Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- MS in Anspruch nehmen als in Europa, wo rituelles Leben und Jugendeindrücke ihn weniger empfänglich machen für Inhalt und Form talmudifcher Diskussionen, ist das noch mehr als in Europa der Fall. Allerdings hat Mielziner durch die streng wiffenschaftliche uttd pädagogische Methode seines Unterrichts das Seinige dazu beigetragen, um das Talmudstudiuni zu heben. Seine beiden in englischer Sprache erschienenen Werke: „DaS jüdische Eherecht" und „Einleitung in den Talniud" haben in weiten Kreisen Anerkennung gefunden, und eben jetzt ist ein Werk aus seiner Feder über das Gerichtsverfahren nach talmudischem Recht erschienen. Im Jahre 1859 schrieb er über die Sklaven bei den Hebräern in deutsches: Sprache und war außerdem ein eifriger Mitarbeiter an Löws Ben Chananjah. Als Sohn eines Rabbiners in Schubin, Provinz Posen, geboren, machte er seine Studien in Berlin und Halle, war zuerst Prediger in Baren, hierauf in einer dänischen Gemeinde und wurde später nach Kopenhagen als Religionslehrer berufen. Von dort erhielt er 1868 einen Ruf an die Gemeinde Ansche Emeth nach New-Iork, und als diese sich auflöste, wurde er Lehrer an bet seinerzeit bestehenden und später aufgelösten theologischen Bore bereitungsschule des Tempels Emanuel, von wo er 1879 an das Hebrew Union College berufen wurde. Den Verlauf der Feier im Einzelnen zu schildern, wird matt mir erlassen. Dr. Berkowitz aus Philadelphia fungirte als Toast» Meister, der nach amerikanischer Sitte jeden einzelnen Redner be» sonders einführt. Das Motto, das auch auf der MenükarU gedruckt war, lautete: „Sei kurz; es folgen noch Andere". Trotz dieser weisen Mahnung dauerte das Banket bis zwei Uhr Morgens. Die Alumni-Aflociation überreichte ein Ehrengeschenk und kündigte ihren Entschluß an, eine Dotation von 1500 Dollars für einen neü zu gründenden Lehrstuhl aufzubringen. Das Menü wird man mit auch erlasien; auch könnte seine Schilderung manche fromme Seele verwunden, denn es gab dabei auch Fruchteis, welches, wie ich nachträglich erfuhr, mit Rahm zubereitet wird und somit nach einer „fleischigen" Mahlzeit nicht eingenommen werden sollte. Somit niag in dem Menü manches enthalten gewesen sein, was sich mit den Anschauungen des seligen Moses Jsserles nicht ganz in Einklang bringen läßt. Daffelbe könnte man am Ende auch von den Trinksprüchen behaupten. Vielleicht interessirt es manchen Leser, zu erfahren, daß ich hebräisch gesprochen habe, und daß besonders die anwesenden Damen fanden, daß ich ein klassisches Hebräisch spreche. Sonst möchte ich nur den Schluß der Rede eines jungen Rabbiners aus der Gegend der pennsylvanischen Petroleumgruben anführen. In meiner Gegend, sagte er, wird viel gebohrt, und wenn man genug gebohrt hat — im Englischen heißt to bore als populärer Ausdruck langweilen —, dann hört man auf. Me Juden und der Saint-Simonismus. Von Adeline Goldberg. er Antheil, den die Juden an den geistigen Strömungen verschiedener Zeiten genommen, ihre Mitwirkung an bedeutenden Geschehniffen und Erscheinungen, welche die Menschheit in ihrer Entwickelung, in ihren Fortschritten gefördert und sie um ideale Güter bereichert haben, ist weit größer, als man allgemein annimmt. Allein die Kenntniß davon ist uns aus verschiedenen Gründen entzogen, was die neuere Zeit anbetrifft, schon darum, "l 'HUI Ut.!WGWWWWMW«W weil die Juden, nicht mehr isolirt wie früher, auch nicht immer, wie im Mittelalter, schon durch den Namen erkennbar, als ein Theil in dem Ganzen