Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-03 · Heft 9 (3.3.1899) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 9 (3.3.1899)
Date
1899-03-03
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228321--55313-3291506
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 kl. Hamburg, 27. Februar. Es dürste vielleicht für viele Leser Ihrer geschätzten Zeitschrift von Interesse sein, zu erfahren, daß der verstorbene Präsident der französischen Republik Felix Faure, bevor er das höchste Amt der Republik antrat, in regen geschäftlichen Beziehungen gleichwie zu Hamburger, so auch zu Altonaer Israeliten gestanden hat. So unterhielt z. B. die Firma Heine u. Fleischmann mit Felix Faure einen lebhaften Geschäftsverkehr. Letzterer ist auch mehrfach in Altona gewesen, um mit den Inhabern der Firma persönlich zu konseriren. Auch mit der Hamburger Firma Jacob Nordheim stand Faure in reger geschäftlicher Verbindung, und häufig hat der verstorbene Präsident Herrn Nordheim und seiner Familie in Flottbeck seinen Besuch abgestattet. Dem Mitinhaber der Altonaer Firma H. u. F., Herrn Eduard Fleischmann, hat Herr Felix Faure s. Zt. in der Fleischmann'schen Wohnung in der Turnstraße in Altona seinen Besuch abgestattet. Felix Faure u. Co. in Havre, eine der bedeutendsten Firmen in Fellen und Häuten, unterhält auch noch heute mit den genannten Geschäftshäusern die von Faure angeknüpfte Verbindung. Die Inhaber der beiden Firmen rühmten stets die Leutseligkeit des Verblichenen, der trotz der höchsten Würde, die er in Frankreich bekleidete, seinen früheren Geschäftsfreunden wohl zugethan war. Zu der Beerdigung in Paris waren die betreffenden Kaufleute resp. deren Vertreter hingereist. x. Cassel, 27. Februar. Einem Abiturienten des hiesigen israelitischen Lehrerseminars ging folgender Bescheid zu, der die nach 1900 ihrer Militärpflicht obliegenden Lehrer interessiren dürfte. „Bezirks-Kommando I Cassel. J.-Nr. 257 I, 13. Februar 1899 R. H. Dem Einsender die Mittheilung, daß das jüdische Lehrerseminar mit den übrigen anderen Seminarien die gleiche Berechtigung besitzt. Es käme also für Sie die Dienstzeit der Volksschullehrer (10 Wochen und vom Jahre 1900 ab ein Jahr) in Betracht. Jedoch ist es den Seminarabiturienten (nicht den im Amte befindlichen Volksschullehrern rc.) freigestellt, schon jetzt ein Jahr mit der Waffe bei den Fahnen zu dienen." — Dieses durfte der erste bündige Erlaß in dieser viel erörterten Frage sein, aus dem aber auch hervorgeht, daß junge Lehrer, die als Re lig io ns - lehrer amtiren, zwei Jahre dienen müssen. Um dieses zu vermeiden, müßte der D.-J. G.-B. beim Herrn Reichskanzler vorstellig werden. Frankfurt a. M., 27. Februar. Frau Baronin Clara v. Hirsch in Paris hat zur Erinnerung an ihren hier geborenen Onkel Dr. Salomon Hayum Goldschmidt eine Stiftung unter dem Namen „Goldschmidt- Bischoffsheim'sche Darlehenskasse" errichtet. Die Kasse bezweckt, der Nothlage Hilfsbedürftiger durch Gewährung unverzinslicher Darlehen abzuhelfen, besonders ihnen zu ermöglichen, durch die Ausübung eines ehrenhaften Gewerbes oder Berufes den Unterhalt für sich und ihre Familie zu gewinnen. Die Stiftung ist interkonfessionell. Sie ist landesherrlich genehmigt worden und beginnt soeben ihre Wirksamkeit. Die zu gewährenden Darlehen betragen 500 M., in Ausnahmefällen können Darlehen bis 800 M. bewilligt werden. Letzteren Falles ist jedoch sichere Bürgschaft beizubringen. An der Spitze der Verwaltung steht Herr Stadtrath Gottfried C. Beck als Vorsitzender und Herr Salomon Cahn als stellvertretender Vorsitzender. Außerdem gehören dem Vorstande folgende Herren an: Sanitätsrath Dr. Jak. de Barn, Kaufmann Jul. Schwelm, Kaufmann Emil Stiebel, Kursmakler Heinrich Wisloch, Privatier Dr. Karl B. H. Goldschmidt. o. Straßburg i. C., 24. Februar. Vor einigen Wochen starb hier eine Jüdin, welche zum Katholizismus übergetreten war. Von ihrem verleugneten Glauben hatte fie den Namen „Judenmarie" erhalten; ihr rechter Name war Barbara Levy. In anscheinend ärmlichen Verhältnissen, verdiente sie ihr Brod als Leichenwäscherin, bis sie der Tod plötzlich überraschte. Ihre Hinterlassenschaft bestand in baaren 15 000 Mark, hundert Leintüchern und einigen hundert Strümpfen, welche in ihrer Kammer aufgespeichert waren. Nach langem Forschen stellte es sich heraus, daß die Erbin von all diesem ein jüdisches Dienstmädchen ist, welches in New-Orleans (Amerika) lebt. Seine Eltern wohnen hier; sein Vater ist ein kranker Mann und erwerbsunfähig. Die Tochter wird nun im Stande sein, ihre Eltern zu unterstützen, vielleicht auch zu erhalten. Oesterreich - Ungar«. LI Wien, 27. Februar. Aussehen erregt in betheiligten Kreisen die ohne jeden