Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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W^NWWWWWWMNNWWWWWMVWWffMWMWMMWMWMWMM - 115 --- Es sagt: Diese Anordnungen müssen allgemeine Versügnngen sein, nicht zu Gunsten einzelner Kanfleute erlassen sein, wenn es natürlich auch statthast ist, die Grenzen für die einzelnen Handelszweige weiter oder enger zu ziehen; und ferner: daß die Verschiedenheit der Bestimmungen über die Betriebs- und Verkaufszeiten an den Sonn- und Feiertagen einer objektiven Verschiedenheit der betreffenden Handelszweige entsprechen müsse; und endlich: diese Bestimmungen dürfen nicht zu Gunsten Einzelner erlassen werden. Mir ist es thatsächlich unfaßbar, wie ein Jurist es fertig bringen konnte, dieses Urtheil zu Gunsten der Bestrebungen der orthodoxen Juden anzuführen und daraus die Zulässigkeit einer besonderen Sonntagsruhe für diese abzuleiten. Damit können wir diese sämmtlichen juristischen Widerlegungsversuche gegen unsere Auffaffung auf ihrem völligen Unwerth beruhen lassen. Nur noch einen Punkt muß ich berühren. Herr Dr. Biberfeld will mich dahin.belehren, daß es taktlos gewesen sei, daß ich als Jude in der Stadtverordneten-Versammlung gegen die Petition aufgetreten sei. Hierauf möchte ich Herrn Dr. Biberfeld und seinen Gesinnungsgenoffen Folgendes erwiedern: Nicht als Jude bin ich in die Stadtverordnetenversammlung gewählt und nicht von den Juden, sondern ich bin durch das Vertrauen meiner Mitbürgerzu dem höchsten Ehrenamte berufen. Und gerade als Vertreter der Bürgerschaft bin ich verpflichtet, unberechtigte Forderungen von Einzelnen zurückzuweisen. Gerade weil ich Jude bin, konnte ich im vorliegenden Falle das thun, ohne mich der Gefahr auszusetzen, des Antisemitismus geziehen zu werden. Wenn meine Glaubensgenossen die Forderung aufgestellt haben, daß auch in die gesetzgebenden Versammlungen Juden gewählt werden, so ist dieses Verlangen nur dann und insoweit gerechtfertigt, als diese jüdischen Vertreter verpflichtet sind, nicht blos die Rechte ihrer Glaubensgenossen energisch wahrzunehmen, sondern ebenso auch unberechtigte Ansprüche derselben mit Entschiedenheit zurückzuweisen. Denn wir wollen und müssen Staatsbürger sein mit allen Rechten derselben, aber auch mit allen Pflichten derselben, ohne für uns irgendwelche Ausnahmestellung zu beanspruchen. Und damit ist für mich der publizistische Kampf umsomehr erledigt, als in der Frankfurter Stadtverordneten-Versammlung über die rechtliche Unmöglichkeit, den orthodoxen Israeliten eine Sonderstellung einzuräumen, heute keinerlei Zweifel mehr vorhanden ist. Ern Epilog. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. n festlichen Veranstaltungen war die amerikanische Rabbinerversammlung diesmal arm, besonders wenn man sie mit ihrer Vorgängerin in Montreal vergleicht. Es gab keine lokale Gemeinde, keinen Patron des Judenthums von dem Schlage des Herrn Boas in Montreal, noch weniger ordensgeschmückte Gouverneure mit uniformirten Adjutanten. Desto freundlicher war das interne Leben der Mitglieder. Dieselben rekrutiren sich heute schon in beträchtlicher und stets wachsender Proportion aus den ehemaligen Zöglingen des Hebrew Union College. Diese Letzteren bilden unter sich einen engeren Verein zur Pflege gegenseitiger Beziehungen unter dem Namen Alumni Association. Die Alumni hatten eine Aktion eingeleitet, um ihren Lehrer Dr. Moses Mielziner anläßlich seines Geburtstages zu ehren. Der Geburtstag fiel zwar erst auf den 12. August, aber da man mitten im Sommer nicht gut eine Versammlung in Cincinnati