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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-03-03 · Heft 9 (3.3.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 9 (3.3.1899)
Date
1899-03-03
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 das Musikkorps, theils in die Regimentswerkstätten eintreten wollten, sich weigern würden, am Sabbath zu arbeiten. Ein jüdischer Lehrer hatte sich deshalb an den Oberst Goldsmid gewendet, dieser aber die Sache zurückgewiesen mit der Erklärung, daß, wenn die Juden gleiche Rechte haben wollten, sie sich auch den Erfordernissen des Staates fügen und als Soldaten am Sabbath arbeiten müßten, wie es der Dienst verlangt, umsomehr, als mit der größten Rücksicht jedem jüdischen Soldaten, wenn nur irgend angängig die Möglichkeit gegeben werde, die Synagoge zu besuchen. Der Board of Deputies, der lange darüber hin und her berieth, kam schließlich doch zu dem Schluß, daß er als solcher in der Sache nichts thun könnte, und lehnte jede Intervention in dieser Sache ab. Amerika. { C'h. New-Aork, Mitte Februar. Das Ereigniß in rabbinischefi Kreisen ist die kürzlich vollzogene Wahldes Herrn Dr. Emil G. Hirsch von Chicago zum Prediger am Tempel Emanuel in New-Aork an Stelle des mit einer Pension von 6000 Dollars in den Ruhestand tretenden Dr. Gustav Gottheil. Emil Hirsch, der als der hervorragendste jüdische Kanzelredner des Landes gilt, ist im Jahre 1851 in Luxemburg als Sohn des bekannten Religionsphilosophen Samuel Hirsch geboren, kam als Knabe mit seinem Vater nach Amerika, studirte hier und an der Berliner Hochschule. Seit 1881 ist er Rabbiner ander Sinai-Gemeinde in Chicago, welche, die erste und einzige im Lande, ihren wöchentlichen und Festtagsgottesdienst — mit Ausnahme von Neujahrs- und Versöhnungstag — am Sonntag abhält. Hirschs Gehalt ist auf 14000 Dollars normirt worden (56000 Mark), was wohl das höchste je einem Rabbiner gezahlte Gehalt ist. Hirsch ist auch Honorarprofessor an der Chicagoer Universität. — Von allen Seiten werden große Vorbereitungen getroffen, um den 80. Geburtstag des Nestors der amerikanischen Rabbiner, Dr. Jsaac M. Wise in Cincinnati, zu feiern. Der amerikanische Rabbinerverband wird zu Ehren des Jubilars eine außerordentliche Versammlung vom 13—18. März in Cincinnati abhalten. Dr. Wise ist am 3. Nissan 1819 in Steingrub (Bezirk Eger in Böhmen) geboren. Von Nah und Fern. Das Herrenhaus hat in seiner Sitzung vom 22.Februar das: Gesetz betreffend die Synagogengemeinde-Verhältnisse in Frankfurt a. M. ohne Debatte genehmigt. — Ein Flugblatt mit der mehrerwähnten Rede des Grafen Pückler, das ein antisemitisches Blatt herausgegeben, wurde in der betreffenden Redaktion und in allen Berliner Lokalen konfiszirt. — Der Schiffsarzt der „Bulgarin", die nun glücklich gerettet ist, war Tr. C. Muszkat aus Breslau, dessen aufopfernde Thätigkcit allgemein gerühmt wird. — In Breslau beging am 20. d. M. unter der innigsten Antheilnahme weiter Kreise die ehrwürdige Vorsteherin Frau Johanna Rad lauer, welche seit einem Menschenalter im Dienste der barmherzigen Nächstenliebe mit hingebungsvoller Aufopferung wirkt, in harmonischer Frische an Körper und Geist ihren 80. Geburtstag. — Die großherzoglich weimarische Regierung läßt offiziös dementiren, daß dem Rektor a. D. Ahlwardt Hindernisse für seine Agitation in ihrem Lande in den Weg gelegt worden seien. — Regierungspräsident v. Brand enstein in Hannover besuchte am 21. d. M. in Begleitung des Oberregierungsraths v. Funck! und des Regierungsraths Meyer die israelitische Erziehungsanstalt üt Ahlem, welche die Herren einer zweistündigen Besichtigung unterzogen. Sie sprachen sich anerkennend über die Einrichtungen der Anstalt, über die dort herrschende Zucht und Ordnung sowie über die einfache Erziehungsweise und die Leistungen der Zöglinge aus; nicht minder erklärten sie ihre volle Zustimmung und das Wohlwollen der Regierung für die Bestrebungen, jüdische Knaben vom Kleinhandel abzulenken und sie der Landwirtschaft und dem Gartenbaü zuzusühren. — In Hamburg haben die Eheleute Martin untz Clara Heimann, geb. Kempner, beim Senat das Ansuchen gestellt, ihnen einen Platz zur Errichtung von Freiwohnungen für alte würdige und hilfsbedürftige Eheleute und alleinstehende Frauen ohne Unterschied der Konfession zu überlassen. Sie beabsichtigen, zunächst ein Gebäude mit 30 Wohnungen zu errichten, ' zu welchem Zweck sie 1(D 000 Mark zur Verfügung stellen. Ein gleicher Betrag wird jedesmal nach Ablauf von vier Jahren aus den der Ehefrau zustehenden Zinsen eines größeren Kapitals zur Verwendung kommen, auch soll schließlich das gemeinschaftliche Vermögen der Eheleute der Stiftung zufallen. — Die Burleske Zola-Dreyfus, die im Scalatheater zu Köln aufgeführt werden sollte, ist vom Polizeipräsidenten in letzter Stunde verboten worden. — Dr. med. Adolf Magnus-Levy aus Berlin, früher Assistent am hiesigen städtischen Krankenhause am Urban, ist bei der Universität Straßburg als Privatdozent für innere Medizin zugelassen worden.