Grund erfolgte und vom Bürgermeister angeordnete Ausweisung des Journalisten Ernst Victor Zenker, Berichterstatter der „Neuen Freien Presse" von den Gemeinderathssitzungen; nun ist es ja kein Unglück von den Sitzungen ausgeschlossen zu werden, aber immerhin Jft dieser Gewaltsstreich bezeichnend für das jetzige Regime. Auch unter den Gewerbetreibenden, die früher nur zu Lueger beteten, macht sich seit einiger Zeit eine stark feindliche Strömung gegen die herrschende christlich-soziale Partei geltend; man hat ihnen eben auch zu viel versprochen, um nachher nichts zu halten. — Kürzlich wurde der kaiserliche Rath Heinrich Kling er, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, vom Kaiser in Audienz empfangen. — Dr. Siegmund Grünberg ist zum Staatsanwaltssubstituten ernannt worden. — Ein erfreuliches Resultat bilden die Wahlergebnisse in der Provinz. So unterlagen bet den letzten Gemeinderathswahlen in Lundenburg in allen Wahlkörpern die antisemitischen Kandidaten. — Bor einigen Tagen hat ein Wohlthäter, der ungenannt bleiben will, bei dem Schriftsteller Emanuel Baumgarten den Betrag von hunderttausend Kronen Rente mit der Bestimmung zur Errichtung eines Kinderhospitals erlegt. Dem Wunsche des Spenders gemäß sollen in diesem Kinderspital Patienten ohne Unterschied der Konfession oder Nationalität behandelt werden. Herr Baumgarten hat diese Spende dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, kaiserlichen Rath Klinger, übergeben. — Der Kaiser hat dem Klassenlehrer der Knabenschule im XIII. Bezirk Samuel Epstein die Ehrenmedaille für 40jährige treue Dienstzeit verliehen. Dieselbe Medaille erhielt auch der greise Rabbinatsassessor in Nikolsburg, Herr Josef Knöpfelmache r. — Während der letzten galizischen Judenexzesse, die in der Umgebung von Jaslo ihren Anfang genommen haben, hat in dieser Stadt besonders der Gymnasialkatechet Graf Wisniowski viel von flch hören lassen. In der kritischen Juni-Nacht, da Bauernhorden die Stadt überfielen und lediglich von einigen Mitgliedern des Jagdklubs und einem Gendarmen auf der Brücke zurückgehalten wurden, hat er öffentlich die Bauern aufgereizt, sich nur nicht abschrecken zu lassen. Trotzdem haben sich weder die Schulbehörde noch die staatlichen Organe veranlaßt gefunden, gegen diesen Mann einzuschreiten. Im September v. I. ließ er nun wieder von sich hören. Sowohl der Sicherheitsbehörde als den Blättern kam von ihm eine Anzeige zu, daß zwei unbekannte Individuen auf ihn ein Attentat versucht hätten. Die Antisemitenblätter behaupteten sofort, daß dies Juden gewesen sein müssen. Die Sicherheitsorgane vermochten jedoch keine Spur der Attentäter zu entdecken und kamen vielmehr auf den Verdacht, daß alles vom gräflichen Hetzpfaffen ersonnen sei. Sie schenkten ihm daher besondere Aufmerksamkeit und entdeckten gewisse strafrechtlich verpönte Beziehungen zwischen dem Katecheten und seinen jugendlichen Schülern Man würde nun glauben, daß er hierauf ins Zuchthaus gewandert ist. Das geschah nicht. Er wurde blos ins Irrenhaus von Göding eingesperrt. Großbritannien. 6. London, 26. Februar. Wieder einmal kam in der Kammer die Frage der Beschränkung der Einwanderung zur Sprache. Ein Abgeordneter, Mr. Lowles, fragt die Regierung an, wann die Maßregeln zur Beschränkung der Einwanderung fremder Armer vorgeschlagen werden würden. Mr. Johnston, Abgeordneter für Belfast, erhob Einspruch dagegen, daß man an der guten alten Tradition, daß England die Zufluchtsstätte aller Bedrückten sei, rütteln wollte. Der Sprecher der Regierung, Mr. Balfour, erklärte, daß dieselbe wohl der Meinung sei, es müßten die Vollmachten der Beamten vergrößert werden, damit dieselben wirksam der Einwanderung von Elementen entgegentreten könnten, die nur eine Last für die Armenkassen seien, oder die sonst verderblich seien. Die Regierung könne aber noch nicht bestimmen, wann sie in der Lage sei, ein Gesetz vorzulegen. Damit ist dieser Gegenstand wieder für eine Session erledigt. — Die Testamentseröffnung der Baronin Stern ergab, daß diese Wohlthäterin außer der Summe von 1200 000 Mark, welche sie zur Errichtung eines jüdischen Rekonvaleseentenheims bestimmt hat, noch weitere 120 000 Mark für Wohlthätigkeitszwecke hinterlassen hat. Davon erhalten sechs Hospitäler je 10 000 Mark, und 60000 Mark sollen die Testamentsexekutoren nach ihrem Ermessen unter jüdische Anstalten vertheilen. — In dem Board of Deputies wurde am Sonntag den 19. Februar über eine interessante Frage verhandelt. Jüdische Knaben aus einer Besserungsanstalt waren von einigen Regimentern zurückgewiesen worden, weil diese befürchteten, daß die jüdischen Burschen, die theils in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.