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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-10 · Heft 10 (10.3.1899) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 10 (10.3.1899)
Date
1899-03-10
Page
Seite 118 (sequence 10)
Language
German
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- 118 - für die beste hielten — die Sache ist leider zu sehr menschlich, als daß sie sich nicht öfter wiederholen sollte —, so war das nicht der Fall bei den hervorragenden Saint-Simonisten, besonders nicht bei Rodrigues. Die Mißerfolge der früheren Jahre hatten ihn nicht entmuthigt, aber er entschloß sich, den philosophischen und religiösen Theil aus dem System des Meisters bei Seite zu lasten, um einzig an die Mittel zu denken, mit welchen die materielle Lage des Proletariats verbessert werden könnte. 1840 ging er ans Werk. Damals, als die Bourgeosie tief in ihrem Egoismus steckte, beschäftigte Rodrigues sich ausschließlich damit, die Wünsche und Gedanken des Volkes zu studiren. Die Kluft zwischen Arm und Reich zu Überdrücken, erschien ihm als das dringendste Bedürfniß des Volkes. Dann bemühte er sich wieder, ein Journal zu gründen: Le Patriote (1840), welches sich an die Einen sowohl als an die Anderen wenden sollte. Die Vorbereitung zu dieser Publikation führte ihn mit vielen Arbeitern zusammen, zur Unterhaltung mit ihnen, zur Lektüre ihrer Schriften. Er hatte die Freude, unter ihnen Dichter zu finden, voll Hoffnung auf die Zukunft, Freunde des friedlichen Fortschritts; und als die Gründung des Journals fehlschlug, wollte er wenigstens ihre Verse bekannt machen. So erschien 1841 ein Band Gedichte, betitelt: koesies sociales des ouvriers. In der Vorrede behauptet Rodrigues, daß die Zeit der gesellschaftlichen Reorganisation nahe sei. „Die Zeit ist gekommen," sagt er, „in der Presse, in den Kammern, in der Bourgeoisie, in den Werkstätten eine neue politische Partei zu gründen, die des Friedens und der Arbeit, der Erhaltung und des Fortschritts, die sozialen Partei." Die veröffentlichten Gedichte der Arbeiter zeigten zahlreiche Formfehler, aber stets edle, gehobene Empfindungen. Der Bedeutendste unter ihnen, der Schuhmacher Savinien Lapointe, rief aus: , „O, möchtet Ihr vor Schreiern wohl Euch hüten, die ohne Maß in ihren Schristen wüthen; dem kranken Hirn kann Großes nicht entspringen, die Barrikade goldne Zeit nicht bringen." In andere!» Gedichten ertönt auch der Schrei des Hasses, die Klage des Armen gegen den Reichen. Rodrigues beschäftigte sich sodann damit, eine Pensionskasse für Arbeiter zu gründen. 1844 wurde eine Denkschrift über diesen Gegenstand ausgearbeitet in einer Kommission, welcher Mole präsidirte. Es trafen dort die ehemaligen Saint-Simonisten Rodrigues, d'Eichthal, Michel Chevalier re. mit Nationalökonomen, wie Hippolyte Pasty, und Moralisten, wie Agenor de Gasparin, zusammen, jedoch das Projekt kam nicht zur Ausführung. — Auch für die Abschaffung deL Sklaverei interessirte sich Rodrigues, ebenso wie d'Eichthal, welche die Freiheit des Juden und' des Negers als das hervorragendste Ergebniß der Revolution ansah, aber in einer Diskussion der ethnographischen Gesellschaft (1847) mit seinen und Rodrigues' sentimentalen Betrachtungen gegen die kühl-wiffenschastliche Ansicht von Milne- Edwards und Quatrefagne absiel. Die Revolution von 1848 brach herein und weckte bei allen Neuerern und Utopisten lebhafte Hoffnungen. Rodrigues fand seinen ganzen Jugendeifer wieder. Seit dem 9. März ließ er Plakate M die Mauern von Paris klebe», worauf er, als einer der Ersten in Frankreich, ja in Europa, vorschlug, die Schwierigkeiten zwischen dejt Arbeit und den« Kapital durch das System der „Theilnahme am dem Gewinn" zu lösen. Der Text lautet: „Association von Arbeit und Kapital". „Von nun an betrachten sich alle Arbeiter beiderlei Geschlechts: Tagelöhner, Arbeiter, Werkführer. Ingenieure, Beamtö, Direktoren u. s. w. als Associes der Aktionäre oder Kapitalisten in der Theilung des erzielten Gewinnes, auf Grund der Arbeit