Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1899)
- Date
- 1899-03-17
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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424 - MMWKM Vertreter, wohlhabende Leute, sind unserer Noth gegenüber ganz uiw empfindlich. Wir find keine Bettler, wir wollen Arbeit und scheuen gar keine Arbeit, um uns ehrlich Brod zu verdienen. Die Verzweiflung treitt uns in die Welt hinaus, da wir nicht mehr das Geschrei unserer Kindex hören können, die nach Brod rufen, ohne daß wir es ihnen geben. Wir haben nichts mehr zu verkaufen oder zu verpfänden, stehlen oder rauben können wir nicht, und so suchen wir Arbeit und noch einmal Arbeit. Diese bekommen wir von den Christen in Boryslaw nicht, denn diese beschäftigen blos Christen. Wohin sollen wir uns also wenden, wem sollen wir unser Leid klagen und von wem Hilfe erbitten? . . . , In der Welt giebt es noch Juden mit menschlichem Empfinden, und sie mögen uns helfen; wir bitten und schreien um ihre Hilfe!" * Ein Vergleich zwischen den jüdischen Verhältniffen in England und den unsrigen würde heute leider in keiner Beziehung zu Gunsten der letzteren ausfallen. Der Bericht aus London in unserer heutigen Nummer giebt uns Veranlassung, diese Dinge zu berühren. Bei einem Festessen werden in London hundertsechzigtausend Mark für jüdischen Religionsunterricht gespendet! Wir schämen uns, zu sagen, wie viel der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" trotz jahrelanger unaufhörlicher Bemühungen in ganz Deutschland für dm gleichen Zweck erlangt hat. ... Freilich, man muß nur die Liste der Theilnehmer an jenem Festbanket durchsehen, um alles zu begreifen. Da fehlt keine der alten und angesehenen Familien des Adels, der baute finance, da finden wir die angesehensten Parlamentarier, Männer der Wissenschaft, Schriftsteller, Kaufleute u. s. w. Bei uns würde ein solcher Versuch ein schmähliches Fiasko erleben. Aber es ist gut, wenn man gewisse Dinge inimer und immer wiederholt und derartige Schäden bloßlegt, anstatt sie feige zu verhüllen. * Daß die antisemitische Presse den Tod Felix Faures nicht unbenützt vorübergehen lasten werde, war vorauszusehen. In der That haben nun diese Biedermänner die alten Lügen wieder aus ihrer Rumpelkammer vorgeholt. So schreibt das „Deutsche Schwert" — Ahlwardt ist bekanntlich Spezialist auf dem Gebiete der durch Juden ausgeführten geheimen Morde —: „Der Tod des Präfidenten erfolgte unter so eigenthümlichen Umständen und unter so bedenklichen Vorzeichen, daß die gesammte Macht der Judenpresse dazu gehört, den geheimnißvollen Todesfall der öffentlichen Erörterung zu entziehen. Die gesammten Krankheitserscheinungen, die dem Tode Felix Faures voraufgingen, find solche, die bei einem Gehirnschlag niemals Vorkommen, wohl aber bei Vergiftungen mit einem bestimmten Gifte, das aus einer Mischung von Blausäure und Leichengift hergestellt ist, unbedingt eintreten. Dieses Giftes, aqua toffana, bediente sich bekanntlich Papst Alexander VI. aus dem Hause der Borgia, um seine Gegner oder solche reiche Leute, die er beerben wollte, aus dem Wege zu räumen. Der Tod tritt niemals sofort ein, sondern, je nach der Menge des GifteS, erst nach drei oder mehr Tagen. Die Borerscheinungen waren aber genau so wie die beim Tode Felix Faures. Vor allen Dingen charakteristisch war die Mattigkeit in den Beinen, dies war in Rom unter Alexander VI. so bekannt, daß die Frage: „Wirst Du auch etwa matt in den Beinen?" von Jedermann sofort verstanden wurde." Natürlich fehlt auch die alte Fabel nicht, daß ein Telegramm, das den Tod berichtet, schon — Ahlwardt sagt: einen Tag — vorher aufgegeben worden war. Dr. Sigls „Vaterland" ist nicht minder erfinderisch. Es sagt, das Telegranim sei von jüdischer Seite 6 Stunden vor dem Tode des Präsidenten Faure