckes, der mit voller Absicht darauf hinarbeitete, nicht nur die Sklaven auszunutzen, sondern auch jede höhere Empfindung in ihnen zu zerstören; und wenn nun dennoch diese Sklaven die Feffeln brechen und empfänglich werden für Freiheit und Wahrheit, ist das nicht ein Wunder, wie wenn Gott aus dem Felsen die ströniende Fluth entlockt? So Einer unter uns im Uebermuth des Glückes verwegen, ausruft: ich habe mein Dasein gestaltet, wer ist der Gott, auf dessen Stimme ich horchen soll, so soll er an Mizraim denken, wie Pharao ein Opfer geworden des göttlichen Strafgerichts, und wen die Sorge quält, wer angstvoll es spürt, daß seine Kraft ermattet, daß die Krankheit Macht gewinnt über seinen siechen Körper, daß die Schwäche des Alters vorzeitig ihn überfällt, oder wer in Jünglingsjahren von Siechthum gelähmt ist, wem ein ernstes und eifriges Streben keine Frucht bringt, wer die Schatten der Sorge, des Mangels nicht bannen kann, wem die Verführung naht, daß er durch den Pakt mit der Sünde Gold und Gut gewinne, sie alle sollen in diesen düsteren, lichtlosen Nächten au den Auszug aus Aegypten denken und von der Hoffnung nicht lassen, daß Gott die Gefesselten hinausführt. Vergeffen wir doch nicht, daß jedes Leid, welches wir erfahren, seine tiefste Bedeutung hat im Plane der göttlichen Erziehung. Es ist ein weises Wort: Zart Gedicht, wie Regenbogen, wird nur üuf dunklen Grund gezogen. Wie der Regenbogen mit seinem wunderbaren Farbenspiel nur möglich ist, wenn dunkles Gewölk den Himmel bedeckt, so sprießen die edleren und tieferen Empfindungen, die Einsicht in des Lebens Werth und Unwerth, aus bent Leide, aus der^ Bitterniß, aus der Trauer. Der Dichter sagt von sich, daß ihm die besten Gedanken in den Tagen kamen, an welchen es ihm am schlechtesten zu Muthe war, daß die zarten Lieder auf dunklem Grunde in den schönsten und mannigfachsten Farben anfleuchten. Jeder Einzelne von uns spürt deutlich den Segen der Noth. Der Schmerz ist gleichsam der Schlüssel, der den Schrein unseres Herzens öffnet, daß wir uns selbst erkennen, daß wir die Welt erkennen, daß wir erfahre», welche Schätze auf dem Grunde unserer Seele ruhen. Die Sorge stählt und schärft den Geist, spornt die Kraft, weckt die Talente, daß wir uns erst recht dessen bewußt werden, was. wir vermögen. Die Trauer packt die Seele, sie bannt den Hochmuth, und indem sie uns die Vergänglichkeit alles Irdischen meldet, lehrt sie uns das Ewige zu pflegen. Es ist wahrlich kein geringer Segen, über den Auszug aus Aegypten auch in den Nächten zu sinnen, zu erkennen, daß Noth selbst uns zum Heile werden kann, und sodann sich zu stärken in der Zuversicht, daß Gott hinaussührt, und sei änch der Kerker so groß und so fest wie Aegypten selbst.