vösi Jenen, des Kapials von Diesen; mit den Verlusten bleibt das Kapitals belastet." Es folgten zwei Paragraphen über die „Vertheilung ves Gewinnes" und die „Wirkung der Vertheilung". welche in einer für alle gleichmäßigen Erhöhung des Verdienstes und der Dividenden sich zeigen würde. Unterzeichnet war Olinde Rodrigues. Er machte energisch Propaganda, theilte seine Ideen Louis Blanc mit, schlug eine Nationalanleihe von 300 Millionen vor, schrieb an Emile de Girardin einen heftigen Brief gegen jeden Gedanken an eine Wiederherstellung der Monarchie. In zwei Broschüren setzte er seinen Plan einer Konstitution und sein Projekt über die Banken aus einander. Die erste beginnt mit einer Erklärung der Prinzipien, worunter sich folgende Sätze befinden: „Die Arbeit, die geistige oder körperliche, ist die Grundlage der sittlichen und physischen Existenz der Individuen, der Gesellschaften, des Menschengeschlechts. Die Arbeit des Volkes ist die positive Grundlage seiner Herrschaft." Darauf folgt der intereffante Entwurf einer Konstitution?) vielfach chimärisch und ganz von saint-simonistischem Geiste durchlränkt. Nach der Broschüre sollte die Bank von Frankreich ein ungeheurer Organisnius werden, welcher alle finanziellen Geschäfte ausführt, die Einnahmen und Ausgaben des Staates centralisirt und den Proletariern, welche nützliche Unternehmungen versuchen wollen, Vorschüsse gewährt. Von Neuem bemühte sich Rodrigues auch um die Wicdervereinignng der Saint-Simonisten, aber wieder vergeblich. Er berief eine Versammlung in seinem Hause, in welcher es sehr stürmisch znging. Einer der zahlreich erschienenen Genossen machte den Vorschlag, in ganz Paris eine Erklärung der Grundsätze der saintsimonistischen Doktrin anschlagen zu lasten, d. i. die Association aller Produzenten, die Löhnung im Verhältnis; zur Arbeit und die gründliche Abschaffung aller Vorrechte der Geburt, welcher Art sie auch seien, worauf Jsaac Pereire begeistert ausrief, er wolle diese Erklärung mit seinem Blute unterzeichnen. Aber die Anderen wiesen den Vorschlag zurück, und man ging aus einander, ohne über etwas zu entscheiden. Rodrigues verlor nicht den Muth. Mit einer rührenden und zugleich komischen Naivetät predigte er an der Börse von der Nothwendigkeit einer Reform, einer Einigung zwischen der Bourgeoisie und dem Volke. Die Sache scheiterte vollständig, und auch die politischen Verhältnisse versetzten Rodrigues herbe Schläge. Trotzdem blieb er nicht unthätig. Er bemühte sich einestheils um die Gründung von Gesellschaften zu gegenseitiger Unterstützung, dann um die Veröffentlichung einer Biographie und einer Ausgabe der Arbeiten Saint-Simons. Der Tod überraschte ihn, ehe diese Arbeiten ausgeführt wurden, aber ein junger Freund Rodrigues, G. Hubbard, nahm es auf sich, sie zu beendigen, und veröffentlichte zwei Bände, welche gleichsam das Testament dieses großen Jüngers Saint- Simons waren. Kurz nach dem Tode Rodrigues' errichteten Emile und Jsaac Pereire, nachdem sie bei der Gründung der Bodenkreditbank (Credit Foncier) thätig gewesen waren, den-Credit Mobilier. Dieses Etablissement, welches so viele nützliche Unternehmungen förderte, welches Spanien und Oesterreich bei dem Bau ihrer Eisenbahnen sv außerordentlich unterstützte, verwirklichte während fünfzehn Jahren einen der sehnlichsten Wünsche der Schule. Ohne die Eifersüchteleien, die sich rings um sie erhoben hatten, zu beachten, blieben die Brüder ihren saint-simonistischen Freunden treu und halfen ihnen bei jeder Gelegenheit. Es fehlte ihnen auch nicht an Anerkennung von Seiten der Parteigenoffen. In einer Biographie E. Pereires wurde die Herabsetzung des Zinsfußes als das Hauptziel des großen Bankiers bezeichnet. Barrault schrieb ein Buch zum Lobe des Credit Mobilier und hob die Schöpfung der Eisenbahnen als das sicherste Förderungsmittel zur Verbrüderung >) Aus diesem Projekt de Constitution populaire je. heben wir die volle Gleichstellung der Frauen hervor.

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