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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-10 · Heft 10 (10.3.1899) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 10 (10.3.1899)
Date
1899-03-10
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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IRR --? 117 - 7^*57 7* * ^W» >r&a.7xr ^7?f?:>i wn*;>-« Entdeckungen gemacht hatte, aber einem weiteren Studium stand damals, zur Zeit der Restauration, seine Religion im Wege: der Eintritt in die Ecole normale superieure ward ihm verweigert. Er gab einige Zeit mathematischen Unterricht und wurde der Repetitor Enfantins, des späteren Saint-Simonistischen Papstes. Schließlich wurde er, auf das Studium verzichtend, Börsenmakler und zeigte eine solche Befähigung, daß nian ihn, trotz seiner Jugend, zum Direktor einer bedeutenden Kreditgesellschaft, der Caiss3 hypotliecaire, ernannte. Die Philosophie Saint Simons hatte ihn gänzlich absorbirt. Sie befriedigte seine edlen Triebe, sein Verlangen nach einer Weltverbrüderung. In der Ausarbeitung der Lehrsätze des Meisters, nach dem Tode desselben, hatte er sich eine zweifache Aufgabe gestellt- Während die anderen Schüler in Saint-Simon nur den Philosophen sahen, stellte er ihn als den Gründer einer Religion hin und trieb die Schule dahin, sich in eine Kirche umzubilden; andererseits wies er auf die Wichtigkeit der volkswirthschaftlichen Fragen hin und behauptete, die Börse müffe die Mittel zur Verbesserung der Lage des Proletariats bieten. Sein ursprünglich sehr großer Einfluß auf seine Genossen sollte sich aber bald vermindern, sein rasches Wort, seine Heftigkeit in der Diskussion verwundeten, statt zu überzeugen. Ihm fehlten die Gaben der Beredsamkeit, der Autorität, welche dem Apostel eines neuen Glaubens nöthig sind. Indessen wurden diese Formfehler reichlich ausgewogen durch eine tiefe Liebe für die arbeitenden Klaffen, einer Liebe, welche während seines ganzen Lebens seinen Handlungen die Richtung gab. Bis zur Revolution von 1830 blieb der Saint-Simonisinus weiteren Kreisen unbekannt; aber die drei Julitage Verhallen ihm direkt zur Popularität. Missionare in der Provinz, Prediger in Paris, Journalisten u. s. w. verbreiteten seine Lehre mit Erfolg. Während dieser Zeit blieb O. Rodrigues, von persönlichen Angelegenheiten in Anspruch genommen, etwas im Hintergründe, aber keineswegs unthätig. Seine Vettern Emile und Jsaac Pereire, Jener praktischer, Dieser begeisterter, übten nun eine bemerkenswerthe Thätigkeit in der Sekte aus. Ihre Hauptsorge war darauf gerichtet, den Kredit zu erweitern, um damit eine Herabsetzung des Zinsfußes herbeizuführen, und das bedeutete die Entlastung des Arbeiters und eine Verminderung des Nutzens seitens des Kapitalisten. Sie gingen auch die Regierung an, eine Aendcrung des Budgets vorzunehmen, die unproduktiven Ausgaben für die Armee zu vermindern, den Reservefonds für soziale Reformen zu erhöhen. Emile Pereire widmete dem Budget von 1832 ein völliges Studium. Er verlangte besonders die Aufhebung der Amortisation, die er für eine Täuschung erklärte. Die bis dahin der Amortisation bestimmten Gelder sollten Maßnahmen zugewandt werden, welche den armen Klaffen den meisten Nutzen gewähren. Jsaac Pereire hielt eine Reihe von Vorträgen, welche die künftige Staatsökonomie betrafen. Nach seiner Ansicht war das Wichtigste die Errichtung einer Nationalbank, welche überall Lokalbanken kreditirte und das Geld vom Müßiggänger auf den Vertrauen verdienenden Arbeiter übergehen ließe. Diese Bank werde das wirkliche Werkzeug zur Emanzipation des Proletariers sein. Weit entfernt, es als ein einfaches finanzielles Unternehmen anzusehen, müffe man es vielmehr als eine politische, sogar religiöse Institution betrachten. Später werde eine Zeit kommen, wo das Vertrauen unter den Menschen herrschen, wo Kauf und Verkauf ebenso wie das Geld verschwinden werde. Statt des Handels werde es nur die „Vertheilung" geben, ausgeführt