Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1899)
- Date
- 1899-03-10
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WWd.<V^^^^^MlWWMWW«««W 110 der Israeliten unb den nur von Wlicher und Ausbeutung lebenden Juden des Stammes Inda. Diese Letzteren haben nun die Elfteren unterjocht und ihre Religion denselben aufgezwungen. Was gut ist an der jüdischen Religion, ihre ethischen Begriffe, die Reden der Propheten rc., seien Ueberbleibsel der alten Traditionen der , Israeliten, die aber hinter der finsteren Religion des judäischen Talmuds zuriicktrete» müßten. Natürlich beweisen diese selben Gelehrten, das; die Juden nie ein ackerbautreibendes Volk gewesen - seien, daß sie von jeher sich durch Wucher ihre Macht erstritten hätten, daß sie alle Völker, unter denen sie wohnten, ausgebeutet,, hätten und daher von ihnen gehaßt worden wäre». Ja, in dem diesjährigen antisemitischen Jahrbuch geht ein Dr. Stille so weit, die Judenverfolgrmgen der ersten Römerzeit ganz gerechtfertigt zu finden, denn diese hätten nicht der christlichen Religion gegolten, sondern dem schlechten Benehmen der ersten Christen, die wohl alle Juden dem Stamme nach gewesen seien. Aber dieser gelehrte Historiker geht noch viel tveiter. Auf Seite 19 und 20 des antisemitischen Jahrbuchs deutet er an, die Juden hätten den berühmten Brand von Rom unter Nero angelegt und, als dies herausgekommen sei, die Schuld auf die Christen abgewälzt. Die 1 Römer hätten aber damals mit gutem Grund keinen Unterschied zwischen Juden und Christen machen können, denn die damaligen : Christen seien ja ihrer Rasse nach Juden gewesen. Solcher neuen ■ Weisheiten, die die Historiker der Antisemiten ent'. 1t haben, sind noch viele anzuführen, aber schon die bisher genau, n geben ein genügendes Bild von der Methode dieser neuen Gesü, tsforschung - und von den Ergebniffen, die dabei immer schon vor der Forschung vorhanden sind. Um den Ruhm der Juden zu verkleinern, schrecken solche Forscher nicht vor der Verkleinerung des eigenen Stammes « unb der eigenen Religion zurück. Wie kläglich müffen doch jene Arier gewesen sein, die trotz ihrer Kriegstüchtigkeit und ihrer besseren Raffe und infolgedessen auch Religion sich die angeblich schlechtere Religion von der angeblich schlechteren, feigen semitischen Rasse; habe» aufzwingeu lassen! Und wenn die Verfolgungen der Römer . gegen die Christen gerecht waren, wie konnte da die christliche Kirche : ihre Märtyrer feiern? Auch einige Beispiele der hohen Gelehrsamkeit mögen Platz finden. So citirt Herr Dr. Stille Seite 13 Jesus Sirach als Propheten. So hat er entdeckt, daß gerade die Quartiere der Juden in Rom von der Feuersbrunst unter Nero verschont blieben rc. Es hätte nicht gelohnt, sich mit diesen Leistungen einer Wissen- . schaft zu beschäftigen, wüßte man nicht aus der vergangenen Zeit- Periode, wie leicht alle solche Ausstreuungen, besonders wenn sie ini Gewände einer gewissen Gelehrsamkeit auftreten, von dem leicht- ' gläubigen Volk für baare Münze genommen werden, und wie sehr ( sie deshalb dazu geneigt sind, das Ansehen der jüdischen Religion und Geschichte herabzudrücken. Mit dem Ansehen der jüdischen Religion und der jüdischen Wissenschaft steht Und fällt aber auch zugleich das Ansehen der Judenheit im Ganzen und die Achtung auch vor dem einzelnen Juden. Darum müffen wir selber bestrebt sein, möglichst gute Kenntniß unserer Geschichte, unserer Religion ' und unserer Litteratur zu verbreiten, und das beste Werkzeug dafür sind unsere Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur. Wenden > diese sich auch zumeist an Juden, so dringen doch die Kenntnisse, die; erst viele Juden besitzen, bald auch zu der nichtjüdischen Umgebung durch und heben die Stellung des Judenthums in den Äugen der r Nichtjuden. ' ' Wir sind in der glücklichen Lage, daß wir mehr Licht s über unsere Alterthümer nicht zu