abgeschickt worben. In diesem wurde die erfolgte Demission Faures gemeldet und die Wahl Loubets als gesichert bezeichtiet. Der Absender des Telegramms vor dem Tode Faures mußte demnach wiffen, daß Faure demissioniren oder — sterben werde. Wer hat ihm das Gift beigebracht? Sonderbar, daß kein Mensch je das Telegramm gesehen hat! Auch der russische Kaiser-Nikolaus II. ist Gegenstand geheimnißvoller Andeutungen der Antisemiten. Ein paar Zeitungen hatten erzählt, daß er leidend sei. Flugs schreibt die „Deutsche Reform": „Sollte auch der jetzige Kaiser der Rüsten wieder jüdische Leibärzte haben? Leute, die „planmäßig" arbeiten?" Wir fragen anders: Sollten die Schreiber solcher Artikel noch geistig normal sein? * Die Antisemiten in Algier haben einen neuen Schlag erlitten. Die Wahl Thomsons in Bone, die auf ihr Betreiben angefochten worden war, ist nach eingehender Untersuchung durch eine parlamentarische Kommission für giltig erklärt worden. Bei dieser Gelegenheit kam zur Sprache, daß Morinaud, einer der Hauptschreier der Antisemiten und durch sie zum Abgeordneten gewählt, noch 1892 sich als einer der heftigsten Gegner des Antisemitismus aufgespielt hat. Morinaud hat dies selbst zugegeben und als Begründung nur angeführt, daß die Juden der radikalen Partei untreu geworden und Opportunisten geworden feien. Dieser Vorgang wirft ein charakteristisches Streiflicht auf die inneren Gründe der antisemitischen Bewegung in Algier. Durch alle antisemitischen Zeitungen geht wieder einmal eine gleichlautende Notiz, in der die Erfolge der jüdischen Kolonien in Palästina als ganz geringfügige möglichst in den Staub gezerrt werden. In erfreulichem Gegensatz dazu steht die Behandlung, welche derselbe Gegenstand bei der Generalversammlung des Deutschen Vereins vom heiligen Lande gefunden hat, die am 5. März in in Frankfurt a. M. tagte. Pater Schmidt aus Jerusalem, der seinerzeit die deutschen Katholiken bei dem Besuch des Kaisers in Palästina vertreten hat, theilte über die Juden in Palästina Folgendes mit: „Ueberall finde man blühende jüdische Kolonien, in denen fleißig Ackerbau, Viehzucht und andere nützliche Arbeiten von den Juden betrieben würden. Die jüdischen Schulen lehrten alle Sprachen, vor allem aber ihre eigene Sprache, so daß man auf den Straßen Jerusalems neben dem jüdischen Deutsch und dem Französisch auch Hebräisch hören kann. Man müsse den Juden in Palästina auch eine große und kluge Geschäftstüchtigkeit nachrühmen." Wir dürfen in der That auf dieses Urtheil des sachkundigen, mit Land und Leuten vertrauten Geistlichen stolz sein. Sehr intereffant war in dieser Generalversammlung auch der Jahresbericht des Vereins, aus dem hervorgeht, daß die Einnahmen 198 787 Mark betragen und die Ausgaben 131397 Mark, und daß für die Errichtung einer Kirche auf dem den deutschen Katholiken vom Kaiser geschenkten Platze Dormition bereits 200000 Mark eingegangen sind. * Heute feiert in Cincinnati, wo er seit mehr als einem Menschenalter lebt und segensreich wirkt, der Nestor der amerikanischen Rabbiner, Dr. Jsaac M. Wise, in voller körperlicher Frische und geistiger Kraft, inmitten eines großen Kreises seiner treuen Schüler, Freunde und Anhänger, den achtzigsten Geburtstag. Aber Wise ist nicht nur der Doyen des amerikanischen Rabbinats, sondern auch der Nestor des amerikanischen Judenthums überhaupt, das auf ihn mit Stolz und Verehrung blickt. Was er während eines halben Jahrhunderts als Rabbiner und Prediger, als Lehrer und Schriftsteller geschaffen, das ausführlich zu schildern, mag einer berufeneren Feder überlasten bleiben. Wir begnügen uns für heute, dem verehrten Greise die wärmsten Glückwünsche darzubringen und hieran den innigen Wunsch zu knüpfen, daß es ihm noch lange beschieden sein möge, zum Heile des Judenthums zu wirken und zu schaffen! ■jk