Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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WW mm 113 daß die Wagenpflege derjenige Theil der Wohlthätigkeitspflege ist. der die Grundsätze neuerer Zeit am spätesten angenommen hat, und daß auf diesem Gebiete die Anwendung jener Grundsätze schwerer ist als in der allgemeinen Armenpflege. In Berlin sind im Ganzen 523 jüdische Waisenkinder zu versorgen. Davon befinden fich in der geschlossenen Waisenpflege 250 und unter diesen 90 Mädchen; in der offenen Wagenpflege find bei den Verwandten gelassen 249 Kinder, darunter 126 Mädchen, in Pflege gegeben 4 Knaben und 20 Mädchen. Es ergiebt fich, daß die Hälfte der Waisenkinder nicht genügend beauffichtigt ist. Die Waisenkommission giebt für fie Berpflegungsgelder und beaufsichtigt die Kinder nur, soweit das in den Grenzen der Kommiffionsthätigkeit möglich ist. Nur fünf Damen gehören zur Waisenkommission; die können unmöglich alles leisten. Gute Aufsicht kann nur durch (Waisenpfleger und) Waisenpflegerinnen geübt werden, die ein beschränktes Arbeitsfeld haben. Hier liegt also ein großes Gebiet für die Frauenthätigkeit. Deshalb ist wohl für die nächste Zeit in Erwägung zu ziehen, ob nicht durch Vorträge, durch Wort und Schrift, durch thätiges Eingreifen dahin zu wirken fein könnte, daß für diese Anzahl von Waisen die entsprechende Zahl von Pflegern und Pflegerinnen beschafft wird, damit ein jedes einzelne Kind in ausreichender Weise beaufsichtigt werden kann. Auch die Armenpflege der jüdischen Gemeinde gestattet in neuerer Zeit die Heranziehung von Damen. Die neue Eintheilung der Kommission sieht die Mitarbeit der Frauen ausdrücklich vor, die Kommission ist aber gerade jetzt in der Reorganisation begriffen. Zu wünschen ist es, daß sich auch für diesen Theil der Wohlthätigkeitspflege Frauen in genügender Zahl zur Verfügung stellen. Die dritte Kommission ist die Fürsorgekommission, von deren Thätigkeit Sie sicher alle fast nichts kennen. Die Kommission hat die Aufgabe, die Fürsorge für die inhaftirten Strafgefangenen und für ihre Familien zu übernehmen. Da scheuen sich sehr viele Menschen, in eine solche Kommission einzutreten, es scheuen sich fast alle Damen, mit Personen dieser Art in nähere Berührung zu treten. Das ist nicht richtig, die Scheu ist ganz unberechtigt. Wer öfter Gelegenheit gehabt hat, mit den Inhaftirten in Berührung zu kommen, der sieht, daß es auch Menschen find, die noch ein Herz im Leibe haben. Wenn man sie da packt, kann man alles mit ihnen machen. Die Aufgabe ist eine sehr schwere und in erster Reihe die Aufgabe der Männer. Was soll aber aus den Mädchen werden, die durch Genußsucht, Putzsucht, Neid, Hunger, durch Verführung fallen und zum ersten Male ins Gefängniß kommen? Wenn sich ihrer nicht eine erfahrene Frau annimmt, die es versteht, die besseren Gefühle der Unglücklichen wachzurufen, so ist das Mädchen für ewig verloren. Deshalb ist es von der größten Wichtigkeit, daß auch in dieser Kommission Frauen thätig sind. Zwei Damen gehören dieser Kommission bisher an, ihre Zahl ist aber zu gering und der Umfang ihrer Thätigkeit noch nicht genügend bestimmt. Richtig ist, daß hier und da ein Rückfall vorkommt; sogar der Wohlthäter wird bisweilen hintergangen. Das ist aber kein Grund, die Thätigkeit nicht auszuüben, im Gegentheil ist es gerade Veranlassung, sie zu verdoppeln. Auch im Krankenhause, in der Altersversorgungsanstalt und im Hospital arbeiten die Damen sehr eifrig mit. Hier ist ihr Wirkungskreis fest begrenzt, ihre Arbeit sachgemäß und zweckentsprechend. Es läßt sich nur Rühmenswerthes von ihrer Mitarbeit sagen. Vielleicht könnte durch die Vergrößerung der Anzahl der Damen mehr als bisher seelisch auf die Insassen dieser Anstalten eingewirkt werden. Aus diesem kleinen Ueberblick ist zu ersehen, wie weit die Frauen in der Wohlthätigkeitspflege bereits Mitwirken und welche Ziele ihnen noch offen sind. Ich hoffe, meine sehr verehrten Damen, Sie werden uns helfen, diese Ziele, wenn auch nicht vollständig zu verwirklichen, so doch jedenfalls ihrer Vervollkommnung nahe zu bringen." In der tzfich an diese beiden, mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Referate anschließenden Diskussion wurde von mehreren Seiten angeregt, die Centralstelle so zu gestalten, daß stein Zukunft Existenzen