unter den Beamten durch ihre Vorgesetzten, denn alle Menschen werden Beamte sein, und diese Vertheilung werde sich um so leichter bewerkstelligen laffen, als jede Klasse ihre Kleidung, ihre besondere Uniform haben werde. Jsaac Pereire nimmt hier die Utopien des Verfassers des Telemague auf. — Inzwischen) war durch die seltsamen Theorien Enfantins Zwietracht in das Lager der Saint-Simonisten eingekehrt; es kam zum Bruche zwischen Enfantin und Bazard. Da trat Rodrigues wieder in den Vordergrund, um die Partei zu retten, was ihm schließlich doch nicht gelang. In der am 27. November 1831 gehaltenen Generalversammlung sprach er ans, daß nun der Moment gekommen sei, von der Theorie zur Praxis, von dem Worte zur That zu schreiten, das nöthige Geld zu sammeln, um die soziale Arbeit zu beginnen. „Ich bin", sagte er unter anderem, „in jener Religion geboren, welche die Menschen die Macht der moralischen und politischen Einheit gelehrt hat, deren Hohepriester alle Völker der Erde in sein Gebet einschloß, deren großer Prophet die Zeit verkündete, wo man aus dem Eisen der Lanzen Pflugscharen schmieden werde, deren über die ganze Erde verstreuten und verfolgten Glieder die Befreiung des Arbeiters begannen, indenr sie den „Wechsel" erfanden." Dann kündigte er die Emission einer Anleihe an und schloß begeistert: „Rothschild, Lafitte, Aguado haben nicht so Großes unternommen, als was ich im Begriff bin, zu unternehmen." In der That wurden Bons ausgestellt, auf welche die Saint-Simonisten in großer Anzahl unterschrieben. Wenn man nun auch in gewiffen Dingen übereinstimmte, so Mr es doch nicht möglich, die oben angedeutete Spaltung zu verhüten. Ein Theil der Genossen folgte Enfantin in die Zurückgezogenheit von Menilmontant. Zu diesen gehörte ein Doktor Simon, ein talentvoller praktischer Arzt, welcher in Paris einen Sanitätsdienst für die kranken Saint-Simonisten organisirt hatte; später befaßte er sich vorwiegend mit der Homöopathie, in der Hoffnung, daß diese Methode den Armen ein schnelles und billiges Heilmittel bieten würde. Dann finden wir dort Gustave d'Eichthal, der lange Bibelstudien machte, um eine Tradition zwischen dem Judenthum und dem Saint-Simonismus aufzufinden. Dieser Konvertit erschien, um seine Achtung vor der angestammten Religion öffentlich zu bekunden, mit drei anderen Getreuen der Sekte, Barrault, Lambert, Felicien David, am Rosch-Haschana im Kostüm der Saint- Simonisten zum Gottesdienst in der Synagoge. Nachdem die religiösen Exzeffe Enfantins den Gipfel erreicht hatten, gingen die Saint-Simonisten, von ihren Thorheiten geheilt, an die Arbeit. Der Mystizismus machte den Unternehmungen Platz. Sie forderten, um eine Verbindung der Völker schneller anzubahnen, den Bau von Eisenbahnen; nm die Renten des Kapitalisten zu verringern, Kreditinstitutionen. Zu Menilmontant. dem Tempel der Sekte, wurde der erste -ernste Plan zu einer Eisenbahn entworfen. Mehrere Ingenieure, welche zum Begräbniß des Saint-Simonisten Edmund Talabot gekommen waren, unternahmen in Gemeinschaft mit Emile Pereire den Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Paris und Saint-Germain, sie wurde 1832 eingeweiht. Durch die Bauten von Eisenbahnen zu einer Zeit, wo kaum ein Mensch deren Zukunft ahnte, gelangte ein großer Theil der Saint-Simonisten zu Vermögen. Ihr schneller Erfolg rief aber auch bald lebhafte Erregung hervor. Man verglich ihre traurige Lage von 1832 mit dem zehn Jahre später erworbenen Reichthum. Man verspottete und verurtheilte in zahlreichen Pamphleten diese Theoretiker, welche so schön die Abschaffung des Eigenthums gepredigt hatten, nun aber, reich geworden, es sehr zu -schätzen wußten. Der heftigste Angriff ging von Toussenel in -seinem berühmten Buch: „Lee Juifs rois de l’epoque“ aus; aber er war ungerecht. Wenn auch Einige im neuerworbenen Ver- > mögen sich's wohl sein ließen und von nun an diese Welt bereits

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