veranstalten konnte, so wurde die Gelegenheit der Anwesenheit so vieler Schüler des Jubilars zur Festesfeier benutzt. Moses Mielziner gehört zu den wenigen Menschen, welche trotz lauteren Charatters sich großer Popularität erfreuen. Das klingt pessimistisch, aber es ist eine altrabbinische Anschauung, daß es wenige Menschen giebt, die für sich das Rechte thun und das Unrecht Anderer ruhig ertragen. „Wenn ein Rabbi in seinem Orte beliebt ist," sagt der Talmud, „ist der Grund wohl darin zu suchen, daß er in den Sachen Gottes nachsichtig ist" (Kethnboth 105b). Was soll es wohl heißen, wenn der Talmud sagt: „Man bestelle als Führer der Gemeinde nur einen Mann, der einen Korb voll unreiner Kriechthiere auf dem Rücken trägt"? (Jona 22b). Offenbar, ein Mann ohne eine Anlage zum Diplomaten, ohne Bereitwilligkeit zum Schließen eines Kompromiffes in Gcwissenssachen, kann keine Führerrolle spiele». Dahin wird wohl auch die Angabe zu verstehen sein, daß „Chelbinah" trotz seines Übeln Geruches im Räucherwerk enthalten sein mußte, weil die richtige Frömmigkeit einer Beimischung von Bosheit bedürfe (K'rithoth 6b). Endlich kann der viel bestrittene und auch wieder mit dem Aufgebote halsbrecherischer Dialektik vertheidigte Satz hier angeführt werden: Ein Rabbi, der nicht rachsüchtig ist wie eine Schlange, ist kein richtiger Rabbi (Jona 23a). Schaffensfreudigkeit, Zielbewußtsein und Prinzipientreue vertragen sich nicht mit der rein quietistischen Doktrin der Feindesliebe. Aber was wäre eine Regel ohne Ausnahme? Und Moses Mielziner ist eine dieser glücklichen Ausnahmen. Er erinnert mich an den idealen „Baalboos" der alten Zeit, den wir doch Alle gekannt haben. Er „schmutzte" nicht in Schul, war aber doch kein Mucker; er war kein Aemterjäger und doch stets willig, der Gemeinde zu dienen; er war friedliebend und doch nicht passiv, zurückhaltend und doch intelligent. Kamen nun die hohen Festtage, hatte der Vorsteher seine liebe Noth. Der synagogalen Ehren waren wenige und der Anspruchswerber viele. Der Eine wollte zur Thora aufgerufen werden, aber man ließ ihn nur die Bundeslade öffnen der Andere hätte mit der „Oeffnung" vorlieb genommen, wenn man ihm sie zum Schacharith-Gottesdienste verehrt hätte, man ließ ihn aber darauf warten bis zum Mussaph. Nur der ideale Baalboos krakehlte nicht. Man gab ihm, um seinen Verdiensten eine kleine Anerkennung zu Theil werden zu laffen, die Bundesladenöffnung bei N11Ü28N1 rfHWi; er begnügte sich damit und überließ NIXtN i-6l*Uin willig Anderen. Mielziners Popularität hat aber ein größeres Gewicht, wenn man seine amtliche Stellung in Betracht zieht. Ein Lehrer des - Talmud vertritt ein unpopuläres Fach, und zwar nicht nur in Amerika, sondern auch im benachbarten Europa. Man giebt das nicht gern zu, aber cs ist eine Thatsache. so natürlich, wie es seinerzeit der Rückgang der Waffenschmiedekunst, der Pergamentmacherei und der Schönschreibekunst war, die wir in Urkunden des 15. Jahrhunderts bewundern, während sie im 16. Jahrhundert schon verschwunden ist. Uns fehlt das praktische Interesse an den Fragen des Ritus, uns fehlt der Ansporn;u dem Wunsche, als talmudische ^Dialektiker zu glänzen, uns fehlt die Anregung eines in solchen Dingen interessirten Kreises, uns fehlt endlich die dialektische Neigung, die fünfe gerad'zu machen. Das Talmudstndium ist zu einem Quellenstudium der jüdischen Religionsgeschichte geworden, für die Spezialisten unter theologischen Fachgelehrten reservirt. In Amerika, l wo Predigt, Gemeinde- und öffentliches Leben den Rabbiner mehr |! v,r ■ j I