Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
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111 sie anderen in vorwurfsfreier Pflichterfüllung bewährten Lehrern und Lehrerinnen schon im Interesse der Schule und des für eine gedeihliche Lehrwirksamkeit erforderlichen Ansehens gezollt werden muß. Bosse." Der Bescheid bringt in einer Sache ein Novum, das nicht verfehlen wird, Aufsehen zu erregen, in der Auffassung, daß nicht die Anordnung des Provinzial-Schulkollegiums die Maßregelung der jüdischen Lehrerinnen verschuldet hat, sondern daß die städtische Schuldeputation den Bescheid falsch verstanden und dadurch allerlei Wirrnisse hervorgerufen hat. — Das Provinzial-Schulkollegium hat nunmehr die städtische Schuldeputation ersucht, Kommiffare zu ernennen, welche mit seinen Kommiffaren am 28. März d. I. Berathungen pflegen sollen über die Ausführungen der seitens des Ministers erlaffenen Anordnungen. Wir kommen auf die Angelegenheit ausführlich zurück. Inzwischen hat der brave Esterhazy seine Enthüllungen über den ganzen schmachvollen Handel begonnen, und auch die „Libre Parole" macht ein interessantes Zugeständniß. Es ist zugleich eine Erinnerung an die Affäre Moros vom Jahre 1892, die erste offene antisemitische Campagne in der französischen Armee und vielleicht auch der erste Ursprung des Dreyfus-Berbrechens. Esterhazy diente damals dem jüdischen Hauptmann Crömieu-Foa als Zeuge in einem Duell mit Eduard Drumont. Wir wiffen, daß Esterhazy unter Hinweis auf diesen einem jüdischen Kameraden erwiesenen Dienst Anleihen bei jüdischen Kapitalisten zu mache» suchte. Wir erfahren heute aber auch aus der „Libre Parole", daß Esterhazy gleichzeitig einen sympathischen Brief an Drumont schrieb und von diesem eine verbindliche Antwort erhielt. Man erkennt daraus, wie diese Braven sofort darauf bedacht sind, aus rein ideellen Handlungen einen dauernden materiellen Vortheil zu ziehen. In einer der letzten Sitzungen der Budgetkoni Mission des Abgeordnetenhauses fand eine wenig beachtete Debatte statt, die aber für uns von besonderem Interesse ist. Nämlich die Deutschkonservativen im Verein mit den Centrumsmitgliedern lehnten die von der Regierung eingestellte Summe von 6000 Mark ab, die für die Erweiterung des altkatholischen Konvikts in Bonn gefordert war. Gegen diese Majorität standen Freikonservative, Nationalliberale und Freisinnige. Bei der Debatte hatte das Centrumsmitglied Im Walle - Hamm darauf hingewiesen, daß auch Juden, Mennoniten, Wiedertäufer und andere Sekten aus Staatsmitteln für ihren Kultus Zuschüße fordern könnten, wenn man sie den Altkatholiken gewähren wolle. Diese Bemerkung veranlaßte ein anderes Mitglied des Centrums, Roeren, darauf hinzuweisen, daß ein solcher Anspruch auch ganz gerechtfertigt sei, weil die anderen Religionsgesellschasten doch für die staatliche Unterstützung der christlichen Kirche durch ihre Steuern beitragen. Der deutsch-konservative Abg. v. Heydebrand erklärte diese Forderung anderer Religionsgesellschaften für nicht gerechtfertigt, und zwar deshalb nicht, weil Preußen ein christlicher Staat sei. Merkwürdig! Und schon in einer der nächsten Sitzungen des Abgeordnetenhauses wurde, freilich bei anderem Anlaß, von denselben Parteien iit rührender Uebereinstimmung erklärt, Preußen sei ein durchaus paritätischer Staat, in dem nicht eine Konfession den Vorrang haben dürfe. * In Rußland geht etwas vor. Zwar, die Nachrichten über den Zaren, die jüngst in dänischen Blättern lancirt wurden, sind