Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1899)
- Date
- 1899-03-17
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228323--55348-3291543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 dem Herausgeber deS „Dziennik Polski", Dr. Ostaszewski-Baranski, zur Austragung gelangte, mit einer vernichtenden Niederlage für den Ersteren geendet. Die Geschworenen haben in ihrem Verdikt erklärt, daß der Angeklagte für die von ihm gegen Pater Stolajowski erhobenen Beschuldigungen den Wahrheitsbeweis erbracht habe. Und welch schwere Beschuldigungen waren dies! Der antisemitische Agitator hat sich dadurch einfach als Landesverräther entpuppt! — Baronin Clara Hirsch- Gereuth hatte nach dem Tode ihres Gatten, da sie kinderlos war, zwei Brüder Namens Armand und Raimund de Forest-Bifchofsheim, die amerikanischer Abkunft sind, adoptirt. Wie wir nun erfahren, hat der Kaiser auf Ansuchen der Baronin Clara Hirsch ihren beiden Adoptiv-, söhnen den Freiherrnstand verliehen. Der ältere der Brüder zählt 21, der jüngere 18 Jahre. Es heißt, daß der ältere Sohn seinen Wohnsitz in Oesterreich nehmen und die mährischen Güter der Baronin Hirsch über-- nehmen werde. j Frankreich. Paris, 14. März. Heute wurde hier eine Frau zu Grabe ge-? tragen, deren Name, Coralie Cahen, nach dem deutsch-französischen Kriege oft und rühmlich erwähnt wurde. Während des Krieges war sie auf den Schlachtfeldern und pflegte die Verwundeten mit solcher Hin-' gebung und Treue, daß die Kaiserin Augusta ihr später selbst das rothe^ Kreuz der Genfer Konvention, das sie getragen hatte, einhändigte. Es? war dies, als Frau Cahen, welche über bedeutende eigene Mittel ver-? fügte, nach dem Kriege die französischen Kriegsgefangenen überall in den. deutschen Städten, Hospirälern und Festungen aufsuchte, keine Mühsal und kein Opfer scheute, sich bei den Behörden für sie verwandte und die Gemahlin Kaiser Wilhelms die tapfere Französin zu sehen wünschte Bon dem Kriegsminifter de Freycinet wurde Frau Coralie Cahen vor zehn Jahren das Kreuz der Ehrenlegion verliehen. Daher geleitete eine Abtheilung Infanterie ihre Hülle nach dem Friedhofe Montmartre, wo der Großrabbiner Zadock Kahn am Grabe die Trauerrede hielt. Im Leichengesolge war der Kriegsminister durch den Hauptmann de Forgemole vertreten und schritten Delegirte mehrerer Kriegervereine. Die Notabilitäten der jüdischen Gemeinde waren ebenfalls sehr zahlreich erschienen. Die Erinnerung an die ausgezeichnete Frau wird hier fort# leben! Großbritannien. 6. London, 12. März. Das Ereigniß der letzten Woche ist das große Festbanket, das im Troeadero-Restaurant am 8. März zum Besten des Fonds für Religionsunterricht stattfand. Der Oberrabbiner selbst prästdirte, und die Spitzen der jüdischen Gemeinde waren anwesend. Der Präsident hielt den großen Toast auf die Königin und die Mitglieder des königlichen Hauses, nach ihm toastete Baron Leopold v. Rothschild auf das Parlament, worauf Mr.B.L. Cohen als Mitglied des Unterhauses dankte. Dann erhob sich abermals der Oberrabbiner, diesmal zu der eigentlichen Festrede des Abends, um die Verdienste des Komitees für religiöse Erziehung zu schildern, dessen Nothwendigkeit zu betonen und weitere Unterstützung für es zu erbitten. Nicht weniges als 5200 Schüler und Schülerinnen aus den Londoner Gemeindeschulep empfangen in den vom Komitee geschaffenen und erhaltenen Klaffen den Religionsunterricht, den sie entbehren müßten, wenn dem Komitee die Mittel ausgehen würden. Für weitere 4000 Kinder muß aber em solcher Unterricht noch eingerichtet werden, so groß ist das Bedürfniß. An dieser Rede, die, glänzend vorgetragen, stürmischen Beifall entfesselte, schloß sich die Sammlung an, die das schöne Resultat von 160 000 Mark ergab, genug, um das Defizit zu decken und zusammen mit den regelmäßigen Einnahmen das Komitee auf drei Jahre mit den nöthigen Fonds zu versehen. Begreiflich genug, daß die Verkündigung dieses Resultats mit großem Enthusiasmus ausgenommen wurde. Im Ganzen nahm das Festbanket einen so glänzenden Verlauf, daß selbst die hochgespannten Forderungen der Arrangeure übertroffen wurden. — Neben diesem Fest gehört , das allgemeine Interesse dem soeben erschienenen 10. Jahresbericht des Loarä ok OuaräLans, der leider weniger günstig lautet als im Vorjahre. Die Zahl der Fälle) in denen Hilfeleistungen sich als nothwendig erwiesen, stieg von 4286 im Vorjahr auf 4462, wobei 