— Der russische Staatsrath L. v. Poljakoff in Petersburg ist zum wirklichen Geheimen Staatsrath ernannt worden. — In Zürich herrschen traurige Verhältnisse. Einige Gemeindemitglieder waren wegen Störung des Gottesdienstes aus der dortigen jüdischen Gemeinde ausgeschlossen worden. Einer hatte deshalb beim Bezirksgericht Klage erhoben, war aber abgewiesen worden, wie auch später von einer höheren Instanz. Damit nicht zufrieden, begann er den Prozeß von Neuem auf veränderter Basis, hatte jedoch nicht mehr Glück wie vordem. Trotz eines großen Zeugenapparates erfolgte wieder Abweisung der Klage, sowie Auferlegung der bedeutenden Kosten. — Aus R o m wird berichtet: Dem Schwiegersohn des hier weilenden russischen Geheimraths Lazar de Poliakow, Herrn Georges Levi, wurde vom König von Italien die Baronie verliehen. König Humbert empfing den Baron Levi in Audienz und unterhielt sich mit ihm längere Zeit in freundlichster Weise. — Aus Paris wird berichtet: Der Vater Joseph Reinachs, Hermann I. Reinach, ist, 82 Jahre alt, gestorben; ehemals ein großer Finanzier, welcher eine hervorragende Rolle in der Finanzwelt spielte, hat er sich seit 25 Jahren von den Geschäften gänzlich zurückgezogen. — Siebzehn Polizeikommissare in Paris haben den Auftrag erhalten, bei verschiedenen Personen Haussuchungen vorzunehmen, namentlich bei Guerin/ dem Direktor des „Antijuif", und anderen Antisemiten. Die Untersuchungen werden ausgeführt auf Grund eines von dem Polizeipräfekten erlassenen Befehls. Dieser enthält die Angabe, daß er in Auskünften seinen Grund habe, die dem Polizeipräfekten zugegangen seien und besagen, daß sich eine Gruppe von Leuten unter dem Namen „Antisemitenliga" zusammengeschlossen habe, deren Programm gegen Artikel 291 des Strafgesetzbuchs verstoße. In einem das Mandat begleitenden vertraulichen Schreiben des Polizeipräfeklen wird gesagt, die Untersuchungen sollten sich besonders auf alle Schriften erstrecken, die über das Wesen und die politische Wirksamkeit der antisemitischen Liga und ihre Verbindungen mit den royalistischen und bonapartistischen Komitees und mit anderen Vereinigungen Aufklärung geben können. — Die Akademie der Wissenschaften in Paris hat Luigi Luzatti, den ehemaligen italienischen Finanzminister zum auswärtigen Mitglied ernannt. Die Ehre ist um so größer, als dieser Posten vor ihm von einer so bedeutenden Persönlichkeit wie Gladstone bekleidet wurde. Luzatti verdankt seine Berufung den großen Diensten, welche er Frankreich sowohl wie seinem Vaterlande beim Abschluß des französisch-italienischen Handelsvertrages erwiesen hat. — Vor dem Büreau der Rothschild'schen Bank in der Rue Lafitte fanden am Tage der Präsidentenwahl antisemitische Ansammlungen statt. Die Manifestanten zertrümmerten im Erdgeschoß die Fensterscheiben. — Am 9. d. M. sah man auch beim Blumenkorso in Nizza an allen Ecken Affichen: „A bas les Juifs!“ Tatsächlich hatten sich die dort zahlreich anwesenden Juden vom Korso ferngehalten. Leider ist auch die sonst so herrliche Blumenstadt von des Antisemitismus Blässe angekränkelt; die Bevölkerung sieht aber bereits ein, welcher Schaden ihr dadurch erwächst. — Der verstorbene Baron Reuter, der Begründer des weltberühmten Telegraphenbüreaus in London, war von jüdischer Herkunft. Er stammte aus Halberstadt. — Ein harter Schlag hat die israelitische Gemeinde von Smyrna getroffen. Der Oberrabbiner Palatsche ist gestorben. Sein Ableben ist für die Gemeinde und die israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten ein großer Verlust. — Der jüngste Sergeant der amerikanischen Armee ist ein Jude, Namens H. H. Bock, der im 5. Freiwilligen-Regiment Kompagnie 6. dient. Bei Ausbruch des Krieges war er Landarbeiter auf einer Farm, trat aber sofort in Chicago beim Militär als Gemeiner ein und avancirte bald. — Die Zahl der Juden in Kanada ist, obwohl schon seit 1760 Juden dort ansässig sind, doch recht klein und beträgt nur 6114 Seelen. Davon sind im Ganzen 73 in der Provinz Neu-Braunschweig ansässig, und diese haben sich jetzt zufammengethan und in St. John eine Synagoge erbaut. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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