falsch, indeß die Thatsache von der Existenz divergirender Strömungen in den oberen Regionen läßt sich nicht verleugnen. Jetzt will man wieder gegen die Ausländer und insbesondere gegen die jüdischen Reisenden Vorgehen. Zunächst im Kaukasus; später soll die Fremdenverfolgung in anderen Reichstheilen fortgesetzt werden. Die Methode dafür kennt man aus früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten. Die russische Presse, welche noch warm ist von ihrer Entrüstung über die Ausweisungen aus Schleswig und Schlesien, wird nicht ermangeln, die Weisheit der Regierung mit etlichen hundert Zungen zu preisen. Die beginnende fremdenfeindliche Strömung dürfte mächtig anschwellen. Sie wird, wie man den „Münchener Neuesten Nachrichten" aus Petersburg schreibt, geleitet von dem Trio: 1. Pobjedonoszew, der sich mit Witte entzweit hat und diesen mündlich und schriftlich beim Zaren anschwärzt; 2. Großfürst Alexander Michailowitsch (der die Schwester des Zaren, Xenia, zur Frau hat), ein leidenschaftlich ehrgeiziger Herr. Er stützt sich auf das Moskowiterthum und ist glühender Antisemit aus Berechnung; 3. die Kaiserin- Mutter, der eine Palast-Revolution ü In Peking gar nicht ungelegen käme. * Der französische Senat hat nun auch den Gesetzentwurf betreffend die Abänderung des Revisionsverfahrens nach dreitägiger Debatte mit 151 gegen 131 Stimmen angenommen. Die eindringlichen Warnungen der Republikaner, die ihre überzeligtesten Vertreter vorgeschickt hatten, sind erfolglos geblieben. Die Regierung hat somit die Sanktion ihres gefährlichen Beginnens, die Trennung der richterlichen und der gesetzgeberischen Gewalt zu verwischen, vom Parlament erhalten und den beabsichtigten Gewaltstreich durchgeführt. Die Garantie, daß dem Bürger fortan eine verfaffungs- und gesetzmäßige Rechtsprechung sicher ist, hat einen bedeutenden Stoß erhalten, denn wer bürgt dafür, daß diesem Gelegenheitsgesetz in Zukunft nicht ähnliche, je nach Bedarf, folgen! Die Sache der Revision des Dreyfus-Prozeffes aber erfährt durch dieses, dem Jnsaffen der Teufelsinsel auf den Leib geschnittene Gesetz eine neue Hemmung, denn der vereinigte Kaffationshof dürfte die Revisionsgegner in der Mehrzahl aufweisen. Trotzdem beginnen schon die Antisemiten, auch diesen vereinigten Kaffationshof zu verdächtigen, und Henri Rochefort hat schon gefragt, „wie viel Millionen Zadoc Kahn für die Bestechung dieses Gerichtshofes ausgesetzt habe". Unglaublich, aber wahr! * Die neuen Wahlen haben in Griechenland den Sieg der Partei Theotoki gebracht. Die dortigen Juden haben allen Grund mit diesem Wahlresultat zufrieden zu sein, denn sie dürfen mit Sicherheit darauf rechnen, daß Theotoki die Gleichberechtigung aufrecht erhalten und etwaige Ausschreitungen, wie solche zum Beispiel in Theffalien vorgekommen sind, energisch unterdrücken wird. Aus dem „Verbände für jüdische Mohlthätigkeitspflege". 8. Berlin, 2. März. (qSgfcie heute im Repräsentantensaal der jüdischen Gemeinde tagende jÖF Delegirtenversammlung, zu der alle dem Verband angehörenden Vereine Vertreter und Vertreterinnen entsandt hatten, nahm einen sehr interessanten Verlauf. Der Verbandsvorsitzende, der Gemeindevorsteher Herr Martin Simon, leitete nach herzlicher Begrüßung der zahlreich erschienenen Delegirten und Gäste die Verhandlungen mit einem allgemeinen Rechenschaftsbericht ein. Dem Verbände gehören 54 Institutionen an, 20 Vereine halten sich dem Verband noch fern. Vom 1. April 1898 bis 1. Februar 1899 sind 11151 Anfragen und 11 260 Be-