16 241 Personen betheiliK wurden. Infolge der milderen Temperatur und der etwas gebesserten Arbeitsverhältnisse sank allerdings die Summe der gezahlten UnteA stützungen ein wenig. Immerhin hatte der öoarci ok OuaräLan eine Gesammtausgabe von ea. 880 000 Mark und leider auch ein Defizit von 36 000 Mark. Sehr günstig waren die Resultate der Stellenvermittelung, der Darlehnsabtheilung und der Lehrlingsschulen. Es werden aber doch durchgreifende Schritte nöthig werden, um dem ständigen Defizit ein Ende zu bereiten. Amerika. s. Netv-Aork, im März. Eines der größten Institute, welche die amerikanisch-jüdische Wohlthätigkeit unterhält,ist das Krankenhaus Mount Sinai. Es wurden dort verpflegt im Rechnungsjahr 1898 im Ganzen 3287 Kranke, davon als geheilt entlassen 1930, als gebessert 632, unheilbar 192, anderen Anstalten überwiesen 3, gestorben 325 und noch im Hause 205, und zwar 120 männlichen, 65 weiblichen Geschlechtes 2516 Patienten waren frei, nur 566 zahlten auch meist nur eine geringe Entschädigung. In der Poliklinik wurden 92 720 Konsultationen ertheilt und 82 371 Rezepte angefertigt. Die Gefammtausgaben beliefen sich auf ca. 525000 Mark. Man geht jetzt daran, ein neues Gebäude zu errichten, welches ca. 4^ Millionen Mark kosten wird. Bon dieser Summe haben die Direktoren innerhalb eines Monats mehr als die Hälfte gesammelt, ca. 2^ Millionen, und man hofft, bald auch den Rest zusammen zu haben. Von Nah und Fern. ----- Am 14. d. M. ist hier der Seniorchef der großen Produktenfirma Simon Böhm, Herr Gustav Böhm, ein angesehener und wohlthätiger Mann, im 58 Lebensjahre gestorben. — Das Ostern- Flugblatt des Sedlatzek'schen „Deutsch. Generalanz." ist im Aufträge der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden. — Wie ein Telegramm aus Breslau meldetest dort der Kaufmann E. Breslauer, der Begründer der großen gleichnamigen Damenkonfektionsfirma, der bedeutendsten im Osten der Monarchie, gestorben. — In Magdeburg ist am 9. der Kaufmann Philipp Rosenheim im 66. Lebensjahre gestorben. Derselbe war lange Jahre Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde. — Der taubstummen Jeanette Cohn in Crone a. Br. ist vom Kaiser eine Nähmaschine geschenkt worden, welche der Empfängerin direkt zuging. — Die „Bayr. Volkswacht" des Antisemiten W. Scheidler in München ist am 4. März entschlafen. — Mit Beginn des nächsten Schuljahres wird die Rabbiner-Borbereitungsschule in Colmar, die bis dahin unter der Leitung des Herrn Dr. Z. Wolf stand, auf Beschluß des Konsistoriums eingehen. Das Gebäude des vom Budapest er jüdischen Frauenverein unterhaltenen jüdischen Mädchenwaisenhauses hat fich als zu klein erwiesen. Infolgedessen wurde beschlossen, das Gebäude zu verkaufen und ein großes Waisenhaus, verbunden mit der geplanten Lehrerinnen-Präparandie, zu erbauen. Frau Baronin Hirsch hat fich bereit erklärt, sämmtliche Mehrkosten aus Eigenem zu decken und die nöthige Summe — ungefähr eine halbe Million Kronen — sofort zur Verfügung zu stellen. — Der Ingenieur Georgio Lewy, Generalkonsul in Rom, hat dem Hospital für arme Kinder 50000 Lire für einen Erweiterungsbau geschenkt sowie 25000 Lire dem Asyl des heiligen Joseph für verlassene Kinder. Der König von Italien hat dem Wohlthäter nach eigenem Entschluß dem Titel eines Baron von Trezze verliehen. — In Zürich versuchte der Thierschutzverein auch das Schächten des Geflügels zu hintertreiben, indem er die Bestrafung der Schächter durch polizeiliche Bußen erwirkte. Das Obergericht schlug die Bußen nieder und erklärte das Geflügelschächten für erlaubt. — Major Mattem Nathan in London ist von der Königin zum Gouverneur von Sierra Leone ernannt worden. Er hat in der Kolonie schon wiederholentlich gestanden, unter anderem auch 1886—1887 die Befestigungsarbeiten dort geleitet. Nathan hat eine glänzende Karriere hinter fich, da er erst 37 Jahr alt ist. — Auf der Universität Cambridge hat in diesem Jahr ein Jude, der Baron Garton de M enasee, die Meisterschaft im Fechten erkämpft. Er wird damit auch der Champion dieser Universität in ihrem diesjährigen Wettstreit mit Oxford sein. — Die Kronrabbinerwahlen in Charkow und Kiew sind von der Regierung annullirt worden. In Charkow wurde an Stelle des Dr. Kohan-Bernstein ein Herr Sachain bestätigt; in Kiew hat eine Neuwahl stattzufinden. Druck und Verlag von Rudolf Mo sie in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.