Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
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Auge voll Ruhe den jugendlichen Prinzen beobachtete. Rehabeam eilte, sobald er in de» Saal getreten war. an das Fenster und blickte über die Stadt. Dann stampfte er wüthend mit dem Fuße und kehrte an Adonirams Seite zurück. „Es ist, wie die Boten sagten!" rief der Prinz mit wildem Zorn. Die Männer Jerusalems rotten sich zusammen, und überall blinken Waffen. Man soll ihnen augenblicklich die Reiter entgegen senden!" Der Patriarch hielt den Prinzen am Arme zurück. „Prinz," sagte der Greis, „dieser Befehl würde Vas Volk beleidigen und zur Wuth entflammen. Du aber willst über dies Volk herrschen, dessen Geringster Dir noch nicht Treue geschworen!" Rehabeam blickte die versammelten Krieger wild an. „Sie haben Davids Haus Treue zngeschworen, die müffen sie halten, so lange ein Sproß des heiligen Stammes da ist! Oder ich will meinen Fuß auf diesen aufrührerischen Pöbel setzen und ihn mit meinem Grimme zermalmen!" Der Patriarch zuckte die Achseln fast verachtungsvoll. „Du hörst die Stimme des Aufruhrs durch Israel rufen, und nur Juda stimmte in den Ruf nicht ein. Das feindliche Heer des Pharao ist in der Nähe. Amalek ist abgefallen. Edom murrt, und sein bester Held sammelte eine tapfere Schaar zu Jerusalem. Die verwegenen Pläne Jerobeams sind fast gelungen. Und Du willst das erhitzte Volk mit zornigen Drohungen an Davids Hause festhalten?" „Ich will!" rief der ungestüme Königssohn. „Ich höre, zehn Stämme wollen Rehabeams Herrschaft abschütteln, aber mit Judas Kraft allein will ich die Verräther züchtigen! Sandten sie nicht an mich, ich solle das Joch leichter machen, das ihnen Salomo aufgeladen, und fragten sie nicht nach meiner Liebe fürs Volk, als stehe es in ihrem Belieben, mich von Davids Thron zu stoßen? Aber ich habe ihnen gesagt: Hat Euch Salomo ein schweres Joch aufgeladen, so will ich's zehnmal schwerer machen! Züchtigte Euch Salomo mit Geißeln, so will ich Euch mit Skorpionen züchtigen!" Der Patriarch trat zurück und schlug die Hände mit einem Ausdruck der Trauer und des Schreckens zusammen. „Unglücklicher Fürst, also hoffst Du Dein erzürntes Volk bei dem Hause Davids zu erhalten?" „Ja! Mein kleiner Finger ist dicker als meines Vaters Lende! Was will dies Volk unternehmen gegen Rehabeams Kraft?" Der langgezogcne Ton einer Tronipete klang schmetternd herüber von Moriahs Abhängen. Der Prinz eilte stürmisch an das Fenster, und Adoniram folgte ihm. Die Straßen um Zion wimmelten von bewaffneten Menschen. Von Moriah aus schien der Schwall unerschöpflich gegen Zion Heranzuströmen. Deutlich erblickte man unter den unruhigen, mangelhaft bewaffneten Bürgern von Jerusalem trotzige und regelmäßig bewaffnete Krieger, theils heraufgekommen aus den Gebieten der zehn Stämme, theils, und zwar dem größeren Theile nach, dem verwegenen Menschenschläge angehörend, welcher Arabiens Wüsten durchstreift. „Was war das?" rief Rehabeam, nachdem die erwähnte Trompete zu schmettern aufgehört hatte. Da ertönte sie von Neuem, zugleich wurden die Thore der königlichen Burg dröhnend zugeschlagen, und die Reiter innerhalb des Palastes ergriffen ihre Waffen, jedoch nur dem kleinsten Theil nach. Rehabeam blickte den Patriarchen wüthend an. „Soll Davids Haus auf Zion eine Belagerung erleben durch das Volk Israel?" Der