Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
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112 richte an die „Centralstelle für die Wohlthätigkeitsanstalten in der jüdischen Gemeinde" gegeben worden. Die bei Begründung der Centralstelle geltend gemachten Befürchtungen, daß durch die Berichte Mittheilungen an die Oeffentlichkeit gelangen könnten, haben fich als völlig grundlos erwiesen. Auch der Fonds für verschämte Arme ist durch Gemeindebeschluß in die Lage versetzt, wenigstens in solchen Fällen Mittheilung zu machen, in denen im Kuratorium kein Widerspruch erfolgt; unter 100 Fällen ist nur in drei Fällen von der Beantwortung der Anfrage Abstand genommen worden. Die Armenkommisston selbst ist jetzt in vier Abtheilungen eingetheilt, so daß eine intensivere Bearbeitung der einzelnen Fälle erfolgen kann. Nachdem alsdann zu Punkt 1 der Tagesordnung die Wiederwahl der vier ausscheidenden Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses, der Herren Rechtsanwalt Breslauer- Julius Grünwald, Dr. Hildesheimer und Gustav Sachs, vollzogen war, erstattete Herr Syndikus Dr. Minden sein Referat „Mittheilungen über den im September 1898 in Nürnberg stattgehabten Armenpflegerkongreß". Redner besprach die Organisation des „Deutschen Vereins für Armenpflege", dessen Zweck sei, den Austausch der Erfahrungen der Armenpfleger von den verschiedensten Kategorien unter Zuziehung wissenschaftlicher Autoritäten zu vermitteln, und erörterte in ausführlicher Weise drei auf dem Kongreß zu Nürnberg zur Verhandlung gestellte Themata und die dort gefaßten Beschlüsse, um ein Bild zu geben, wie in einer so großen Organisation gearbeitet und berathen werde. Die jüdische Wohlthätigkeitspflege trage zwar zweifellos einen verschiedenen Charakter von der anderer Konfessionen. Sie habe eine weit zurückliegende Geschichte, die sie nicht verleugnen könne, und die noch nicht geschrieben fei; der im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund gemachte Versuch einer allgemeinen Enquete hierüber fei an der großen Fülle, die über diese Materie angesammelt sei, bisher gescheitert. Doch müsse die jüdische Armenpflege als Glied in der allgemeinen Armenpflege betrachtet werden, die Leiter müssen mit den modernen Grundsätzen, wie sie sich in Theorie und Praxis herausgestellt haben, vertraut werden und in lebendigem Zusammenhang bleiben. Gerade nach dieser Richtung sei für den Verband ein großes Arbeitsfeld eröffnet. Genug Fehler seien gemacht worden, und manches sei noch zu bessern. Besonders die weibliche Jugend ermangele noch der richtigen Schulung und des Verständnisses, sich Zwecken der jüdischen Wohlthätigkeitspflege zu widmen, die allerdings nicht so viel äußere Ehren bringe wie die allgemeine Armenpflege. Der Verband müsse es unternehmen, wissenschaftliche Formeln dafür zu finden, wie weit sich das Verhältniß der jüdischen Armenpflege zum jüdischen Armen unterscheide von dem Verhältniß der allgemeinen Armenpflege, inwieweit der Grundsatz, das, was man gebe, nur für Arbeit zu geben, in der jüdischen Armenpflege durchzuführen sei. Hier gelte es, rein psychologische Beobachtungen zu machen, was bisher noch nicht versucht worden sei. Wenn es gelänge, auf diesem Gebiet einen kleinen Schritt vorwärts zu thun, so werde der Verband nicht umsonst gegründet sein. Doch müßten sich zu diesem Zweck freiwillige Mitarbeiter zur Verfügung stellen, da die Kräfte des Ausschusses nicht ausreichen, diese Themata zu behandeln. Der Hauptgrundsatz der öffentlichen Armenpflege sei der, die Wohlthaten so zu vertheilen, daß die Unterstützten oder wenigstens die Familien bald zur wirthschaftlichen Selbständigkeit kommen; der Grundsatz der jüdischen Armenpflege sei der, die Wohlthaten so zu erzeigen, daß der Unterstützte nicht zu erröthen hat. Theoretisch und praktisch zu beweisen, daß zwischen diesen Grundsätzen kein Gegensatz vorhanden sei, werde eine der vornehmsten Aufgaben des Verbandes sein. Es werde sich dann die Anschauung als richtig erweisen, der unsere Vorfahren gehuldigt haben, als sie Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit mit einem einzigen Ausdruck „Zedoko" bezeichneten. Alsdann sprach Herr Rechtsanwalt Breslauer über „die Mitwirkung der Frauen an der Wohlthätigkeitspflege in der jüdischen Gemeinde zu Berlin". Wir geben das Referat, seines sehr interessanten Inhaltes wegen, der auch die Aufmerksamkeit weiterer Kreise in vollem Maße in Anspruch nehmen wird, fast dem vollen Wortlaut nach wieder: „Es kann hier nicht meine Aufgabe fein, zu loben oder zu tadeln. Ich habe vielmehr einfach über die thatsächlichen Verhältnisse zu berichten und die Wünsche anzuschließen, deren Befriedigung erstrebenswerth ist. Einige allgemeine Bemerkungen sind vorauszuschicken. Die Frau ist noch nicht lange im öffentlichen Leben thätig; aber so lange sie thätig ist, ist sie in der Wohlthätigkeitspflege thätig. Die Frau war im jüdischen Hause die Königin, von der alles Unreine ferngehatteN wurde; im deutschen Hause war sie die Herrscherin, die sich nur um ihr Reich zu kümmern hat, unberührt vom Lärm der Straße. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Anschauungen. Heute ist man darüber einig, daß die Frau fich außer dem Hause beschäftigen kann und soll, in erster Reihe bei der Wohlthätigkeitspflege. Man fragte, ob diese Thätigkeit heilsam sei, einmal für die Beschützten und zweitens für die Frau selbst. Sehr bald hat sich ergeben, daß die Mitarbeit der Frau für die Beschützten in einer großen Zahl von Fällen von Vortheil sein kann. Nicht immer kann die Frau eingreifen und soll fie den Wunsch haben, einzugreifen. Es giebt Situationen, von denen die Frau ferngehalten werden muß. Aber die Unzahl der armen Frauen, der kranken und die noch viel größere Zahl der schwächlichen Kinder, denen zu helfen ist, wird viel besser von der Frau beobachtet als vom Manne. Es ist aber auch ferner von Bortheil für die Frau und das Mädchen, wenn fie fich in der Oeffentlichkeit bethätigen. Ein Mädchen, das nur im Hause erzogen ist, das nicht sieht, was draußen in der Welt vorgeht, kann nicht einen richtigen Blick für die Welt und für das Haus haben. Das Leben ist wechselvoll, und kommt der Schicksalsschlag, so ist das Mädchen ihm nicht gewachsen. Kennt es die Welt, so ist es die gute Stütze der Eltern und eine rüstige Genossin des Mannes. Ein zweiter Grund ist der, daß Mädchen und Frauen die Angst überwinden lernen, die Scheu, die sie der Außenwelt gegenüber beherrscht. Oft können sie nicht den ehrlichen, ordentlichen Arbeiter vom Strolch unterscheiden. Sie fürchten sich vor jedem ärmlich gekleideten Menschen und sehen in jedem Arbeiter einen gewaltthätigen Menschen. Helfen sie aber bei der Wohlthätigkeitspflege, so sind sie gezwungen, mit dem armen Mann in Verbindung zu treten, und lernen den Unterschied zwischen dem schlechten Menschen und dem harmlosen Arbeiter, dem unglücklichen Armen kennen. Wie hat sich nun bisher die Thätigkeit der Frauen gestaltet? Zunächst sind einige Institute damit vorgegangen, Ehrendamen zu ernennen. Man legte den Ton auf die erste Silbe des Wortes. Man erwies dadurch den Instituten eine Ehre, aber auch den Damen. In vielen Institutionen bestehen die Ehrendamen noch. Mitzuarbeiten haben die Damen, mitzubeschließen haben fie nicht. Das ist falsch. Wer mitarbeitet, soll auch mit entscheiden können. In anderen Institutionen ist dieser Unterschied gefallen. Hier haben die Frauen das gleiche Stimmrecht wie ihre männlichen Kollegen. Das ist das Ziel, nach dem jetzt überall hingestrebt wird, und ich glaube, auch das richtige Ziel. In der jüdischen Gemeinde zu Berlin, welcher ich mich jetzt zuwende, arbeiten die Damen in verschiedener Weise. Ein Theil von ihnen ist Mitglied in den Kommissionen, und solcher Kommisfionsmitglieder giebt es 61. Darunter befinden fich aber 4, die in 3 Kommissionen, und 6 Damen, die in 2 Kommissionen fitzen, so daß in Wirklichkeit nur 47 Damen in den Kommissionen beschäftigt sind. Das ist viel zu wenig. Ä)ie Damen arbeiten ferner in den jüdischen Frauenvereinen, die, wie dankend anerkannt werden muß, zuerst die Bedeutung unseres Verbandes erkannt haben. Sie haben sich bis auf einen — aus dem Bezirk der Oranienburger Vorstadt — alle dem Verbände angeschlossen. Hier wird mit großem Eifer ein großes Arbeitsgebiet beherrscht. Ich kann aber die Thätigkeit dieser Vereine nicht schildern; das läge außerhalb des Rahmens meines Berichtes. Im Ganzen bestehen 10 Frauenvereine. Außerdem giebt es noch eine große Anzahl von Vereinen, die Frauen für gewisse Theile ihrer Thätigkeit heranziehen. Der neueste Bericht über diese Art der weiblichen Mitarbeit ist der des Vereins für Arbeitsnachweis. Nach diesem Bericht sind von den weiblichen Mitgliedern der letzten Jahre nicht weniger als 420 Frauen und Mädchen in Stellungen untergebracht worden, eine höchst rühmenswerthe Leistung! Aus dem Bericht kann man ungefähr den Schluß ziehen, daß die Damen der jüdischen Gemeinde zu Berlin mit sehr großem Eifer in der Wohlthätigkeitspflege thätig sind. Die Mädchen halten fich allerdings noch fern. Ich glaube, es wird Aufgabe der Mütter und Väter sein, ihre Töchter heranzuziehen. Es wird für die Zukunft der jüdischen Gemeinde nichts Ersprießlicheres geben, als wenn gerade die jungen Damen in der Wohlthätigkeitspflege Mitarbeiten. Wie soll nun die Thätigkeit der Frauen sich gestalten? Zur Beantwortung dieser Frage muß man die einzelnen Gebiete der Wohlthätigkeitspflege ins Auge fassen. Zunächst müssen die Frauen in der Waisenpflege helfend eingreifen. Hier ist bis jetzt am wenigsten geschehen. Das liegt daran,