scheuen haben, im Gegentheil, wir wünschen uns nichts Befferes, als daß Jedermann unsere Religion unsere Geschichte und unsere Litteratur recht genau kennte. Mögen dazu die Vereine sür jüdische Geschichte und Litteratur noch recht viel beitragen. (2 Pit Woche. Berlin, 8. März. neues Volksschulgesetz ist in Sicht. Das Centrum ^■01) will es und die Konservativen auch, also wird es wohl zu x Stande kommen. Als Seitenstück zu dem freikonservativen Antrag, betreffend die Neuregelung der Schulunterhaltungspflicht, haben die Konservativen folgenden Antrag int Abgeordnetenhaus eingebracht: Die königliche Staatsregierung aufzufordern, spätestens in der letzten Session des Landtags einen Gesetzentwurf vorzulegen, der sich zur Beseitigung der bestehenden Härten äußert und die Verhältnisse der Volksschulen, insbesondere deren Unterhaltungslast, in gerechter Weise regelt, aber zugleich den konfessionellen Charakter der Volksschule sowie die Rechte der Eltern und Gemeinden aufrecht erhält und sichert. Von welcher Bedeutung diese Angelegenheit für unsere besonderen Verhältnisse sein würde, braucht nicht erst des Weitern auseinandergesetzt zu werden. Die Hoffnung, daß ein solcher klerikal-konservativer Schulgesetzentwurf diesmal dasselbe Schicksal haben werde wie seinerzeit der Zedlitz'sche, ist nur eine sehr schwache. In der Sache der Ordinariate der jüdischen Lehrerinnen ist nun der Bescheid des Kultusministers auf die Eingabe der städtischen Schuldeputation bekannt geworden. Er hat folgenden Wortlaut: „Die Vorstellung der hiesigen städtischen Schuldeputation vom 10. November vorigen Jahres hat mir Veranlassung zu erneuter Prüfung der Vorgänge gegeben, welche zu meiner Verfügung vom 27. Dezember 1895 geführt haben. Ich habe aber keinen Grund zu einer Zurücknahme oder auch nur zu einer Abänderung der Verfügung finden können. Dieselbe gründet sich, wie ich vorausschicke, auf die Borschriftendes Artikels 24 der preußischen Verfassungsurkunde, nach welcher bei Errichtung der öffentlichen Volksschulen die konfessionellen Verhältnisse möglichst zu berücksichtigen sind.. Denn wie auch sonst über die Tragweite dieser Vorschriften gestritten werden mag, darüber kann kein Zweifel fein, daß es der Verfassung nicht entspricht, wenn für eine Klasse, die von Kindern nur einer Konfession besucht wird, ein Lehrer oder eine Lehrerin anderen Glaubens als Erzieher bestellt wird. Auch widerspricht ein solches Vorgehen der ganzen Entwickelung des preußischen Bolksschulwesens. Es hat mir aber bei dem Erlaß die Absicht fern gelegen ältere und in langjähriger treuer Ausübung des Ordinariats bewährte- Lehrpersonen plötzlich aus demselben zu entfernen und denselben damit rücksichtslos unverdiente persönliche Nachtheile zuzufügen. Wenn dies gleichwohl geschehen und dadurch eine erklärliche Bitterkeit erregt worden ist, so liegt das nur an der Art und Weise, in welcher meine Verfügung vom 27. Dezember 1895 zur Ausführung gekommen ist. Es hätte der städtischen Schuldeputation nicht schwer werden können, die jüdischen Lehrerinnen, welche ihr Ordinariat um deswillen nicht mehr behalten durften, weil in ihren Klassen Kinder ihrer Religion überhaupt nicht oder nur ganz vereinzelt vorhanden waren, an eine andere Ge meindeschule oder Klasse zu versetzen, in welcher mindestens so viejüdische Schulkinder waren, daß sie dort ein Ordinariat erhalten konnten,! oder wenn das nicht der Fall war, doch ihre Verwendung außerhalb desselben nicht auffällig und für die betheiligten Lehrerinnen verletzend erschien. Ich wünsche, daß bei weiterer Ausführung meiner in Rede stehenden Verfügung insbesondere ältere Lehrpersonen geschont werden. Es handelt sich hierbei lediglich um rein sachliche, im Interesse der Schule liegende Unterrichtseinrichtungen, bei denen jüdische Lehrpersonen den gleichen Anspruch auf gerechte und billige Rücksichtnahme haben, wie