aufgehen; und welcher Historiker machte es sich zur Aufgabe, der Juden Antheil an idealen Weltbestrebungen hervorzuheben, während wir andererseits so häufig Gelegenheit haben, den Eifer und Scharfsinn zu bewundern, mit welchem deren Fehler und Sünden nachgespürt wird? Wohl hat die Weltgeschichte hier und da die Namen verzeichnet, aber daß es Juden waren, darüber schweigt sie sich aus. Daher fühlen wir uns heute überrascht, wenn wir durch die Forschungen eifriger Gelehrter darüber belehrt werden, und erst seit einiger Zeit mehren sich die Mittheilungen über solche Thatsachen. Aber nach diesen zu forschen, sie ins rechte Licht zu rücken und die Kenntniß davon weiten Kreisen zu übermitteln, ist .ine verdienstvolle und doppelte Aufgabe: einmal sie der unverdi.nten Vergeffenheit zu entziehen, dann aber auch sie gewissen Anfeindungen und Verdächtigungen gegenüber richtig zu stellen. Einer solchen Aufgabe hat sich Herr G. Weile, der Verfasser eines Artikels, in der Revue des Etudes juives, t. 81, der den Titel führt: Les juifs et le Saint-Simonisme, unterzogen. Er weist nach, in wie hervorragender Weise die Juden an einer Bewegung betheiligt waren, die im Anfänge unseres Jahrhunderts in Frankreich vor sich ging, ungemeines Aufsehen erregte, und die der Anfang von dem war, was heute, am Ende des Jahrhunderts, die ganze Welt bewegt, nämlich die soziale Frage! Allerdings trat der Saint-Simonismus nicht ausschließlich mit dieser auf; eine neue Philosophie, zugleich eine neue Religio», sollte die Welt beglücken, aber aus diesem Gemisch von Religion, Politik und Sozialismus, aus diesen» Clair-Obscur. löste sich klar und bestimmt die soziale Frage, damals zum ersten Male aufgestellt, deren Ernst und Wichtigkeit, deren Tragweite damals noch nicht geahnt wurde. Es sei uns gestattet, den wesentlichen Inhalt des französischen Artikels von Georges Weile in freier Weise wiederzugeben. Es war im Jahre 1825, als nach dem Tode Saiut-Simons die treuen Anhänger des unglücklichen Philosophen sich vereinigten, »im für die Ideen und Theorien ihres Meisters Propaganda zu machen; wie schwankend und wechselvoll die Schicksale der Saint-Simonistischen Schule auch waren, ihr Einfluß ist ein großer gewesen. Uliter diesen Schülern waren es besonders einige Juden, die ihrer Aufgabe mit großem Eifer »ind Geschick, init Selbstverleugnung und Hochherzigkeit oblagen, wie der Dichter Leon Halevy, die Brüder Rodrigues, die Pereire, Gustave d'Eichthal (geb. Jude) u. A.; alle aber überragte Olinde Rodrigues, der sich mit bewunderungswürdiger Hingabe der Sache widmete, weshalb er auch in den Mittelpllnkt dieser Abhandlung gerückt ist. Er machte a»»s der Theorie Saint Simons eine Schule, er versammelte die Genoffen in seinem Hause, er sorgte für die Gründung von Zeitschriften. Er warb unermüdlich neue Jünger und machte besonders glückliche Propaganda in seiner eigenen Faniilie. Sein Bruder Eugene wurde einer der begeistertsten Anhänger, seine Vettern Emile und Jsaac Pereire die eifrigsten Förderer der Sache. Dessenungeachtet war er selbstlos genug, als später andere bedeutende Männer, wie Enfantin und Bazard, in den Bund eintraten, sich ihnen freiwillig unterzuordnen und, seinem Grundsätze getreu, daß den Fähigsten die wichtigsten Stellen gebühren, ihnen die Führung zu überlaffen, bis die Zeit kam, wo er wieder als Hauptfaktor hervortreten mußte, wie wir später sehen werden. Olinde Rodrigues gehörte einer Familie von Finanzmännern an. Et war ein bedeutender Mathematiker, der wiffenschaftliche