Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang, «r. 9. Lerlin. 3. Mär^ 1899 Weikcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Machrichten. Deutschland. L2ZBerlin, 1. März. Wie man uns mittheilt, hat Herr Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs, der seit einigen Jahren Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde ist, sein Entlassungsgesuch eingereicht und dieses mit Ueberbürdung durch Berufsgeschäfte motivirt. Herr Dr. Fuchs ist allerdings einer der angesehensten Anwälte am Kammergericht und auch sonst vielfach in Vereinen sehr thätig. Seine Thätigkeit innerhalb des Vorstandskollegiums war eine sehr eifrige und gedeihliche. Seine letzte Rede in der Generalversammlung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" war ein Meisterwerk. Gerade darum aber würden wir es lebhaft bedauern, wenn dieser Entschluß unwiderruflich wäre, und wir hoffen zuversichtlich, daß es vereinten Bemühungen gelingen wird, Herrn Dr. Fuchs zur Zurücknahme seiner Demission zu veranlassen. L2 Berlin, 27. Februar. Der Bescheid des Kultusministers auf die Remonstration der Berliner Schuldeputation vom 22. November v. I. in Betreff des den jüdischen Lehrerinnen genommenen Ordinariats ist, wie die „Freisinnige Zeitung" hört, dem Provinzial-Schulkollegium zugegangen. — Die städtische Verwaltung wird ja nun wohl auch bald Kenntniß von der ministeriellen Entscheidung erhalten. Bekanntlich hat die Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag die Besprechung der Angelegenheit bis zum Eingänge der Antwort des Ministers vertagt. Im Uebrigen hat auch der Kommunalverein des Westens in seiner ersten öffentlichen Sitzung zu der Frage Stellung genommen, indem er einstimmig erklärte, „in der geübten Beeinträchtigung der religiösen Gleichberechtigung für das Lehramt eine Verletzung des bestehenden gesetzlichen Zustandes zu sehen. Die Versammlung erwartet, daß die städtischen Behörden das bedrohte Recht der Selbstverwaltung mit aller Entschiedenheit wahren werden". 8. Berlin, 27. Februar. Der „Central- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hielt heute Abend seine ordentliche Generalversammlung ab. Der Jahresbericht wurde durch den Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Dr. Horwitz, erstattet. Die Zahl der Mitglieder betrage 9500, die Zahl der korporativen Mitglieder sei auf 68 Gemeinden gestiegen, darunter Danzig und Magdeburg, die bisher den Bestrebungen des Vereins sehr wenig Interesse entgegengebracht hätten. Ein besonders nachahmenswerthes Beispiel gäbe Posen, wo durch die unermüdlichen Bestrebungen des dortigen Mitgliedes Herrn Nathan Kantorowicz von 900 Steuerzahlern 700 dem Verein beigetreten seien. In Breslau zähle der Verein bisher 550, in der kleinen Gemeinde Liegnitz 100 Mitglieder. In Charlottenburg habe erst eine vorbereitende Versammlung stattgefunden, zum 7. n. M. werde eine allgemeine Versammlung einberufen werden. Bei Fortsetzung der jetzt entwickelten Propaganda sei wohl ein Zuwachs an Mitgliedern in großem Maße zu erwarten. Besonders erfreulich sei die Thatsache, daß die Tagesblätter mehr und mehr Notiz von den Veröffentlichungen der Zeitschrift nehmen, und somit der Anfang des erstrebten Zieles gemacht werde, die Mittheilungen in möglichst weite Kreise dringen zu lassen. In ausführlicher Weise gab der Vorsitzende einen Ueberblick über die Thätigkeit des Vereins, speziell in der Frage des Ordinariates der jüdischen Lehrerinnen und in der Schächtfrage. Gegen den Grafen Pückler in Klein-Tschirne, der, wie in der Versammlung mitgetheilt wurde, bereits seines Amtes als Amtsvorsteher entsetzt worden sei, sei bereits Strafantrag wegen eines aufhetzenden Vortrages gestellt worden. Auf Antrag von Dr. Hildesheimer werden alsdann die ausscheidenden acht Mitglieder des Vorstandes durch Akklamation wiedergewählt, zu Kassenrevisoren ebenfalls die Herren Wiener und Alexander Lomnitz wiedergewählt. In der langen Diskussion, welche sich sehr lebhaft und anregend gestaltete, wurde zunächst von mehreren Rednern der zielbewußten Leitung des Vereins lebhafte Anerkennung und Dank ausgesprochen. Gegenstand