Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1899)
- Date
- 1899-03-17
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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B3?!^«*3!Sö^ rää Die Kommissare der städtische» Schuldeputation, die mit den staatlichen Kommiffaren am 28. d. M. Berat Hungen Pflegen sollen, „wie bei Ausführung der Anordnungen des Herrn Ministers Härten zu vermeiden sind", werden hoffentlich zunächst auf diese weiteren Beschränkungeil Hinweisen und vor dem Eintritt in die eigentlichen Verhandlungen die Beseitigung dieser nicht dem Willen des Herrn Minister? entsprechenden Anordnungen verlangen, die dem Jntereffe der Schule widersprechen und dazu führen, „das für eine gedeihliche Lehrwirksamkeit erforderliche Ansehen" der jüdischell Lehrkräfte systematisch zu untergraben. A. Die Wschr. Berlin, 14. März. Sm Alter von 76 Jahren ist heute der bekannte Parlamentarier Ludwig Bamberg er, einer unserer angesehensten Glaubens- ' genoffen, gestorben. Diese Trauerkunde wird in weiten Kreiseil tiefe Theilnahme und schinerzliche Empfindungen wecken. Stellt doch des Heimgegangenen Leben wie das weniger Anderer einen Wegweiser dar durch die Geschicke und Wandlungen, die dem politischen Streben des deutschen Volkes in dem abgelaufenen halben Jahrhundert beschicden waren. Alle Entwickelungsstufen des öffentlichen Lebens vom Sturmjahre 1848 an hat Bamberger hoffend, warnend, lehrend oder mithandelnd begleitet, ein Mann von weitem, weltbürgerlichem Sinn und doch ein treuer, warmfühlender Sohn seines deutschen Vaterlandes, ein nüchterner, praktischer Geist und doch in den idealsten Bestrebungen unseres Jahrhunderts aufgehend, voni Tage beständig lernend und doch dem Kern seiner Grundsätze auch unter wechselnden Verhältniffen bis zuletzt getreu. Als Fünfundzwanzigjährigen traf ihn nach vollbrachtem Rechtsstudium in seiner Vaterstadt Mainz die Aufregung des tollen Jahres, und das Feuer, das in jener Südwestecke Deutschlands so besonders hell und glühend loderte, riß auch ihn in die Bewegung hinein. Erst mit der Feder und dann in den Reihen des pfälzischen und badischen Aufstandes stritt er für die deutsche Einheit und bezahlte, wie so Viele, mit langen Jahren der Verbannung das mißglückte Streben. Zum Tode verurtheilt, flüchtete er nach der Schweiz, besuchte dann England und die Niederlande und lebte seit 1853 als Leiter des großen Bankhauses Bischofsheim und Goldschmidt in Paris. Als aber die Amnestie des Jahres 1866 ihm die Rückkehr ins Vaterland erüffnete, hielt es ihn nicht in der Fremde, und mit dem Schatze von gewonnenen Erfahrungen und zumal von volkswirthschaftlichen Kenntniffen trat er schon 1868 als Mitglied des Zollparlaments ins öffentliche Leben ein, um mit frohen Hoffnungen und frischem Muthe an der Neugestaltung der Verhältniffe in Deutschland mitzuarbeiten. Im Kriege von 1870 war Bamberger im deutschen Hauptquartier publizistisch thätig. Seit 1873 vertrat er im Reichstag den Wahlkreis Bingen - Alzey, den Errungenschaften der neuen Zeit so völlig zugewandt, daß er der nationalliberalen Partei sich anschloß, in der er namentlich in volkswirthschaftlichen und finanziellen Dingen einen maßgebenden Einfluß ausübte, wie er vor allem in der Frage der Goldwährung als deren Vorkämpfer in erster Reihe stand. Als überzeugter Anhänger freihändlerischer Grundsätze bekämpfte er seit 1879 mit Nachdruck die veränderten Wege Bismarcks in der Zoll- und Handelspolitik, schied infolgedessen aus der nationalliberalen Partei und bildete mit seinen Freunden die Gruppe der Sezessionisten. In der schlimmsten Zeit der Antisemitenbewegung trat er 1860 mit feiner glänzenden Schrift: „Deutschthum und Judenthum" auf, die großes Aufsehen erregte. Die Vertheidigung der Juden im Parlament selbst hat er mit bestimmter Absicht stets seinen nichtjüdischen Kollegen überlaffen in der Ueberzeugung, daß es für die Sache der Angegriffenen vortheilhafter sei. 1884 trat er der deutsch-freisinnigen Partei bei, bei deren Spaltung 1893 er der freisinnigen Vereinigung folgte, sich aber nicht wieder um ein Mandat bewarb. Seitdem hat Bamberger, vielfach von Kränklichkeit heimgesucht, gleichwohl regen Geistes litterarisch seine Grundsätze auf wirthschaftlichem Gebiete weiter vertreten. In seinen gesammelten Schriften, von denen mehrere Bände schon erschienen sind, hat Bamberger ein dauerndes Denkmal seines öffentlichen Wirkens der Nation hinterlaffen. Ehre seinem Andenken! 4 Die Tagesblätter haben schon berichtet, daß der vielbesprochene Graf Pttckler in Klein-Tschirne jetzt wegen seiner antisemitischen Hetzereien seine Stellung als Amtsvorsteher verloren hat. Die Amtsgeschäfte wurden seinem Stellvertreter übertragen. Graf Pückler veröffentlichte nachstehende Erklärung: „In den größeren Tageszeitungen habe ich kürzlich die Meldung gelesen, daß ich meines Postens als Amtsvorsteher enthoben sei. Diese Nachricht beruht nicht auf Wahrheit. Die Regierung hat mir nach meiner zweiten antisemitischen Rede allerdings gedroht, das Disziplinarverfahren gegen mich einzuleiten. Da ich nun genau wußte, daß ein solches Verfahren mit meiner gewaltsamen Amtsentsetzung endigen würde, so habe ich der Sache vorgebeugt und habe freiwillig die Amtsgeschäfte bis auf Weiteres an meinen Herrn Stellvertreter abgegeben." Graf Pückler hat sich also wenigstens noch so viel Einsicht bewahrt, daß er nach seinen hetzerischen Reden als Amtsvorsteher unmöglich geworden ist. Nachdem die gedruckten antisemitische» Reden des Grafen Pückler durch die Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt worden sind, hat dieselbe Behörde nunmehr gegen den Redner selbst die Anklage erhoben. Daß ein Graf von gutem Adel einem Ahlwardt geistig Konkurrenz zu machen sucht, ist zur Zeit darum auffällig, weil es unmodern ist. Das paßte in die politische Mode jener Zeit, da Freiherr v. Hammerstein Führer zweier Parteien gewesen ist. Mit dankenswerther Entschiedenheit hat die Staatsregierung die Maßregeln ergriffen, die geeignet sind, solchen maßlosen Agitationen entgegenzutreten, die auf der einen Seite gegen die Verfassung verstoßen und auf der anderen unsere Kultur auf einem sehr fragwürdigen Niveau erscheinen lasten. 4 Eine drastische Illustration zu der Legende von dem Reichthum der Juden bieten die letzten Vorgänge in Galizien, die von dem dort herrschenden Maffenelend trauriges Zeugniß ablegen. Namentlich sind es die jüdischen Bergarbeiter in Boryslaw, deren Lage allgemeine Theilnahme erheischt. Eine Deputation derselben hat sich nach Wien begeben, um den maßgebenden Persönlichkeiten eine Denkschrift zu überreichen, in der sie den ganzen Jammer ihrer Existenz mit schlichten, einfachen, aber rührenden Worten schildern. Sie verlangen keine Gnade und kein Almosen, sie haben starke Arme und verstehen ein Fach, aber sie finden keine Arbeit und nagen daher buchstäblich am Hungertuch. Es mögen hier die wichtigsten Stellen zur Charakteristik der entsetzlichen Verhältniffe in Boryslaw wiedergegeben werden: „Wir jüdische Arbeiter und Aufseher waren gewöhnt, schwer zu arbeiten, wie keine andere Arbeiterklasse in der Welt; wir haben ehrlich unser Brod verdient, die Aufseher 20 bis 30 Gulden, die Wäscher und Steineträger 10 bis 15 Gulden wöchentlich. Aber jetzt sitzen wir schon seit Monaten ohne Arbeit. Die christlichen Banken und Bergbehörden gewähren uns gar keine Unterstützung, und die Bornslawer Gemeinde-