Patriarch zuckte die Achseln und schwieg, während er die drängenden Volkshaufen beobachtete. Dann trat er vom Fenster zurück und sagte mit düsterem Ernst: „Es ist kein Zweifel, kriegserfahrene Männer leiten diese Haufen, und ein Gedanke durchdringt sie alle." „Die Männer vom Stamme Juda und Benjamin sind für uns," rief der Prinz rasch und heftig. „Ich will auf diese Aufrührer stürzen, sie vernichten und dann Aegyptens verrätherische Macht aus meinem Lande schleudern!" Der Patriarch trat ihm in den Weg. „Erst frage das Volk, welches David und Salomo treu warwas sein Wunsch ist, daß es bewaffnet gegen Zion heraufzieht?" Der Prinz lachte höhnisch. „Fragen? Ist die Schuld des Pöbels nicht bereits erwiesen? Wer gab ihm die Erlaubniß, bewaffnet gegen Zion heraufzusteigen? Genug dieser Frechheit! Sehen sie blanke Waffen, so laufen sie feige, diese Aufrührer! Zu Pferde, ihr Krieger des Hauses David!" Der Prinz riß seinen Säbel heraus und trat stürmisch auf die Krieger zu. Doch Keiner rührte an die Waffe, Alle blickten fragend den Patriarchen des Stammes Juda an. „Höre mich, thörichter Jüngling!" begann dieser mit einem gewissen Zorn. „Richte nicht uns und das Reich Israel zu Grunde mit den frevelnden Entschlüsien Deines Zornes. Weg mit der Waffe, Du Königssohn, aber darum noch lange nicht König! Weg, oder ich trete mit allen diesen Treue», den letzten Stützen Deines Hauses, auf die Seite der Empörer, die wahrlich Ursache haben, den neuen König zu fürchten!" Der Prinz erbleichte vor Wuth. Er senkte die Waffe unwillkürlich vor dem gebietenden Blick des Greises, steckte sie aber nicht ein- Der Patriarch fuhr fort: „Eh' diese bewaffneten Haufen einen ernstlichen Angriff lvagen, laß' mich zwischen sie treten, damit ich sie frage." „Ich mit den Aufrührern unterhandeln?" schrie der Prinz und hob in wilder Aufregung von Neuem die Waffe. „Wozu schwingen wir den Stahl, ihr Helden Salomos, wenn wir dem Drohen des Pöbels nachgeben?" Die erfahrenen Männer stellten sich um den Patriarchen, und Keiner rührte an seine Waffen. „So seid entehrt und vernichtet!" rief der zornige Jüngling, und in rasch wechselnder Empfindung schleuderte er seinen Stahl fort und warf sich mit zorniger Trostlosigkeit auf einen Sitz. Adoniram blieb vor dem Knaben stehen. „Knabe," sagte er streng, „faffe Deinen Stahl von Neuem, aber gebrauche ihn nicht. Höre, an diesem Tage wird Dein Thron wanken, wenn Deine Kraft so schnell zu trostloser Feigheit herabsinkt. Bedenke, daß Salomo stirbt, daß Jerobeam und Reson um Sulamiths Besitz den Palast angreifen werden, denn sie wollen mit der Prinzessin ein Recht auf Edoms Krone gewinnen. Fasse Deinen Stahl, Knabe, Dein Thron wankt, ich seh' ihn vor Abend noch an Deinem Eigensinn zerschellen!" Rehabeam sprang auf, ergriff die Waffe, wandte sich aber voll Grimm von dem Patriarchen ab und schwieg. Adoniram zuckte von Neuem die Achseln. „Harre in diesem Saal!" sagte er dann kurz. „Ich eile, mit dem Volk zu sprechen." Als der Greis sich entfernen wollte, stürzten mehrere Diener mit verstörten Geberden herein. „Der König ist todt!" schrieen sie, „die Weiber stürzen heulend in das Gemach, Sulamith liegt bewußtlos zu den Füßen des Leichnams!" Der Greis fuhr zurück, dann beschattete ein tiefer Ernst seine gefurchten und dennoch edlen Züge. Er neigte sein graues Haupt und murmelte mit festen Lippen: