Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1899)
- Date
- 1899-03-17
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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— «s Veranstaltung außerhalb der Synagoge Abstand genommen worden; nur ein gemeinsames Frühstück versammelte die Gemeindemitglieder, die Vertreter und Rabbiner unserer Schwestergemeinden, welche die Glückwünsche derselben überbrachten, im Saale des Tivoli. 8. Bocholt i. W., 12. März. Der Hilfsverein Esraß K'fusim mit dem Sitz in Bocholt wurde im Jahre 1890 von Herrn Lehrer Spier gegründet, und zwar zu dem Zwecke, mittellose oder in ihren Vermögensverhältnissen zurückgegangene Glaubensgenossen wieder erwerbsfähig zu machen und zu erhalten. Dies wird erreicht durch Gewährung zinsfreier Darlehen und durch Bürgschaft oder Kautionsstellung seitens des Vereins. Wie sehr dieser Zweck verstanden und von den Glaubensgenossen der Umgegend gewürdigt wird, zeigt der vorliegende Rechenschaftsbericht (1898). Nach demselben betrugen die Einnahmen im verflossenen Jahre 3271,22 M., die Ausgaben 3043.20 M, das Vereinsvermögen dagegen 12 562,43 M. Während der verhältnißmäßig kurzen Zeit feines Bestehens wurden im Ganzen 37 Personen mit zusammen 14500 M. unterstützt, von welcher Summe wiederum 7234 M. zurückgezahlt wurden, ein Beweis, daß die Unterstützungen die gewünschte Hilfe gebracht haben. Die Mitgliederzahl beträgt jetzt insgesammt 260 zahlende Personen. Die statutengemäß alljährlich stattfindende Vorstandsfitzung und Generalversammlung tagte in diesem Jahre in Wesel. Der eifrige Begründer des Vereins, Lehrer a. D. Spier, begrüßte die erschienenen Vorstands- und Vereinsmitglieder mit herzlichen Worten des Dankes für das dem Verein bewiesene Interesse, zugleich bittend, auch ferner in Bekannten- und Freundeskreisen für den Verein agitiren und wirken zu wollen. Ferner wurde geplant, die nicht aufgebrauchten, aber zu Unterstützungen bestimmten Gelder zu anderen wohlthätigen Zwecken zu verwenden. Dieser Plan fand allseitig lebhafte Zustimmung, und soll Näheres darüber von einer sofort gewählten Kommisfion der nächstjährigen Generalversammlung zur weiteren Berathung unterbreitet werden. o Düsseldorf, 10. März. Wie bisher, so veranstalteten auch in diesem Jahre die Lehrlinge des Vereins zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden eine Purim-Feier, die wegen des dazu verwandten Fleißes seitens der Zöglinge und seitens der Damen Frau und Frl. Liebermann, die fich der nicht geringen Mühe des Einstudirens unterzogen, wohl verdient, weiteren Kreisen bekannt gegeben zu werden. Der große Saal des „Katholischen Bereinshauses" war dicht besetzt; denn es waren nicht allein die Mitglieder und Freunde des genannten Vereins, sondern auch christliche Meister und deren Angehörige recht zahlreich erschienen. Das Fest wurde durch einen hübschen Prolog cingeleitet, der mit einem Hoch auf Kaiser Wilhelm schloß, in das die Anwesenden begeistert einstimmten. Dann folgten die Aufführungen „Singvögelchen", „Die sechs Tiroler" und „Zu Befehl, Herr Leutnant", welche so flott und exakt gespielt wurden, daß sie den lebhaftesten Beifall aller Zuschauer hervorriefen, die bei Muflk Tanz und komischen Vorträgen in animirtester Stimmung bis spät in die Nacht hinein beisammen blieben. Herr Kantor und Lehrer Fraenkel sprach im Namen der Anwesenden den Veranstaltern des wohlgelungenen Festes seinen Dank aus, worin er darauf hinwies, daß die zahlreiche Betheiligung gerade an dieser Feier beweise, wie hoch man das Handwerk schätze, das bei unseren Vorfahren in so hohem Ansehen stand, daß die jüdischen Handwerkerlehrlinge, die fich heute nach jeder Richtung hin in ihrem besten Lichte gezeigt, und die Bestrebungen des Vereins die Unterstützung, zu der jeder Israelit nach Kräften beisteuern sollte, mit Recht verdienen, und daß Frau und Frl. Liebermann, die im Internat für das körperliche Wohl der Zöglinge sorgen, sich auch um das geistige derselben durch derartige Aufführungen verdient machen. Herr Fraenkel schloß mit einem recht beifällig aufgenommenen Hoch auf Familie Liebermann und die Handwerkerlehrlinge. — In der letzten Repräsentanten- Sitzung der jüdischen Gemeinde wurde definitiv beschlossen, das dem Militärfiskus gehörige Terrain, westlich der Kasernenstraße, zu dem geforderten Preise von 254100 Mark zwecks Erbauung einer neuen Synagoge käuflich zu erwerben. A Köln, 10. März. Ein langer Trauerzug bewegte sich gestern von hier nach dem israelitischen Friedhofe zu Deutz. Es galt, die irdische Hülle des nach langem Leiden im 58. Lebensjahre verstorbenen Herrn Geh. Sanitätsraths Dr. Julius Samelsohn zur letzten Ruhestätte zu begleiten. Der Dahingeschiedene war als Augenarzt in 'weitesten Kreisen bekannt und hochgeschäht. Er war es, der vor 12 Jahren die hiesige Augenbeilanftalt für Arme ins Leben rief und als deren Oberarzt diesem Wohlthätigkeits-Jnstitute Vorstand; seiner opferfähigen Thätigkeit war das Emporblühen dieser Anstalt zuzuschreiben, und Tausende verdanken seiner vielerprobten und geschickten Hand im Dienste der leidenden Menschheit das wiedererlangte Augenlicht. Auch gehörte er zum Vorstand der Rhein. Blindenanstalt und war Mitglied des „Allgemeinen ärztlichen Vereins". Welch hohen Ansehens fich der so früh in der Vollkraft seines Lebens Abberufene erfreute, geht schon daraus hervor, daß außer dem zahlreichen Gefolge der hiesigen jüdischen Gemeindemitglieder auch der Oberregierungsrath Fink, mehrere Beigeordnete und Stadtverordnete, die Oberärzte Geh. Sanitätsrath Professor Dr. Bardenheuer und Prof. Dr. Leichtenttern, der Regierungs- und Medizinalrath Dr. Telke, Vorstandsmitglieder der Blindenwerkstätte und der Aerztevereine dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen. 8. Grünstadt, 10. März. Einer der angesehensten Bürger unserer Stadt, Herr Simon Nahm, ist am 2. d. M. im Alter von 69 Jahren infolge eines schweren Unterleibsleidens aus dem Leben geschieden. Was der Verblichene für die hiesige israelitische Kultusgemeinde, der er als Synagogenvorstand schon seit dem Jahre 1877 Vorstand, gewesen, bringen die vielfachen Nachrufe der Borstandschaft der israelitischen Gemeinde zum Ausdruck. Aber auch im weiteren bürgerlichen Gemeinwesen unserer Stadt war er ein eifrig ihätiges Glied, indem ihn das Vertrauen seiner Mitbürger schon im Jahre 1875 in den Stadtrath berief, in welchem er seitdem an allen äußeren und inneren Angelegenheiten unserer Stadtgemeinde den ersprießlichsten Antheil nahm, und in welchem ihm, wie auch in den weiteren Kreisen der Bürgerschaft, sicher noch auf lange Zeit ein treues Andenken bewahrt werden wird. Das Leichenbegängnis, das vorigen Sonntag stattfand, und dem sich sämmtliche Mitglieder des Stadtraths — an deren Spitze der Bürgermeister — anschloffen, gestaltete fich zu einer imposanten Trauerkundgebung. In beredten Worten gab Bezirksrabbiner Dr. Salvendi-Dürkheim der Trauer der Familie und der jüdischen Gemeinde tiefempfundenen Ausdruck, während Lehrer Freudenthal hier dem langjährigen Präsidenten der israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten und treuen Freunde warme Worte der Anerkennung und des Dankes weihte. Sein Andenken wird ein gesegnetes bleiben! Crsterreich - Ungarn. □ Wien, 13. März. Vor einigen Tagen hat hier eine Verhandlung stattgefunden, der eine Beschwerde des Gemeinderathes Brunner zu Grunde lag und über den Beschluß des Gemeinderathes handelte, für einen Kirchenbau in Breitensee 30000 fl. als Subvention zu bewilligen. Seither hat der Gemeinderath beschlossen, den Betrag von zwei Millionen für Kirchenbauten zu votiren. Die Beschwerde des Gemeinderathes Brnnner hob hervor, daß es nicht angehe, die Steuergelder Andersgläubiger zu Gunsten eines Kultuszweckes zu verwenden, umsomehr als der derzeitige Gemeinderath anderen Ortes wieder so rasch beim Entziehen der Subventionen vorgehe; so Volksbildungsverein, freiwillige Rettungsgesellschaft, Arbeiterkrankenkaffe (der u. a. das „Deutsche Bolksblatt" einer Verleumdung wegen Abbitte leisten mußte) Die Beschwerde Brunner's wurde vom Verwaltungsgerichtshofe anerkannt und der Gemeinderathsbeschluß annuüirt. — Der Bürgermeister von Wölkersdorf, Dr. Alfred Hödl, ein Hauptagitator der antisemitischen Partei, ist nach Verübung von Malversationen, Unterschlagung von ihm anvertrauten Geldern (100000 fl.) flüchtig geworden. Der biedere Antisemit hat das Geld in der leichtfertigsten Weise und in lockerer Gesellschaft verpraßt. — Das Landesgericht hat über das Vermögen des Schlossermeisters Josef Tischler den Konkurs verhängt. Tischler ist von der antisemitischen Partei in den Gemeinderath gewählt worden und dürfte wohl jetzt genöthigt sein, sein Mandat niederzulegen, es sei denn, es vertrüge sich mit der Ehre der Partei, derselben anch als Cridatar anzugehören; das mag wohl sein, denn diese Partei hat eben ganz verschiedene Ehrbegriffe für sich und Andere erfunden. Und trotz alledem und alledem wacht der „dumme Kerl" von Wien noch immer nicht aus! — Frau Baronin Hirsch hat der Präsidentin des Vereins „Ferienheim", Frau Sophie Grünfeld, unter Worten der Anerkennung für die so energische und umsichtige Leitung des Vereins den Betrag von 40000 Gulden übermittelt. — In Lemberg hat der Schwurgerichts- Prozeß, der in den letzten Tagen zwischen Pater Stolajowski und