der Debatte waren nur die beiden Fragen des Schächtens und der gegen die jüdischen Lehrerinnen gerichteten Maßnahmen. Einer besonders scharfen Kritik unterzog Herr Rechtsanwalt Dr. Fuchs das Vorgehen der Unterrichtsverwaltung, die im Abgeordnetenhause in Sachen der Lehrerinnenfrage abgegebenen Aeußerungen. Der Standpunkt des Vereins in dieser Frage sei, daß das Prinzip höher stehe als die einzelnen Personen, daß im Spezialfalle eventuell drei Lehrerinnen leiden müssen, um das Prinzip zu retten. Der Kardinalpunkt der ganzen Frage sei jedoch, ob die Gemeindeschulen konfessionell seien oder nicht. Diese Frage sei nicht zu bejahen, und auch von amtlichen Stellen seien die Schulen als paritätische bezeichnet worden. In der letzten Resolution von Dr. Preuß sei diese Frage ebenfalls berührt worden. Herr Rektor Dr. Adler regte an, zu veranlassen, daß die Zahl der jüdischen Lehrkräfte kompletirt werde, indem man die Schuldeputation auffordere, aus den jüdischen Religionslehrerinnen ordentliche Lehrkräfte zu machen. Der Vorsitzende schloß die Versammlung, welche die Dauer von vier Stunden in Anspruch genommen hatte, mit der eindringlichen Mahnung, das Unrecht zurückzudämmen, von wem immer es ausgehen möge, und sich mit dem Geiste des Widerspruchs und der Kraft gegen alles Unrecht zu erfüllen. 8. Berlin, 27. Februar. Zur Gründung eines „Israelitischen Lehrerinnen heims" war heute Nachmittag eine konstituirende Versammlung nach dem Logensäale in der Wilhelmstraße einberufen worden. Den Vorsitz führte Fräulein Münchhausen; in das Büreau wurden von der Versammlung ferner gewählt: Frau Professor Landau und Fräulein Koelln und die Herren Rektor Dr. Adler und Eugen Rosenstiel. Nachdem die Vorsitzende nach herzlicher Begrüßung der zahlreich Erschienenen in kurzen Worten die Entstehungsgeschichte dieser Idee, die von ihr im Jahre 1891 bereits angeregt sei, gegeben, entrollte Herr Dr. Adler in großen Zügen den Zweck und die Ziele des zu gründenden Lehrerinnenheims. Zunächst richtete der Redner Worte wärmsten Dankes an Fräulein Münchhausen für die außerordentliche Hingebung, welche diese dem Werk nun seit acht Jahren gewidmet hätte. Er schilderte die großen Schwierigkeiten, auf welche der Plan gestoßen sei, aber wenn jemals ein idealer Gedanke seine Macht aller Hindernisse zum Trotz zur Geltung gebracht hätte, so sei es in diesem Fall. Wenn auch der Deutsch-Israelitische Gemeindebund durch dankenswerthe Maßnahmen den jüdischen Lehrerinnen die Möglichkeit gewährt, durch Einkauf in eine Rentenversicherung sich eine Versorgung für die Zeit ihrer Dienstunfähigkeit zu verschaffen, so könne doch nur ein kleiner Theil von dieser Vergünstigung Gebrauch machen. Nur etwa 100 Lehrerinnen befänden sich nämlich in. fester Position, mindestens die zehnfache Zahl in Privatstellungen mit kärglichem Gehalt, und diese müßten mit Kummer in die Zukunft schauen. Die bestehenden Feierabendhäuser, die meist einen spezifisch konfessionellen Charakter trügen, seien ihnen versperrt, zu den wenigen interkonfessionellen, die zumeist, was charakteristisch sei, von jüdischen Lehrerinnen in angestrengter Thätigkeit begründet seien, sei der Zudrang so stark, daß nur eine einzige Jüdin bisher in diesen Anstalten Aufnahme gefunden hätte. Diese Gedanken hätten zu dem Plttn der Begründung eines israelitischen Lehrerinnen Heims geführt, das keine konfessionellen Unterschiede machen soll. Die Gründung solle jedoch nicht nur ein Feierabendhaus sein, es solle auch den durch körperliche Leiden oder Anstrengungen Geschwächten Erholung gewähren, und endlich soll eine Stätte geschaffen werden, in der die Lehrerinnen in den Ferien Aufnahme und Erholung von der schweren Arbeit eines Jahres finden können. Der Referent schloß mit der Bitte, dazu beizutragen, den Plan bald in die Wirklichkeit umzusetzen. Herr Rosenstiel giebt alsdann einige nähere Angaben über die Ausführung des Planes. Er betonte, daß das Institut keine Armenversorgung fein, sondern ein freudiges Alter gestalten solle; die Anstalt müsse von den Lehrerinnen als Selbsthilfe betrachtet werden. In hochherziger Weise sei bereits in Ems ein