aufzubauen vermag. Der Verband sollte alle vier Wochen zusammentreten, und es müßte eine Anzahl Familien herausgesucht werden, die aufbauungsfähig sind. Vom Vorstand wurde diese Forderung auf Grund der Statuten als außerhalb der Thätigkeit des Verbandes liegend abgelehnt, der damit einen Eingriff in die Selbständigkeit und Thätigkeit der ihm angehörenden Anstalten ausüben würde. Wie einzelne Personen existenzfähig gemacht werden sollen, das müsse im engeren Kreise und öfter erörtert werden, wie überhaupt in einem häufiger zusammenzuberufenden Cirkel allgemeine oder spezielle Fragen, zu denen auch Damen als Referentinnen hinzuzuziehen seien, zur Behandlung kommen müßten. Es werde sich von selbst ergeben, daß zur Erstrebung des gewünschten Zieles einzelne Vereine zusammenwirken müssen. Im Uebrigen geschehe das schon vielfach jetzt und in schnellerer Weise, als es durch die Ein-, berufung des großen Apparates des Verbandes möglich wäre. Herr Rechtsanwalt Breslauer richtete noch einmal die Aufmerksamkeit auf die Zweckmäßigkeit der Centralstelle. Gerade durch die Anfragen und Berichte seien viele Verhältnisse der Armen aufgeklärt worden. Bei einer Reihe von Familien habe festgestellt werden können, daß sie eine nicht ausreichende Unterstützung bekämen. In einzelnen Fällen sei ferner der Grund zu Tage getreten, aus dem die Armuth resultirte, und habe die Art der Hilfe geändert werden können. Es sei dahin zu wirken, daß mehr Anfragen gestellt und mehr Berichte ertheilt werden. Die Zahl könnte die doppelte sein und doppelt wirken. Auf eine von Dr. Hildesheimer gegebene Anregung, auf Verlangen auch an Private schriftliche Auskunft zu ertheilen, glaubt der Vorstand aus Gründen der Diskretion ebenfalls nicht eingehen zu können. Es werde wie bisher den Auskunft Wünschenden anheimgestellt, die Antwort persönlich aus dem Büreau zu holen. Herr Dr. Hildesheimer giebt im Gegensatz zu der diesbezüglichen Aeußerung des ersten Referenten die Zahl der eheverlassenen Frauen innerhalb der jüdischen Glaubensgemeinschaft als erschreckend groß an. Die Veranlassung sei hier allerdings eine stärkere als bei den anderen Konfessionen. Speziell im Osten gäbe es in der That Männer, die vor dem Elend ihrer Familien fliehen. Die Frage sei eine eminent ernste und würde einen breiten Raum für einen Gedankenaustausch innerhalb des Verbandes abgeben. Hiermit schloß der Delegirtentag des Verbandes, der schon bisher zur Genüge dargethan hat, eine wie segensreiche Institution in ihm geschaffen worden ist, und daß er hoffentlich noch recht Ersprießliches zum Wohle der Würdigen unter den Armen leisten wird. Aas jüdische Schulwesen im Osten. f er Rückgang der jüdischen Schulen ist nicht plötzlich gekommen. Seine Anfänge liegen weit zurück, und die Erscheinung an sich hatte in der ersten Zeit wohl ihren Grund darin, daß der ausgesprochene Konfessionalismus im Schulwesen überhaupt etwas in den Hintergrund trat. Indessen, die Abwürlsbewegung im jüdischen Schulwesen nahm auch zu, als der Gedanke nach einer simultanen Regelung der Schulverhältniffe an Durchschlagskraft verlor. Obwohl der konfessionelle Standpunkt wieder zu Ehren gelangte, sank die Bedeutung der jüdischen Schule mehr und mehr, und geht es so weiter, dann ist die Zeit nicht mehr fern, in der man von der jüdischen Schule als einer Institution der Vergangenheit sprechen wird. Gewiß ist der Rückgang des jüdischen Schulwesens zu bedauern. Er ist umsomehr zu bedauern, als fast in allen Fällen bei dem Eingehen dieser Schulen der Konfession als solcher ein gebührendes Aequivalent nicht geboten wurde. Sehen wir uns einmal an, unter welchen Umständen jüdische Bildungsstätten eingingen. — Der natürlichste Abschluß war die Rücksicht auf die Steuerkraft der Gemeinde, die in innigem Zusammenhang stand mit der Zahl der Schüler. AuS dreiklassigen Schulen wurden zwei- und einklassige, aus dem breit angelegten Lehrplan ein beschränkter, nur gerade den Bedürfnissen der Volksschulbildung genügender. Das hatte wieder zur Folge, daß in dem Verlangen nach umfangreicherer Bildung wohlhabende Juden ihre Kinder andere Schulen besuchen ließen, ■ so daß auch die soziale Bedeutung der Anstalten sank. Oefter kam es dahin, daß die Gemcindeschule zur Religions- oder Armenschule — man verzeihe den Ausdruck — degradirt wurde. In Orten, in